Alle haben recht. Leider.
Wenn der Wal in der Straße von Hormus einen Liter Super ext.
Verehrte Lesende,
mein Flügel wackelt auf dem windigen Wasser. Seit ein paar Tagen liege ich mit meinem Hausboot in der Havel, am nördlichen Ende Berlins, wo zu DDR-Zeiten Grenzsoldaten ihre Motorboote zu Wasser ließen. Wie gut, dass hier niemand mehr erschossen wird, der versucht, ans andere Ufer zu schwimmen.
An diesem Tag, in dieser großen Fragezeichenzeit, in der die Hoffnung flüstert und die Angst brüllt, will ich das Lied der Lebensfreude singen. Aber nur zwischen den Zeilen – viel Freude beim Lesen der 238. Sonntagskind-Kolumne.
Swing mit Passkontrolle
Als junger Neuberliner stromere ich Anfang der 1990er durch die Nächte und spiele überall, wo ein Klavier rumsteht. In dieser einen Bar klimpere ich irgendeinen Duke-Ellington-Standard, da höre ich eine rauchige, weibliche Stimme sich in meine Akkorde hineinschmeicheln. Die Sängerin kommt zu mir und wir erfreuen uns beide an der gelungenen musikalischen Kommunikation. Ohne Absprache einfach machen. So ist Jazz. Herrlich! Die Leute in der Bar haben ihre Freude. Bis auf den einen Schwarzen Mann. Als ich mit der Sängerin nach unserem improvisierten Set anstoße, nähert er sich und sagt zu ihr: „You can sing. But White people shouldn’t play jazz.“ Dabei macht er eine abfällige Geste in meine Richtung, er meint das offenbar ernst.
Didaktik deluxe: Erst das Urteil, dann der Unterricht
Auf dem Gymnasium habe ich einen Gemeinschaftskundelehrer, der was gegen „Rechte“ hat. Damit meint er die Partei des damaligen Kanzlers Helmut Kohl, die CDU. Er interpretiert im Unterricht Zeitungsausschnitte über Kohl und seine Parteikollegen, um zu beweisen, dass die Regierenden in Wirklichkeit ein mafiöser, menschenverachtender Haufen sind. Genau das, erklärt er uns, sei eine zwangsläufige Folge des Kapitalismus.
Große Literatur, klein geredet
Für Abwechslung im Zustrom meinungsstarker Einflüsse sorgt mein Deutschlehrer: Brecht, Böll und Grass verhunzen die deutsche Sprache, sagt er. Das verkündet er so überzeugt, dass es keiner Begründung bedarf. Er wird sich schon vorher Gedanken darüber gemacht haben.
Exzellenz auf Sendung – Empfänger unklar
Die Sopranistin und der Bariton, denen ich gestern über zweieinhalb Stunden zuhöre, haben sich bestimmt auch etwas gedacht bei ihrem Konzert. Spannende Musikauswahl, unaufgeführte Lieder eines berühmten Komponisten des 20. Jahrhunderts, sie singen ohne Makel, die Klavierbegleitung ist exzellent. Und trotzdem frage ich mich: „Was wollt Ihr von mir?“ – Offensichtlich wollen sie die tollen Songs auf die Bühne bringen, aber reicht das? In Berlin, wo es jeden Abend Shows und Konzerte gibt, in dieser Zeit, in der sich alle Musik der Welt aus jedem Handylautsprecher andrehen lässt wie Leitungswasser in der Toilettenspülung?
Mitleid vs. Mehrwertsteuer
Sollte man mehr wollen als nur seinen Privatspaß, wenn man auf die Bühne geht? Sollte man mehr sehen als nur seine Privatprobleme, wenn man auf die Straße geht?
Vor dem Irankrieg war unser Mitgefühl für die vom Mullah-Terror-Regime zu Tode gefolterten Iranerinnen und Iraner groß. Annähernd wie das für den armen Strandwal Timmy. Heute bebt allen Ernstes Volkes Stimme, weil das Benzin so teuer ist.
Kleine Korrekturen für große Gewissheiten
Jazz-Identitisten, Kapitalismus-Schlaumeier, Sprachgefängniswächter, Nichtswoller und Tanknörgler, ich verstehe Euch. Aber kommt in die Kajüte der Erkenntnis:
AUS DER KAJÜTE DER ERKENNTNIS
I. Jazz verträgt mehr Hautfarben als Akkorde – und von denen gibt es eine Menge! („Was unterscheidet den Jazz- vom Popmusiker? Der Popmusiker spielt drei Akkorde vor tausend Leuten. Der Jazzmusiker … “)
II. Die Weltformel passt wahrscheinlich doch nicht auf ein Transparent.
III. Die Sprache ist vielleicht ein Fluss, bestimmt aber kein Hochsicherheitstrakt.
IV. Wer nichts will, bekommt genau das.
V. Ein bisschen Nachdenken schadet weniger als ein halber Liter Super auf ex.
Liebe Leserinnen und Leser,
bitte nehmt das kleine Herz da unten in die Hand. Es ist in der digitalen Welt so wichtig wie Brecht für den Deutschunterricht.
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Herzlich, bis nächsten Sonntag. Ich freue mich, dass Ihr da seid.
Euer Sonntagskind
PS: Wer neu hier ist und mich ein bisschen besser kennenlernen will:



