Bühnentod im Varieté
Gekreuzigt an einer morschen Pointe
Geliebte Lesende, Sonntagskindler, Freundinnen, Geneigte!
Heute schreibe ich Euch zum zweihundertsiebenundvierzigsten Mal. Ihr werdet immer mehr, ich kann mir immer weniger leisten, aufzuhören, weil einige von Euch mich jetzt sogar bezahlen. Gegen meine Schuldgefühle hat der innere Schlendrian keine Chance.
Wenn Ihr selbst Schreibende seid, habe ich am Ende noch eine Überraschung für Euch.
Heute gibt es mal wieder eine Fucked-Up-Story, den Bericht eines Scheiterns, mit mir in der Hauptrolle als Trottel. Für Euch rutsche ich auf Bananenschalen aus und lasse mir Torten ins Gesicht werfen. Schimpft mich sonderlich, aber ich mach das gern. Viel Freude!

Gebräunt vom Alltag auf der Bugterrasse meines Hausboots mache ich mich auf den Weg ins Berliner Scheinbar-Varieté. In den Herr von Eden-Anzug aus hellblauem Seidenleinen geschlüpft, die Lackschuhe mit dem teuren Olivenöl aus dem Feinkostladen poliert, das Versace-Hemd offen bis zum Solar Plexus. Letzter Blick in den Spiegel; ich muss in aller Bescheidenheit zugeben: So sieht ein Messias aus!
Die Premiere meines neuen Soloprogramms ist erst im April 2027, vorher will ich ein paar „Nummern“ vor Publikum ausprobieren. In der Scheinbar sitzt an vier Tagen in der Woche ein verwöhntes Auditorium. Kabarettisten testen ihre neuen Texte hier am lebenden Objekt, jeder hat sieben Minuten.
Jesus lebt
Die Moderatorin kündigt mich an, jetzt beginnen meine sieben Minuten Fame! Gleich wird ein nichtsahnendes Publikum für 12 Euro Eintritt einer Offenbarung der Unterhaltungskunst beiwohnen. Eine geradezu biblische Erfahrung wartet auf diesen auserwählten Zirkel. Vorsichtshalber sage ich ihnen das schon mal vorab, hoffentlich wirkt das nicht arrogant.
Letzte Literatur
Die Quintessenz meines literarischen Schaffens habe ich mitgebracht, strahle ich dem Publikum entgegen und lege die Hand aufs Herz: „Mein ehrlichster, wahrhaftigster Text. Der beste, den ich je geschrieben habe. Vielleicht sogar der beste Text, der überhaupt von einem Menschen geschrieben wurde.“
Warum lacht hier keiner? Offenbar traut mir dieses Publikum die Überheblichkeit zu, das ernst zu meinen. Komisch.
„Ich konnte mich leider noch nicht für einen Titel entscheiden”, erkläre ich. Wie wäre es mit „Endgültige Worte“ oder „Wonach es zu schweigen gilt“?
– Noch nicht mal ein Kichern.
Vielleicht „Vermächtnis eines“, hier spiele ich kurz mit kinskihaftem Wahn im Blick, „weltweit … und über Jahrzehnte ignorierten Universalgenies!“ – Immerhin hat der Saal hier ein entschlossenes Schmunzeln für mich übrig.
Das Orgasmus-Orakel
Vor mir trat Katharina Hoffmann auf, eine blendend aussehende Comedygranate, die ihre Sechzigjährigkeit zelebriert und von Tinderdates berichtet. Das Handy mit den Profilbildern hält sie sich zwischen die Beine, um von ihrer Muschi zu hören, ob da ein Match zu holen ist. Ab Minute Eins brannte bei ihr die Bude.
Lachstarre
Mich starrt ein vereistes Publikum an, aber gleich hab ich sie: „Führende Geisteswissenschaftler bat ich um Rat bei der Wahl des Titels. Aber dieses intellektuelle Prekariat war gar nicht in der Lage, die Schöpfungshöhe meines Geniestreichs zu fassen, sie reagierten mit Hohn und Spott!“
Das Publikum hält den Atem an. Sie sind so fasziniert von mir, dass sie vergessen zu lachen – läuft!
Lach den Snob aus
„Also rief ich die künstliche Intelligenz um Beistand an. Sie schlug mir einen vierten Titel vor: ‚Erbärmliches Gejammer eines überprivilegierten Snobs‘“ – endlich ein Lacher, wenn auch nicht annähernd so laut und befreit wie bei der Hoffmann alle fünfzehn Sekunden.
