Der Speisewagenintendant
Vom Kunststück, ein BordBistro in einen Salon zu verwandeln
Romantik vs. Resopal
Ich sage immer noch Eisenbahn und Speisewagen. Weil ich Tischdecken fühlen will und warmes Licht aus schönen Tischlampen. Im Covid-Inferno wurden die Tischdecken aus hygienischen Gründen abgeräumt. Seitdem bekommen wir unser Chili sin Carne auf jugendherbergliche Resopaltische geknallt, deren Hässlichkeit durch beidseitig bedruckte Werbezettel mit irgendwelchen Köchen drauf bedeckt werden. Nichts lädt zum Verweilen ein.
Freitagsfrust im Fütterungswaggon
Bahnfahren kann die Hölle sein. Besonders Freitagnachmittag. Keine Angst, dies wird keine gewöhnliche Klage über die Inkompetenz der Bahn, die Rücksichtslosigkeit laut telephonierender Alphamännchen, die „Herr Reimann, ich grüße Sie!“ durchs Ruheabteil brüllen und klagen, dass sie die Quartalszahlen noch immer nicht auf dem Schreibtisch haben, weil Meiser aus dem Accounting mal wieder Dienst nach Vorschrift macht.
Laptopsklaven, Langstreckenlärm und letzte Lebensfreude
Wenn man dann das Glück hat, im sogenannten BordBistro des verspäteten ICE ein Plätzchen zu finden zwischen hektisch tippelnden Laptopsklaven, mit haushohen Rucksäcken bestapelten Duschverweigerern und passiv-aggressiven Psychowracks, die dauernd Flüche in sich hineinfauchen, als hätten sie Selbstverletzungs-Tourette, kann man sich dann freuen?
Picard betritt das Podium
Ja. Wenn der Kellner zugleich der beste Entertainer Deutschlands ist. Wie eine mittellose Mutter, die ihren Kindern das Gefühl gibt, ein Königreich zu bewohnen, verwandelt Monsieur Picard, so steht es auf seinem Namensschild, den Fütterungswaggon in ein Varieté.
Salon statt Systemgastro
Ihm gelingt das Kunststück, ein deutsches BordBistro in einen Salon der Gegenwart zu verzaubern, er bringt uns alle miteinander ins Gespräch. Mit Leichtigkeit, Witz und Unverschämtheit. Wenn er eine Bestellung kommentiert, spricht er zu dir und für den ganzen Saal.
Cola-Krise und die Seele des Karnevals
Ich versuche, eine Cola Zero zu bekommen – nicht ganz einfach, Monsieur Picard ist nicht mit jedem Artikel der Speise- und Getränkekarte einverstanden. „Cola Zero“ wiederholt er rufend und rollt dabei die Augen, als ob ich nicht wüsste, was sich gehört. „Ein Mann wie Sie und dann diese klebrige Plörre? Bah! Nehmen Se den Riesling“, breitet er in herrlich klingendem Kölsch aus, dann gibt er mir einen Jahrhundertrat fürs Leben: „Auf keinen Fall den Grauburgunder“, verzieht er sein Gesicht, als hätte sich jemand in seiner Gegenwart erbrochen, „der schmeckt, als würde man in einen sauren Apfel beißen.“
Ich frage, ob er vielleicht ausnahmsweise ein Auge zudrücken und mir doch eine Cola Zero bringen kann. Er schaut mich an, als ob ich ihn und seine Großfamilie tödlich beleidigt habe. „Es ist nicht einfach mit Ihnen!“, lässt er mich und alle anderen wissen, die ihre Freude an dem spontanen Theaterstück haben.
Postdramatik? Volkstheater!
Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte mal so amüsiert habe beim Besuch eines „richtigen” Theaters. Intendant:innen, vergesst postdramatische Textflächen, Stückentwicklungen und sogenannte Überschreibungen von Klassikern: Steigt in den ICE zwischen Köln und Berlin und lernt von Monsieur Picard, wie man binnen Sekunden die vierte Wand aufbricht.
Telepathie aus der Tasse
„Guten Tag, der Herr, einen doppelten Espresso? Sie sehen aus, als könntense den gebrauchen“, sagt er zu einem neuen Gast, der verblüfft fragt, woher er das weiß? „Unterschätzen Sie mich nicht, ich spüre so was“ – der Gast ist verblüfft, freut sich und wir alle freuen uns mit. Mittlerweile ist jeder Platz belegt, kreuz und quer mischen sich die Gespräche unter uns beglückt Reisenden. Wir erleben uns als Menschen, die mit Fremden sprechen – und es fühlt sich gut an.
Wolfsburg, Warten, Wunderheilung
Monsieur Picard verhandelt mit Wartenden. „Wer von den Herrschaften verlässt mich in Wolfsburg?“ schallt er durch den ihm an den Lippen klebenden Theaterwaggon. Wo sonst betretene Stille herrscht, wenn jeder mit Privatatmung beschäftigt ist, melden sich alle, die in ein paar Minuten aussteigen. Der Conférencier entscheidet: „Ich setze Sie an den Tisch zu den Damen mit dem Riesling und diesem Colatrinker, da werden Sie sich wohlfühlen.“
Meckern macht einsam
Der Neue ist ein atemloser Herr. Er sucht übers Klagen Anschluss: „Dreiviertelstunde Verspätung, so ein Scheiß, Mann Mann Mann.“ Das ist dem Atmosphärenmeister zu unelegant, so etwas hatte er nicht im Sinn, als er uns den Neuankömmling an den Tisch gesetzt hat: „Kommt hier rein und meckert – nun kacken Se hier ma nich so rum, Sie befinden sich in einem Restaurant, mein Herr!“ – „Aber ist doch wahr, immer diese Verspätungen …“ – „Ach was, das Leben ist jetzt, schau’n Se sich um!“
Kassieren, Klatsch und Körperkunst
Später, beim Kassieren, sagt er: „Rück ma n Stück“ und setzt sich mit auf die Bank. Erst kurz vor Hannover erledigen wir das Geschäftliche, vorher erzählt er mir noch die Geschichte und ein paar Geschichten seines Lebens. Dass er früher als Drag-Queen aufgetreten ist und er keine Zeit zum Sport mehr findet, seine 93-jährige Nachbarin aber jeden Morgen um Fünf zum Joggen geht und ihn danach zum Schokokuchen einlädt. Dass sie ihre Beine hinterm Kopf verschränken kann und häufiger „Besuch“ hat und er sich dann aus Scham die Ohren zuhält.
Witziger, wärmer, weniger wund
Ich vermute, Monsieur Picard bringt einfach alle Menschen in seiner Nähe dazu, besser zu sein: witziger, großzügiger, weniger beschädigt, weniger beleidigt von der Existenz.
Am Ende meiner Reise betrug die Verspätung schon über eine Stunde, aber das Leben fand genau rechtzeitig statt.
Verehrte Lesende, wenn Ihr mit meiner Kolumne Freude habt, drückt bitte unten auf das Herz. Die Bahn wird dadurch nicht pünktlicher, nur verhelft Ihr dieser kleinen literarischen Komödie zu Sichtbarkeit. So ein „Like” ist in der digitalen Welt so wichtig wie Msr. Picard als Gegengift zur schlechten Laune.
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