Als das Kino mich auslachte
Wie ich alles ruinierte und ein Lied daraus entstand
Leserinnen, Geneigte, Neugierige und Vertraute,
in der letzten Kolumne hattet Ihr mir freundlicherweise ein paar Fragen beantwortet – und habt für Hintergrundstories meiner Songs gestimmt.
Also will ich Euch die Geschichte des Songs „Aber manchmal” erzählen – und eine der größten Fucked-up-Stories meines Lebens. Labt Euch am Scheitern eines Größenwahnsinnigen, am Sturz eines wahrscheinlich betrunkenen Clowns, der mit einem Dutzend Bällen jongliert und dabei über seinen Schnürsenkel stolpert. Ich verspreche, es tut gut – nun viel Freude mit der 235. Sonntagskindkolumne, Eurem Ticket ins Reich zeitgemäßer Unterhaltung für Anspruchsvolle.
Prignitz statt Prärie
Ich habe mal in einem Western mitgespielt. In dem Kurzfilm von 2005 gab ich einen toten Mexikaner, der nach einem Kopfschuss über ein Pferd hängend in den Sonnenuntergang geritten wurde. Mit spektakulären Bildern aus der Prignitz – manche Gegenden Brandenburgs fühlen sich nicht nur an wie gesetzlose Steppe, sondern sehen auch so aus.
Tod mit Applausaussicht
Als der Regisseur mich anrief und mir die Rolle des Ermordeten anbot, hatte ich sofort Lust. Nicht nur, weil der Filmemacher meine schauspielerische Befähigung genau richtig eingeschätzt hatte, ich liebte die Story und den ironischen Umgang mit dem Genre.
Vom Toten zum Tonsetzer
Da ein richtiger Western entsprechende Musik braucht, empfahl ich mich zusätzlich zu meinem Filmstar-Debut als Komponist. Ich durfte dann einen Soundtrack schreiben, der fast so gut war wie meine oscarverdächtige Darstellung des Getöteten. Was für ein toller Auftrag: Ich komponierte eine den Horizont umarmende Riesenmelodie für eine Jazzsängerin, nahm Gitarren, Chöre und Streicher auf und fühlte, dass ich genau der Richtige war, um die Wege des Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Komponisten Ennio Morricone weiterzuführen.
Aus dem Maschinenraum der Traumfabrik
Irgendwann nach dem Dreh stellte man fest, dass nicht alle Tonaufnahmen gelungen waren. Ich wusste, dass bei großen Kinoproduktionen alle Dialoge noch einmal im Studio synchron aufgenommen werden und dass auch sämtliche Geräusche einzeln montiert werden. Mit meiner intimen Kenntnis aus dem Maschinenraum der Traumfabriken beeindruckte ich das Team – und brachte mich nach meiner Filmrolle und der Musikkomposition als Toningenieur ein.
Hollywood im Homestudio
Die anderen Darsteller lud ich also in mein Home-Studio, nahm mit ihnen sämtliche Texte neu auf und schob die Aufnahmen so auf das Bild, dass sie synchron wirkten. Die beim Dreh aufgenommenen Geräusche montierte ich auch, manche Sounds wie das Klicken eines Revolvers oder das Reißen einer Halskette nahm ich nochmal auf, um sie akustisch größer in Szene zu setzen. Ein paar sogenannte Atmos wie Windrauschen, Hufgetrappel und Koyotenschreie in der Ferne besorgte ich mir von entsprechenden CDs und baute alles so zusammen, dass es auf meinem Laptop hervorragend aussah und über die angeschlossenen Lautsprecher klang, als dürfte es nicht anders sein. Also brannte ich den Ton auf eine CD und schickte sie per Kurier an das Berliner Kino, in dem am Abend die Filmpremiere für die Crew und geladene Gäste stattfinden sollte, ein paar hundert Leute, die sich auf den ersten Berliner Western freuten.
Fast perfekt
Dann kam der Kinomoment: Licht dunkel, Vorhang auf, der Vorspann mit meiner Musik. Gänsehaut. Erleichterung. Glück, Tränen. Die Hauptdarstellerin irrt geschwächt von Durst und Hoffnungslosigkeit durch die endlose Steppe, gnadenlos brennt die Sonne, nur ihr schweres Atmen und der Wind sind zu hören. Die Stimmung im Kino ist hollywoodesk, alle halten den Atem an.