Käseplatte Zombie
Dann lese ich sie, die Quintessenz, meinen schonungslosen Bericht übers Zwangsfrühstück im Drei-Sterne-Hotel:
„Hunderte Menschen drängen sich am Buffet und pulen in meinem Frühstück rum. Für mich als Einzelkind eine Zumutung.“
– Keine Reaktion, autsch. Weiter:
„Der verfressene Mob schubbert sich an den Futtertrögen der Übernachtungsindustrie. Holzfällerhemden, die an dickbäuchigen Männern hängen. Auberginehaarige Frauen in zu engen Leggings auf Puschen, mit Handylautsprecher telephonierend.“
– Endlich ein hörbares Amusement, ein leicht grienendes Glucksen. Ich bin so ausgehungert nach Resonanz, ich deute sogar Schnarchen als Applaus. Weiter im Text:
Der Bettler am Bühnenbuffet
„Mir fehlt der Territorialinstinkt, um mich durchzukämpfen. Ich werde hier verhungern. Mitten in Deutschland. Zwischen Laugenbrezel und Käseplatte. Das ist Ausgrenzung von Einzelkindern. Wo bleibt der Aufschrei? Wer sorgt hier für Sensibilität? Gibt es keine Awareness-Beauftragte für Menschen mit verwöhntem Sozialisationshintergrund?“
– Strenge Blicke. Habe ich etwas Falsches gesagt? Man sieht mir wahrscheinlich an, wie ich nach Lachern bettle, peinlich. Aber ich habe noch einen richtig guten Satz im Ärmel:
„Ich kann nichts dafür, dass meine Mutter vergessen hat, mich darauf hinzuweisen, dass Frühstück ans Bett kein Standardservice der Gesellschaft ist.“
– Müde lächelt das Volk. Mist. Bei Jesus war mehr los! Die Masse erkennt hier nicht den vom Pöbel bedrängten sensiblen Künstler, sondern denkt: „Aha, Graf Koks hat Probleme mit den Croissants“.
Der missverstandene Messias
Dabei bin ich doch nur ein verletzter Romantiker – versteckt in der Erscheinung eines Ersten Vorsitzenden vom Förderverein „Champagner für hochbegabte Millionärskinder“.
Hält man mich etwa für einen blasierten Salonbewohner mit steuerlich absetzbarem Weltschmerz?
Wiederauferstehung für Anfänger
Während ich mich unter mildem Applaus von der Bühne stehle, fasse ich zusammen: Ein Lacher in sieben Minuten. Katharina Hoffmann hatte in derselben Zeit mindestens achtundzwanzig. Der gefrorene Wind des Bühnentods haucht mir ums Genick. Das mit der Offenbarung hat nicht ganz geklappt, immerhin war mein Sterben fast biblisch: Gekreuzigt an einer morschen Pointe. Ich werde während der Sommerpause im Neuen Testament mal nachlesen, wie Jesus das mit der Wiederauferstehung gemacht hat. Zwischendrin studiere ich ein paar Katharina-Hoffmann-Shows.
Verehrte Lesende, wenn Ihr mit meiner Kolumne Freude habt, drückt bitte unten auf das Herz. Das ist besser als Lachen oder Schnarchen. Außerdem verhelft Ihr damit meiner kleinen Abenteuererzählung zu Sichtbarkeit. So ein „Like” ist in der digitalen Welt so wichtig wie die Pointe alle fünfzehn Sekunden im Varieté. Ein Lachen ist in den Kommentaren auch gern gesehen.
Wenn Ihr noch nicht abonniert habt: Tragt Eure E-Mail ein. Ihr bekommt keine Mitgliedschaft im Förderverein „Champagner für hochbegabte Millionärskinder“, sondern einen Ehrenplatz im mittlerweile 1.133 Abonnierenden zählenden geschätzten Zirkel für unterhaltsame Sonntagsfrühstücksliteratur.
Euer
PS: Werbung
Ich habe mir angewöhnt, auf Konzerten CDs zu kaufen, obwohl ich schon lange kein Abspielgerät mehr habe und die Zeiten vom Schlitz im Laptop so lange zurückliegen wie die Trendigkeit eines Steißtattoos, das zu stechen lassen ich damals zum Glück verschlafen habe.
So stapeln sich auf meinem Hausboot die signierten Silberlinge von Lucy van Kuhl, Jacob Collier, Sven Ratzke und vielen mehr. Statt die Tätowiersünde nachzuholen, habe ich jetzt einen CD-Player für unter fünfzig Euro bestellt.
