Deutschland liebt Verzicht. Ich nicht.
Warum ich ChatGPT die Hausaufgaben gönne und nicht zur Arbeit gehe
Sonntagskindkolumne 225 – schön, dass Du in der Flut täglicher Veröffentlichungen den Weg zu mir findest– danke.
Teletubbies = Buddenbrooks
Zum Unwort des letzten Jahres wurde in den USA der Begriff „Slop“ gewählt. Slop heißt Schlamm – gemeint ist hier die Flut von KI-geschaffenem Müll. Mediokre Songs auf Spotify, auf die Schnelle generierte Skandalvideos auf Youtube, Idiotenfutter für Socialmedia. Gegen Slop waren die Teletubbies die Buddenbrooks der Medienwelt. Emojis sind, verglichen mit dem digitalen Schlamm, Literatur: „Herrlich, dieser Pfirsich und das Zwinkersmiley – das kommt fast an Anaïs Nin ran!” – Und hier: Wer erkennt die Weltliteratur?
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Sonderverklärung
Slop (digitaler Content von geringer Qualität) führt in den USA also die Hitparade fragwürdiger Termini an. Unser deutsches Jahres-Unwort: Sondervermögen. Heißt das vielleicht „materieller Content von negativem Wert“? Das ist, als ob Dagobert Duck sich in einem leeren Geldspeicher suhlen würde. Geliehenes Geld Vermögen zu nennen und damit durchzukommen ist ein Kunststück. Oder einfach Hochstapelei. Ein bisschen wie, wenn ich behauptete, ich würde „arbeiten“.
Der Jazzsänger Tony Bennett, mein großes Vorbild in Sachen Lebenskunst, hat es schließlich so formuliert:
„I love what I do and as far as I’m concerned, I’ve never worked a day in my life.“
Tony Bennett mit 92, bitte u n b e d i n g t anschauen und genießen:
Erst die Arbeit, dann das Verzweifeln
Arbeit ist Ernst. Ernst des Lebens. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, heißt es. Beim Arbeiten musst du dich zusammenreißen, da geht es nicht nach dem Lustprinzip. Diese schrecklichen Glaubenssätze pflasterten die Wege meiner Jugend. Zum Glück kam mir mein Talent dazwischen: Musik und gehobener Unfug. Gehoben, weil richtiger Unfug auch wieder Arbeit ist: Pointen, Gags, Punchlines – das ist pure Schufterei. Und jetzt sitze ich hier seit zwei Stunden an diesem einen Satz.
Büro ist Krieg (Bernd Stromberg)
Ich komme mir geradezu soldatisch dabei vor: Im Auftrag der wöchentlichen Kolumne robbe ich durch den Schützengraben möglicher Sonntagskindthemen, ducke mich vor den Angriffen meiner Gegner:
Die Zweifel-Killerin, die mich mit der Es-hat-keinen-Sinn-Haubitze niederstrecken will.
Der hedonistische Mörderteufel mit der gefährlichen Nebelgranate: Kamin, Kerze, Kardashians – gibt es etwas schöneres, als mit Trash-TV vor der sogenannten Realität zu flüchten?
Der Prokrastinationspanzer. Plötzlich sehe ich seine Ketten von unten und erkenne: Eigentlich müsste dringend mal die Spülmaschine entfettet, das Badezimmer tapeziert, die Terrasse geschrubbt und der Kamin gereinigt werden. Jetzt! Oder die Steuererklärung.
Die Recherche-Kommandantin, die mich in ein endloses Informationslabyrinth lockt: „Kardashians schreibst du nur wegen der bescheuerten Alliteration mit Kerze und Kamin, hast aber keine Ahnung. Guck wenigstens ein paar Staffeln! Und weißt du überhaupt, was eine Haubitze ist, du Blender?
Inspirations-Nahkämpfer, die aus dem Nichts auftauchen und rufen: „Vergiss die Kolumne, die wird eh nichts – wir haben viel bessere Ideen für einen Welthit / das Jahrhundertmusical / den Bestseller – schreib das sofort auf, sonst ist es weg!”
Der Motivationsterrorist: „Erinnerst du dich an deinen Text von vor sieben Wochen? Der war richtig gut, mein Lieber. Kommst du nicht nochmal ran, du hast deinen Zenit überschritten. Jetzt neigst du dich allmählich dem Mittelmaß zu. Und bist noch nicht mal berühmt. Ganz schön dumm gelaufen.“
Ich desertiere, Krieg macht keinen Spaß. Verzweifelt wie der Fischreiher, der sehnsüchtig und hungrig die leckeren Barben unter der gefrorenen Schicht im Hafenbecken beobachtet, rutsche ich über das semantische Glatteis meiner Kolumne. Ganz schön sloppy hier!
