Der vertrommelte Blick
Ein Spielmannszug im sächsischen Wald als Mittel gegen digitale Einsamkeit
Schwan, Schwalbe, Schwachsinn
Sonnenschein auf der Hausboot-Terrasse. Idiotischerweise entgeht mir, wie der Schwan ans Boot kommt und mich anknurrt. Auch, dass die Schwalbe in mein Schlafzimmer segelt und nach ein paar Runden waghalsig wieder von Bord fliegt, kriege ich nicht mit. Sie rast durch die Luft, als wäre der Himmel eine Achterbahn.
Wie all die anderen Süchtigen starre ich auf mein Handy, als ob in dem kleinen Kasten ein interessanteres Programm liefe als: Der Reiher schnappt sich eine Barbe aus der Havel.
Jetzt herunterladen und endlich funktionieren
Im Werbevideo einer App, die mir erklärt, nur mit ihrer Hilfe ein richtiger Mensch zu werden, lerne ich, dass mein Gehirn ausschließlich unter Bedrohung funktioniert: Erst, wenn es gar nicht anders geht, kriege ich den Arsch hoch und komponiere, schreibe oder was auch immer gerade meine sogenannte Arbeit ist.
Terrortrip im Tageslicht
Das Künstlerimage will, dass die Zeit dazwischen aus Orgien und seelenerschütternden Grenzerfahrungen besteht. Wie blöd wäre ich, zuzugeben, in Wirklichkeit würde sie von Panikattacken zusammengehalten und blödem Rumgescrolle? Von irrlichternden Strohfeuern im Kopf, die mich kurz vom Sofa aufschrecken lassen und ich google „Neuanfang“. Oder „Auswandern“, „Leben im Kloster / Wald / Hotel“, bevor ich mir wieder, vom Tageslicht verängstigt, die Decke über den Kopf ziehe.
Kindheitstrauma findet Melodie
Das war gestern. Heute, hier im sächsischen Weißwasser habe ich dafür keine Zeit, ein Spielmannszug aus Cottbus braucht mich. Der Spielmannszug pfeift mich in eine mir fremde Welt hinein: Uniform, Gleichmarsch, musikalischer Radau. Aber stimmt das? Als Kind hatte ich Angst vor diesem Glitzerwurm, der sich durch die Straßen schob, vorneweg ein stabschwingender Soldat, dahinter marschierende Flöten und Trommeln.
Der Spielmannszug „Cottbuser Musikspatzen” trifft sich im Wald: die Trommeln und Becken unter einer Weide, am Weiher studieren die Flöten und Glocken Musik ein, die ich für sie geschrieben habe. Es gibt einen Ort, da höre ich sie alle aus der Ferne. Zeitversetzt spielen sie dasselbe Stück, später kommen alle zusammen und plötzlich ergibt alles Sinn.
Was sich nicht wegrechnen lässt
Bei den Cottbuser Musikspatzen lernen alle anders, Max strahlt mich an: Ich habe eine Mathe-Schwäche, sagt der Achtjährige. Ich auch, sage ich, dann sind wir beiden schon zu dritt! Wir Mathe-Schwächlinge können aufeinander zählen.
Aber wenn der Rhythmus in Max’ Armen ankommt, mit denen er die große Trommel zum Donnern und Grollen bringt, lässt sich nichts davon mehr wegrechnen.
Patrick zählt die einzelnen Noten und setzt in seinem Kopf eine komplizierte Formel aus Dreier- und Vierergruppen zusammen, die nur er versteht. Im Gegensatz zu Max und mir blickt er allerdings durch: Er ist als Gutachter für Immobilien so sehr mit komplexen Parametern vertraut, dass ich überzeugt bin, er kann die Quadratwurzel von Pi trommeln.
Psycho-Parcours für Profis
Anja, die Tambourmajorin, ruht im Zentrum dieses Klangkörpers: Als Leiterin einer psychiatrischen Einrichtung ist sie Expertin für Individualisten, die der Gesellschaft Rätsel aufgeben. In ihrem Spielmannszug finden sich Ärztinnen, Friseurinnen, Einzelhandelskaufleute, eine Frau, die Altgriechisch spricht, Tierpfleger und Architektinnen. Und die kümmern sich um jede Menge Kinder.
Mit Führungs- und Überzeugungskunst tun die Großen alles, um die Kleinen während der Pubertät zu halten. Trommel, Pfeife und Lyra sind nicht gerade die heißesten Themen, wenn man bis unter den Scheitel mit Hormonen gedopt ist wie ein Junkie auf Entzug. Aber bleiben sie dran, kümmern sie sich ihrerseits um die Kleinen.
All diese Individualisten marschieren bei Anja im Gleichschritt – und bleiben trotzdem sie selbst. Manche werden erst sie selbst.
Ich habe übrigens seit Tagen nicht gesehen, dass hier irgendjemand aufs Handy starrt.
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Herzlich
Euer Sonntagskind




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