Ich hatte wenig Hoffnung, etwas anderes als Chinaschrott in den Briefschlitz gestopft zu bekommen, besitze jetzt aber einen schnuckeligen kleinen Kasten mit eingebautem Lautsprecher, der wirklich sweet klingt. Er hat klingend wie ansehend den Charme eines alten Küchenradios. Annabella (Name v. d. Red. geändert) und mir hat er einen schönen Sonnenuntergangabend mit Drinks und Jazz ermöglicht.
Weil er aufladbar ist, kann man ihn auch mit zum Picknick mitnehmen, wenn einem das Grammophon mit den Schelllackplatten zu schwer ist. Bedingung: Nur geschmackvolle Musik auflegen; keinen Kirmestechno, Nörgelrap oder Problemschlager.
Wenn Ihr ihn auch haben wollt, hier ist der Link. Ich kriege ein paar Prozente, wenn Ihr das Ding bestellt.
Wenn das wirklich jemand macht, schreibt mir unbedingt einen Kommentar, wie Ihr das Gerät findet. Gern mit Photo. <3
Das gilt auch für den Kauf der neuen CD von meinem Lieblingsjazzpianisten Iiro Rantala. Vor ein paar Wochen habe ich diese CD von ihm im Berliner Club A-Trane gekauft:
Und noch was: Schreibende! Object Writing, ich nenne es SINNESSTURM, ist ein zeitlich begrenztes, sinnbezogenes Schreiben, das man in der Regel als Erstes am Morgen durchführt. Man wählt einen Gegenstand wie eine Blumenvase, eine Kaffeetasse oder ein Croissant – und benutzt ihn als Sprungbrett, um sich in die Gewölbe der sieben Sinne zu begeben:
Sehen / Hören / Schmecken / Tasten / Riechen / Körper / Bewegen
Diese sieben Wörter kann man sich gut auf den Schreibtisch stellen, um sich daran zu erinnern, auf welchen Sinneskanälen man unterwegs sein will.
Ich habe einen neuen Newsletter eingerichtet, für tägliche Schreibübungen ab 1. Juli:





Also auf die Gefahr hin, dass ich ja noch nicht den Schreibkurs absolviert habe (wie denn auch, er beginnt ja erst Mittwoch!) - ich versuche mich ausschweifend kurz zu halten: danke für den ehrlichen Bericht der "Anti-Stand-Up-Comedy" - ich habe schon oft erlebt, dass es manchen Menschen schwer fällt sich Abseits "darüber lachen wir jetzt" über etwas zu freuen. Bei mir passiert das relativ häufig, was dazu führen kann, dass ich mitten in einer Situation etwas unglaublich lustig finde, anfange zu lachen und die Leute um mich herum denken: der hat doch schon wieder die falschen Pillen gefressen (was nicht sein kann, weil ich sowas nicht besitze). Naja, ich find's auch absurd wenn diese Auberginen mit Plüschverbandskasten Smartphones im Vollei-Blubber rumwühlen um ihre tägliche Dosis Eiweiß mit Nutella zu verfeinern. Gut, ich wollte mich ja kürzen, daher: dieser CD Player sieht verlockend aus, gleichzeitig gibt es auf der verlinkten Seite noch "neuere Versionen" davon und sogar für sechs Euro mehr das Ganze mit TAPE deck. Jetzt ist es leider so, dass ich auf ominöse Weise durch eine Überwässerung im Keller viele alte Relikte aus der Zeit als ich noch "Der Brenner" in der Schule war, verloren habe. Nach 25 Jahren lösen sich die Teile teilweise auch selbstständig auf und sind nunmehr Rohlinge der nur noch Nullen ohne Einsen auf der Alufolie (oder was auch immer da gepresst oder eben gebrannt wird). Kasseten leihern leider auch nur noch. Aber man kann das Gerät ja auch an Bluetooth hängen, was es dann aber wohl mehr zu einer teuren "Boombox" macht. Oder per Glasfaser, was auch attraktiv wäre, da ich noch "Mini-Disks" besitze und sogar ein Abspielgerät dafür und auch noch ein altes Keyboard (beide mit Glasfaser Kabel). Diese Relikte der Zeit in dem die Technik noch 400 Mark gekostet hat, ist leider auch über die Jahre einfach an Altersschwäche zu einem Relikt und unbrauchbaren Wertgegenstand geworden, mit dem ich nicht mehr "arbeiten" kann. Aber solange Du und Deine Annabella euch damit auf dem Hausboot der Lust eine schöne Sommersonnenwende machen könnt: gönn Dir! Das hat früher mal ein türkischer Freund von mir oft gesagt. In diesem Sinne freue ich mich weiterhin über die Sprachwissenschaftlichen Aufgüsse von Dir in der Sauna des Haifischbeckens des Enten-Entertainments! Ahoi und Aloha!