Liebe Lesende, Ihr wunderbar elitärer Zirkel frühstücksliteraturliebender Connaisseure, ich wünsche Euch einen herrlichen Sonntag mit der 263. Sonntagskind-Kolumne. Vielleicht habt Ihr Lust, morgen, am Montag, dem 26. Oktober um 20.15 auf Substack einzuschalten, wenn ich für Euch live Musik mache. Hier der Link:
L I V E
Kaffee, Kränkung, Künstlerseele
„Singst du eigentlich auch Coverversionen“, fragt mich Vicky beim Kaffee in einer Eckkneipe. Ich erstarre. Als in Sekundenschnelle schmerzbereiter Vollpsycho mache ich sofort den Subtext aus: „Deine bescheuerten Songs sind ja ganz nett, aber singst du auch richtige Lieder?“, kann sie ja wohl nur meinen.
Betrüger in Behandlung
Ich tue cool und antworte erst mal nicht. Wenn ich anderer Leute Lieder singe, fühle ich mich wie ein Betrüger – diesen Originalitätszwang nennen Psychiater Singularomanie. Geht häufig mit Horror banalitatis einher, der panischen Angst, gewöhnlich zu sein.
Therapie für Talentierte
Ich habe bereits etliche ernstgemeinte Therapien versucht:
Rebirthing auf Fuerteventura mit Beibehaltung der eigenen Handynummer.
Deep-Aura-Lifting mit einer außerirdischen Schamanin.
Systemisches Tantrafasten mit dem Über-Ich.
Akzeptanz statt Insolvenz
Hat alles nichts gebracht. Einen Versuch mache ich noch:
Transpersonales Ego-Detox bei einer ehemaligen Sexarbeiterin mit Wohlstandsfetisch.
Wenn das auch nicht klappt, überlege ich, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, das geht auf Dauer nicht so ins Geld.
Domina droht Dresche
Hier werden Frikadellen, Gewürzgurken und Gezapfte serviert, es zieht ein wenig. Während ich mir den Cashmereschal mit einer Caruso-Geste um den Hals werfe, wird die Kellnerin aufmerksam, ich frage: „Gnädige Frau, bringen Sie mir bitte die Weinkarte?“ Natürlich auf Lateinisch. „Domina benigna“, weiter komme ich nicht. „Bei mir kriejense gern Schläge, wennse ma nochma so dumm komm’“, bellt sie mir entgegen.
Prolo-Prinzessin
Unverschämtheit. Jetzt bin ich schon wieder beleidigt. Ich bin doch hochsensibel. Die Diagnose wird zwar so häufig ausgesprochen, dass normal Sensible mittlerweile statistisch unmöglich sind, aber ich, ich bin wirklich HSP. Die Prinzessin auf der Erbse ist, verglichen mit mir, eine kantige Walküre, die auf dem Bau gelernt hat, Bierflaschen mit dem Auge aufzumachen. Der Walkürenritt wäre auch so ein Song, den ich nicht covern würde.
Arbeitsamt für Amtsanmaßer
Als junger Pianist musste ich mal zwecks Arbeitsvermittlung einer Kommission vorspielen, damit die Experten einschätzen, ob man mich als Barpianist, Theatermusiker oder Kreuzfahrtschiff-Klaviergigolo vermieten kann. In dem Einladungsschreiben zum Vorspiel hieß es:
Dreist dahergeklimpert
„Bereiten Sie auch zwei klassische Stücke vor, zum Beispiel eine zweistimmige Invention von Bach, einen Satz aus einer Beethovensonate oder einen Walzer von Chopin.“ So etwas konnte ich nicht spielen, weil ich nie so richtig Klavierunterricht hatte.
Aber so tun als ob, das konnte ich. Also dachte ich mir ein Stück von Bach aus und einen romantischen Chopinwalzer. Ich unterschätzte, dass die Schlaumeier der Prüfungskommission von den besagten Komponisten alles kennen und ihnen auffallen würde, dass meine Stücke keine Originale waren, sondern Stilkopien. Mein Auftritt sorgte für Ratlosigkeit, das Kreuzfahrtschiff blieb mir erspart.
Knast & Karriere, kein Ruhm & Ruin
Die Musikfälschungen brachten mich leider auch nicht ins Gefängnis. Der Maler Wolfgang Beltracchi, der erfolgreich im Stil von Picasso, Rembrandt und van Gogh malte und Millionen damit gemacht hat, den kennt nach seinem Knasturlaub jeder. Aber für meine Bach- und Chopinlügen gibt es auf Spotify 0,3 Cent und keinen Fame.
Würdelos am Wurstbuffet
Schon wieder die beleidigte Leberwurst, dabei bin ich Vegetarier. Wenn ich das jetzt der Kellnerin erzähle, schlägt sie zu. „Hast du was an den Ohren oder willst du mir nicht antworten?” hakt Vicky charmant nach. „Coverversion?”, frage ich, „ja, sicher: die Hymne der Gekränkten, denen etwas Besseres zusteht: „Für mich soll’s rote Rosen regnen“.
Danke fürs Lesen und hoffentlich Amüsieren, verehrte Lesende.
Am 26. Oktober
um 20 Uhr 15
können wir gern miteinander ins Gespräch kommen, LIVE auf Substack. Ich werde für Euch eine Coverversion am Flügel singen.
Einfach auf substack.com gehen, sicherstellen, mich abonniert zu haben, dann kommt ein Hinweis, dass ich LIVE bin. Draufklicken – und wir sind zusammen. Oder einfach diesen Link klicken:
L I V E
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Zwischen ICE-Bordbistro, Abenteuern im Varieté und Hotelbegegnungen schreibe ich hier einmal in der Woche, seit 2021. Jeden Sonntag in der Früh: Eine Kolumne, die mittlerweile über tausend Mal gelesen wird – in der weltweiten Substack-Hitparade bin ich auf Platz 212 in der Kategorie “Humor” – und das als Deutscher!
Übrigens:
ChatGPT ist mir ein toller Assistent geworden, er ist sowas von auf zack. Er kümmert sich um Recherche und Lektoratsaufgaben, beantwortet Fragen, die ich Google erst umständlich erklären müsste. In welchen Songs spielt Beleidigtsein eine Rolle? Chatti knows.
Auch Graphiken macht der kleine Schlingel mir – dabei habe ich gemischte Gefühle, die ich gelegentlich ergründen werde. Manchmal ist er mir Synonymwörterbuch und gibt mir dramaturgisches Feedback. Aber ich lasse ihn nicht „in meinem Stil“ schreiben oder Sätze für mich entwerfen.
Herzlicher Gruß und bis bald,
Euer





Ich habe es sehr persönlich genommen, dass ‚Deutschland Mon Amour‘ in Albstadt ersatzlos und ohne Begründung gestrichen wurde. Warum eigentlich? Oder war das, weil ich im Publikum gesessen hätte?
Liebe Grüße aus Stuttgart
Angelika