Dann Umschnitt auf das Lager der Banditen, die um den erlegten Mexikaner herumstehen und beraten, wie sie den Toten in das ausgesetzte Kopfgeld umtauschen. Das Lagerfeuer zischelt und knistert vor sich hin. Der letzte Gitarrenakkord der Titelmusik verhallt, die Kamera fährt näher an die Männer. Gefährliche Körper, die keine Skrupel kennen. Jede Sekunde bereit, jemandem, der einem dumm kommt, den Hals umzudrehen. Plötzlich fehlt das Geräusch des Lagerfeuers, stattdessen brummt es leicht. Dann setzt der Wind wieder ein, reißt nochmal ab und kommt mit einem hochfrequenten Zischen wieder. Nahaufnahme eines der Gangster. Das Brummen wird lauter. Zerfurchtes Gesicht, ernste Miene. Seine Lippen formen die Frage „Was machen wir mit ihm?“, aber der Satz kommt zu spät, also nicht synchron – und viel zu leise. Das Kino hüstelt angesichts der handwerklichen Peinlichkeit. Der nächste Satz ist wieder verschoben und klingt dumpf und muffig. Leises Gelächter. Mir bleibt fast das Herz stehen, ich habe offenbar richtigen Müll fabriziert. Hätte ich Idiot es doch einfach beim toten Mann und der wirklich guten Filmmusik belassen. Im Abspann des Films steht am Ende „TONMISCHUNG: MARK SCHEIBE“, an der Stelle lacht der ganze Saal. Mich aus natürlich. Zu Recht.
Horrorfilm im Kopfkino
Der deutlich geknickte Regisseur geht anschließend nach vorn, um die Darsteller und die Crew nacheinander auf die Bühne zu holen. Ich lasse mich immer tiefer in den Kinosessel in der letzten Reihe sinken und nutze den Moment des Applauses für die Hauptdarstellerin, um mich mit hochgeschlagenem Kragen und tief in den Manteltaschen vergrabenen Händen davonzustehlen. Zuhause verschwinde ich unter der Bettdecke. Ich lösche das Licht. Will schreien, weinen, fluchen, doch kann nicht. Tränen stehen mir nicht zu, ich habe es verbockt. Ich suche in meinem Kopf nach irgendeiner Möglichkeit, dass das vielleicht alles nicht wahr sein könnte. Phantasiere, dass jemand kommt und sagt: „Schwamm drüber, nicht so schlimm!” – aber es ist schlimm, ich habe mehrere Wochen Arbeit von über dreißig Leuten kaputtgemacht. All die leidenschaftsgetriebenen Beleuchter, Kamerafrauen, Fahrer, Caterer, Continuity-Experten, Drehbuchberater, die Schauspieler, die ihren Beruf unentgeltlich ausübten, weil sie Lust auf den Film hatten, haben einen zerstörten Film. Meinetwegen.
Klangkatastrophe wird Kunst
Mir ist schwindelig. Ich traue mich nicht zu atmen. Denke darüber nach, die Stadt zu verlassen und woanders heimlich von vorn zu beginnen. Irgendwann halluziniere ich, sehe mich an Bord eines großen Schiffs, ganz allein im wellenbrechenden Lärm einer stürmenden Nacht im Dialog mit dem Tod. Weil ich es nicht mehr aushalte, krieche ich aus meinem Bett und richte mich am Klavier auf, mache mich selbst über meinen Arbeitsernst lustig, der sich als so lächerlich erwiesen hat und gebe der entgleisten Stimme in mir Worte, spreche zu nachtschwarzen Mollakkorden:
„Ich hab ‚n Plan, ich komm voran, hab immer was zu tun.
Das ist kein Spiel, ich hab ein Ziel, es lässt mich niemals ruh’n.
Ich hab mein Schiff sicher im Griff,
die Wellen schlagen laut an die Außenhaut.”
Ich finde noch eine zweite Strophe, die die Unbarmherzigkeit des Wetters beschreibt und dann einen eine Oktave höher liegenden Schrei der Befreiung, der sich in die Gleichgültigkeit gegenüber dem Untergang hineinfaucht: Wenn alles egal ist, feiern Triumph und Niederlage eine sadomasochistische Orgie. Der Blick in den Abgrund hat sich gelohnt – am Ende übernimmt ein großes „Trotzdem” das Ruder Richtung Zuversicht.
Nochmal davongekommen
Damit, dass ich eine ganze Kinoproduktion ruiniert hatte, musste ich nun leben. Ich wurde nicht gelyncht und habe auch nie Post von einer Kanzlei für Schadenersatzforderungen bekommen. Der Filmton wurde später nochmal von einem Profi gemischt und ist richtig gut geworden. Und immer, wenn ich „Aber manchmal” singe, höre ich in der Ferne das Gelächter. Aber zum Glück nicht synchron.
Und hier viereinhalb Minuten Schmerz und Befreiung, Aber manchmal:
2010 von Vicente Celi im Phlexton Studio aufgenommen und gemischt. Schlagzeug: Ketan Bhatti, Bass: Hannes Hüfken, Gitarre: Stefan Machalitzky, Saxophone: Sidney Pfnür, Trompeten: Christoph Titz, Posaunen: Friedrich Milz, Violinen: Johanna Walesch, Margaritha Biederbick, Bratsche: Miriam Götting, Cello: Ariane Spiegel.
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Herzlich
Euer Sonntagskind






So eine schöne osterkolumne. Ich musste soviel lachen und dich auch etwas bedauern. So beginnt ein heftiger Wind am Ostersonntag doch schön. Danke.
Danke für diese schöne Kolumne! „Aber manchmal“ ist ein unfassbar grandioser Song! 🌊🎇❤️