W E R B U N G:
31. Januar 2026, Schauspielhaus Bergneustadt, 20 Uhr:
„Mark Scheibe ist Komponist, Kolumnist, Chansonnier – und
höflich genug, Ihnen das nicht sofort aufs Brot zu schmieren.
Stattdessen schenkt er Ihnen einen Abend, der zwischen
geistvollem Krawall, musikalischer Maßarbeit und Realitätsverweigerung schillert.
Erleben Sie eine stilvolle Grenzüberschreitung mit Klavierbegleitung: Mit Songs, gelesenen Kolumnen und Improvisationen erzählt Scheibe vom Leben im Hotel und auf dem Hausboot, von seinem Weg als Komponist zwischen
Oper, Chanson und Aprés-Ski-Schlager.
Und davon, dass sich das Leben manchmal wie ein Mahler-Adagio anfühlt – und manchmal wie ein Kinderkarrussell auf LSD”
„Ein hypersensibler Dandy im Kampf mit der Stillosigkeit des Weltuntergangs – in einem die Lebenslust feiernden Abend für Alltagsgeplagte mit Sehnsucht nach Dekadenz.”
31. Januar 2026, Schauspielhaus Bergneustadt, 20 Uhr
„Mark Scheibe im offenen Hemd:
Bester Udo-Jürgens-Wiedergänger aller Zeiten!“
– Süddeutsche Zeitung
Penetriert von künstlerischem Ernst
Als ich Dozent war – als Abiturverweigerer sage ich das voller Stolz – an der Hochschule für Schauspielkunst, lernte ich einen dortigen Brauch kennen: Bei öffentlichen Vorführungen, in denen die angehenden Mimen Szenen auf der Bühne spielten, hieß es am Ende: Es haben gespielt – dann kamen die Namen der Schauspielstudierenden, weiter hieß es: Es haben gearbeitet, dann wurden die regieführenden Dozenten genannt. Die blöden kleinen Theaterstudis spielten nur, während die vom künstlerischen Ernst tief penetrierten Meister gearbeitet hatten. Ich fand das gleichermaßen lächerlich wie peinlich.
Deutscher Mangelfetisch
Vor Kurzem habe ich eine Kolumne für ein Stadtmagazin geschrieben, es ging um Neujahrsvorsätze. Und dass in Deutschland Verzicht ganz oben auf der Liste steht: Weniger essen, weniger arbeiten, weniger Stress. Langweilt dich diese Mangelfixierung auch? Man kann sich doch nur Dinge vornehmen, von denen man weiß, dass man sie mit Freude tut, zu etwas anderem sind wir Menschen nicht in der Lage (Wissenschaft). Wir brauchen das Gefühl, unsere Lebenszeit mit Sinn zu füllen.
Geistesfest im Lehrerzimmer?
Daran krankt auch das Schulsystem: Lernen ohne Idee, wofür. Ein bisschen Schadenfreude empfinde ich gegenüber Lehrplanerfindern, die damit zurechtkommen müssen, dass ihre bescheuerten Hausaufgaben jetzt von ChatGPT geschrieben werden. Ich denke an meine Freundin O., sie war auf einem britischen Internat. Ihre Lehrerinnen und Lehrer, das war ihr Team. Die haben es darauf angelegt, für sie da zu sein und das Beste in ihr zum Blühen zu bringen. Können sich Frau Wilkenhoff-Scheurer und Herr Spanhecht im Lehrerzimmer vielleicht auch auf diese Prämisse einigen? Dann kann PISA ein Festungsturm aus Bildung und Lebensdurst werden, sicher zementiert auf einem Grund aus fruchtbarem Geistesacker, nicht auf Slop. Wäre das nicht ein schönes Sondervermögen?
Aus der Kajüte der Erkenntnis
I. Wer zwischen Spielen und Arbeiten unterscheidet, hat von beidem nichts verstanden.
II. Man kann sich nur vornehmen, was man mit Freude tut. Alles andere ist Vorsatz-Slop.
III. Slop ist, was übrigbleibt, wenn keiner mehr etwas riskiert.
Ich bin Mark Scheibe, der freundliche Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt – ignorierter Künstler von Weltrang. Ein Geheimtipp bin ich als Opernkomponist und Jazzsänger. Auch als Schlagertexter, Astrologe und Marathonläufer halte ich mich aus Anstandsgründen dem Glitzerlicht der öffentlichen Bewunderung fern. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken.






