Beste Lesende, Ihr großartige Tausendschaft, darf ich Euch heute mitnehmen in die Welt von Räucherstäbchen, Amethysten und Chakraliftings? Dorthin, wo Telepathie noch etwas ganz Normales ist und Fakten allenfalls empfunden werden?
Wenn Euch diese 258. Sonntagskindkolumne gefällt, tut mir bitte einen Gefallen: Restackt sie, mit ein paar Worten von Euch, das hilft meiner Sichtbarkeit als eleganter Satireforelle im Haifischbecken der Online-Literatur.
Zum Sonntagskind gehört seit einiger Zeit die Live-Zusammenkunft am Montag.
Morgen (14. September) ist sie schon um 18 Uhr.
Jetzt aber viel Spaß beim Lesen – oder auch Hören, ich habe die Kolumne für Euch eingesprochen, mit dem sahnigen Timbre eines Esoterikgurus.
Herzlich
Euer Mark
Der Gin des Lebens
Mit Anfang zwanzig suchte ich nach dem Sinn des Lebens. Einiges hatte ich schon ausprobiert:
Nachts bei Kerzenlicht in einer Bar sitzen, rauchend am Rotwein nippen und mit Federhalter auf vergilbtem Papier Noten schreiben, sich dabei mindestens beethovenlike fühlen.
Das achterbahnige Leben meines Vaters in punkto Exzess übertrumpfen, den polytoxischen Iron Man machen. (Saufen bis zum Umfallen, abrupt hochkoksen und dann allmählich runterkiffen. Zur Entspannung ein paar Pilze einwerfen, dann das Ganze bei einem gelegentlichen LSD-Trip verarbeiten)
Jeden Abend als Hotelbarpianist zu hören bekommen, man möge bitte leiser spielen, aber dabei Weltruhm als Musikgenie phantasieren.
Fülle auch im Romantischen finden: Mit dem idiotischen Ehrgeiz, mich durch das Alphabet zu lieben, von Annabel bis Zoé.
Fazit: Meine Kneipen-Noten erwiesen sich als unspielbar, für den Iron Man gab es noch nicht mal eine Medaille, die Hotelbar wurde zur Hölle und über die Alphabetisierung der Liebe will ich lieber nicht sprechen.
Schäumendes Schicksal
In der Badewanne einer WG griff ich aus Langeweile nach einem Buch, das auf dem Stapel mit den Zeitschriften neben dem Klo lag: „Schicksal als Chance“. Im Schaum liegend las ich über die Venus und wie sich der Mensch in einem Horoskopdiagramm erfassen lässt. Ich las fiebernd und schäumte immer wieder heißes Wasser nach, bis das Taschenbuch nass war und meine Sinnfindung nicht mehr auf dem Trockenen saß: Ich musste unbedingt meinen Aszendenten erfahren!
Fachkräfte fürs Feinstoffliche
Damals war das noch nicht so einfach, man brauchte Experten: In Bremen gab es gleich mehrere nach Weihrauch duftende Esoterikläden. Das Esobiotop der späten 1980er brachte kompetente Frauen mit Tüchern im Haar hervor, die als Auraleserinnen, Rebirthinghebammen und Chakra-Masseusen arbeiteten. Die Regalbretter bogen sich unter Büchern wie:
Mein Becken erinnert sich an Atlantis – Verschüttete Weisheit unterhalb des Nabels
Du bist nicht schwierig, du bist medial – Ein Trostbuch für Hellsichtige
Erleuchtung für Unternehmer – Loslassen, ohne was abzugeben
Businessclass ins Übersinnliche
Von einer selbsternannten Edelsteinhexe, die in der Buchhandlung „Das vierte Auge“ jobbte, bekam ich die Telephonnummer eines Astrologen.
Er fragte nur nach Geburtsdatum und -ort sowie der genauen Geburtszeit, die wusste ich zum Glück – und bekam einen Termin. Ich war angenehm irritiert, nicht von einem verstrahlten Räucherkerzenheini empfangen zu werden, der als erstes mein Chi auspendelt, sondern von einem erwachsenen Mann im Anzug.
Zwischen Teetasse und Totenreich
Wir saßen auf Chefsesseln gegenüber am Tisch, es gab schwarzen Tee aus teuer wirkenden Tassen. Mit Untertassen. Anhand meiner Horoskopzeichnung erklärte der Seelenanalyst mit CEO-Aura, wer ich sein könnte und sagte: „Um den 6. November 1985 musst du eine schmerzhafte Begegnung mit dem Prinzip des Auf-dich-allein-geworfen-Seins gemacht haben.“
Ich stellte die Tasse ab. Das war nun genau der Tag, an dem mein Vater die Lebensflinte ins Korn warf und entschied, im Jenseits weiterzumachen.
Wie konnte der Astrologe das sehen, nur mit einem Kreisdiagramm voller Striche und Planetensymbole?
Nachhilfe im Nebulösen
Es sei kein Hokuspokus, sondern Handwerk, meinte er. Einige mittlerweile auch vom esoterischen Nektar trunkene Freunde und ich legten unser Taschengeld zusammen und wuchsen zu einem astrologische Lernzirkel heran, den der Meister zweimal in der Woche mit dem Handwerk der Horoskopberechnung und -deutung ausstattete.
Psychoradau
Es folgte eine für meine Mitmenschen schwere Zeit, in der ich ihnen tiefenpsychologische astrologische Analysen ihrer Persönlichkeit aufdrängte, zwischen zwei Gin-Tonics oder im Treppenhaus. Zwar erwies ich mich als prädestiniert für eine Karriere als begabter Scharlatan, aber ich habe mich dann doch für einen seriösen Beruf entschieden: Unterhaltungsmusik mit Hochkulturanspruch.
Prognosen auf Pappe
Heute, bald vier Jahrzehnte später, zehre ich trotzdem noch immer von der Begegnung mit der Sternenschau. Wenn ich einmal nicht weiterweiß, lege ich mir die Karten: Damals hatte ich ein System entwickelt, das Legetechniken des Tarot mit Astrologie verbindet – erfunden habe ich es am Tresen, beim Kippen von Kurzen. Als Karten mussten von Hand beschriebene Bierdeckel herhalten, so entstand das Bierdeckel-Tarot™. Andere spirituelle Schöpfer empfingen ihre Weisheit auf einem Berg, ich nach ein paar Underberg.
Magie am Montag
In meinen Live-Sendungen auf Substack am Montag lege ich auch Euch gern die Deckel: für berufliche Vorhaben, amouröse Verwicklungen und sonstige Unübersichtlichkeiten des Daseins, nach neuesten telepathischen Erkenntnissen. Das funktioniert ganz vortrefflich. Um den Sinn des Lebens aber in Gänze zu ergründen, bedarf es auf jeden Fall einer Badewanne.
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Zwischen ICE-Bordbistro, Abenteuern im Varieté und Hotelbegegnungen schreibe ich hier einmal in der Woche, seit 2021. Jeden Sonntag in der Früh: Eine Kolumne, die mittlerweile über tausend Mal gelesen wird – in der weltweiten Substack-Hitparade bin ich auf Platz 212 in der Kategorie “Humor” – und das als Deutscher!






Auch ich habe mich schon einmal auf eine schamanische Reise begeben und von einem Heilpraktiker auspendeln lassen. Danke lieber Mark, für den amüsanten Start in den verregneten Spätsommer-Sonntag und die vielen neuen Wortschöpfungen.
Herzliche Grüße aus Thüringen - Katja