Change-Geklimper auf dem Meinungsmarkt
Ist der Realität zu trauen?
Verehrte liebe Freundinnen und Freunde,
ich kann es gerade nicht glauben, Euch schon zum 252. Mal zu schreiben. Schreiben zu dürfen, denn ich würde es nicht tun, lestet Ihr nicht meine wöchentlichen Versuche, diesem Dasein Gestaltungsfreude abzutrotzen. Dass Ihr dabei immer mehr werdet, macht Spaß: Dopamin bei jedem neuen Abo, Freude über die wachsende Gemeinschaft. Würdet Ihr alle zu einem Konzert von mir kommen, wäre das Bayreuther Festspielhaus dafür nur knapp zu groß.
Bevor es dazu kommt: Morgen, am Montag, knipse ich auf meinem Hausboot den Substack-Livestream an und bin eine halbe Stunde für Euch da, klickt einfach am Montag um 19 Uhr auf diesen Link:
BALD LIVE: Live with Mark Scheibe
Und jetzt wünsche ich viel Freude mit „Change-Geklimper auf dem Meinungsmarkt” – wenn der Text gefällt, bitte liken, kommentieren, restacken. Ihr wisst schon, Dopamin …
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Zwischen ICE-Bordbistro, Abenteuern im Varieté und Hotelbegegnungen schreibe ich hier einmal in der Woche, seit 2021. Jeden Sonntag in der Früh: Eine Kolumne, die mittlerweile über tausend Mal gelesen wird – in der weltweiten Substack-Hitparade bin ich auf Platz 212 in der Kategorie “Humor” – und das als Deutscher!
Welterklärwerkstatt und Krisenkirmes
Ich habe keine Ratschläge für die Regierung, den neuen Bundestrainer oder den Präsidenten der FED. Wie sich der Nahostkonflikt lösen lässt? Ich komm nicht drauf. Auch gegen islamistischen Terror und den wachsenden Zuspruch völkischer Ideen weiß ich kein Mittel, geschweige denn gegen das verrohte Gesindel, das in der Bahn mit Lautsprecher telephoniert.
Wahrheitswäsche und Weltenwandel
Kluge Journalisten beneide ich, sie schauen gebildet auf die Welt, um sie zu beschreiben. Ich kann so etwas nicht. Ich fühle ich mich erst wohl, wenn ich die Realität umgebaut habe.
Eine Kolumne, ein Song – das ist verwandelte Realität. Die Realität ist mir scheißegal, um es mit Leni Riefenstahl zu sagen. Kruppstahl-Leni, der es hundert Jahre gelang, sogar die Weltmoral ihrer Arbeit unterzuordnen: „Dieser Herr Hitler war zu mir immer sehr charmant.“
Moralmassage im Gewissens-Gym
Ich kann Lenis Tunnelblick verstehen. Dürfte ich die Olympischen Spiele 2036 vertonen und das ganze Volk bekäme meine Kolumnen zu lesen, würde ich wahrscheinlich auch nicht so genau hinschauen, ob die charakterlichen Werte meiner Auftraggeber auf Albert Schweitzer-Niveau sind. 2036 wird Jens Spahn Kanzler sein, Christian Ulmen ist Gleichstellungsbeauftragter und René Benko Wirtschaftsminister. Ikkimel und Dunja Hayali teilen sich das Bundespräsidentenamt mit Felix Lobrecht. Wir werden das Beste draus machen.
Literaturliaison in Traumtrümmern
Ich las vor ein paar Tagen das neue Buch von Heinz Strunk, Memories of Heidelberg. Es handelt sich wahrscheinlich um großartige Literatur, den Roman habe ich in einem Rutsch weggeschlürft – und träumte mehrere Nächte lang übel. Fand mich in demütigenden Situationen nackt in der Dunkelheit, dem Gelächter und der Nichtachtung verfratzter Gesellschaftsmonster ausgesetzt.
Melodram im Mackenmuseum
Weil ich mich in den charakterlich entgleisten Gestalten von Strunks finsterer Komödie wiederfinde. Weil ich Bertram bin, der heimlich Mandelschnitten in sich reinstopfen und von der Welt da draußen nichts wissen will. Weil ich Isolde bin, die mit hypnotisierter Zwanghaftigkeit immer wieder in das selbe Mistrestaurant geht, in dem sie beschissen behandelt wird. Das ist zwar alles nur meiner übertriebenen Selbstwahrnehmung geschuldet und in Wirklichkeit ist alles gar nicht so schlimm, aber was heißt das schon: in Wirklichkeit.
Narkosenarrativ des Einordnungseifers
Eine kluge Journalistin könnte mir das einordnen, aber dann hätte ich es mit „Narrativen“ zu tun und jemand würde „durchaus“ und „freilich“ sagen. Versteht mich jemand, dass ich das nicht will?
Höllenhandwerk in der Wunderwerkstatt
Ich lasse mich lieber vom größten Realitätsverwandler aller Zeiten verführen: Richard Wagner! Der nannte den Orchestergraben in seinem Festspielhaus einen „mystischen Abgrund“. Der sollte die Realität aus dem Theatererlebnis raushalten. Hat funktioniert: Von keinem Komponisten ist die Welt so high wie vom Dresdner Deliriumdealer, dem Rauschregenten mit den Orgasmusopern, dem allmächtigen Anti-Brecht.
Wagner, der Bayreuther Breitmacher, ist der Change-Chef. Ewige Verwandlung, seine Melodien werten alles um: Oben wird Unten, Hölle wird Himmel, das ist Change – während Phrasenpolitiker, Businessbuddhisten und Mindsetmissionare von Transformation und Zeitenwende faseln und dass wir alle den Wandel gestalten müssen.
Fortschrittsfolklore im Zukunftszirkus
Change ist das Dogma der Gegenwart, alle wollen Change, die Realität ist nicht auszuhalten. Verwandlung ist aber große Kunst – oder harte Arbeit. Auf Englisch bedeutet Change sowohl Veränderung als auch Kleingeld. Manchmal trippelt man in Centschrittchen hin und her, wirft ein paar Meinungsmünzen auf den Tisch und hält das schon für Movement. Es klimpert. Handel ist es nicht.
Peinlich, jetzt ist mir doch noch ein Ratschlag an die Regierung rausgerutscht.
Neu erfundene Wörter im 252. Sonntagskind:
Krisenkirmes
Kruppstahl-Leni
Moralmassage
Gewissens-Gym
Gesellschaftsmonster
Narkosenarrativ
Deliriumdealer
Anti-Brecht
Change-Chef
Mindset-Missionar
Zukuntszirkus
Fortschrittsfolklore
Centschrittchen
Meinungsmünze
Und noch was zum Schluss:
Der orchestrierte Gedanke – ein völlig nutzloses Projekt, das viel Arbeit macht. Ich habe keine Ahnung, warum ich das tue:
Einen herrlichen Sonntag wünsche ich – bis Montag um 19 Uhr
Euer






"Alles ist politisch, nur die KI ist schneller 😉" - Bravo, neue Welt!😱