Die Diva-Diagnose
Grandiositäts-Check online
Narzissmus aus Notwehr
Persönlichkeitstests? Mache ich immer sofort. Intelligenz, Hypersensibilität, ADHS, ich teste mich häufiger online durch als ich mir Blut abnehmen lasse oder die Urologin den Gummihandschuh anzieht. Vor ein paar Wochen gratulierte mir die ZEIT nach einer Onlinebefragung zu überdurchschnittlich hohen Narzissmus-Werten.
Stilwerte vs. Stadtwerke
Wer antwortet auf die Frage „Verdienen Sie es, besser behandelt zu werden als der Durchschnitt?“ nicht mit vollen 10 Punkten? – „Ich finde es richtig, beim Jobcenter von meiner Sachbearbeiterin grundlos beschimpft zu werden, denn die anderen werden ja auch angepöbelt.“ – Selbst als ich es mir noch nicht leisten konnte, hatte ich schon eine Bahncard 50 für die 1. Klasse. Für etwas mehr Platz, deutlich mehr Ruhe und die Illusion von Eleganz wurde mir früher gelegentlich der Strom abgestellt, aber das war es mir wert.
Grandezza grölt nicht
Beim Grandiositäts-Check der ZEIT habe ich nur aus Bescheidenheit nicht die volle Punktzahl erzielt. Schließlich bin ich kein Prahlhans, der sein Credo herausblökt wie ein besoffener Schalkefan. Dass mein Leben einem teuer aussehenden Kunstwerk gleichen möge, ist schließlich meine Privatangelegenheit.
Der ICE als Ästhetikverbrechen
In der 1. Klasse des ICE wird diese Illusion allerdings von Totengräbern des Schöngeists aufs Gleis gelegt – und gnadenlos überrollt, ohne dass eine Durchsage kommt: „Wegen eines Poesieschadens verzögert sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Sehnsucht.“
Sockenterror in Wagen 27
Der Handlungsreisende am Zweiertisch hat sich die braunen Budapester von den Füßen gestreift und legt die besockten Füße auf den Sitz gegenüber, inklusive dem Zeh, der durchs fransige Loch lugt wie ein käsiges Genital, das sich verlaufen hat.
Bedeutungsaura mit Bananenschmiere
Der Herr mit der Führungskrawatte räuspert sich so laut und wichtig, als wäre er Chief Vision Officer am Nussbaum-Executive-Desk von Knoll. Dabei quetscht er seinen Bauch hinter die Plastikkante des Bahnklapptischchens, an dem der Rest einer Babyfütterungsbanane klebt und dem Geschäftshemd die Bedeutungsaura wegstempelt. Ob es einen Charterservice für Pferdekutschen gibt? Der ICE ist auf Dauer zu unbahnherzig.
Startup-Streichelzoo Prenzlauer Berg
Ich versuche ein Prenzlauer-Berg-Café, ob man hier teuer aussehendes Künstlerleben zelebrieren kann? Mützige Bärtchenmänner mit Macbooks haben Projekte. Sie machen keine, sie haben.
Beim Trauma-Release-Yoga heute Vormittag noch in Embryostellung einen Nervenzusammenbruch performed, jetzt aber selbstsicher auf Englisch zoomcallen. Die Kühlwürfelchen des Iced Flat Cardamom Decaf klickern im Einweckglas zwischen zierlichen Fingern, denen man ungelöste Vater-Issues ansieht. Der Head of Hafermilch-Affairs schlürft ein Schlückchen Feelgoodsahne ins Schleckermäulchen und spricht: „Our core audience is … yeah, yeah, slightly burned-out. We’re launching beta … with a small circle of post-wellness investors.“ Ich fühle mich auch slightly burned-out.
Elektrobeats gegen die Restwürde
Kein Wunder. An den nackten Betonwänden prallen die deprimierenden Elektrobeats so hart ab wie akustischer Steinschlag. Jeder Schlag ein Tritt gegen den Kopf. Der Mützchenmann und die anderen tippeln auf den Tastaturen, als ob sie zwischen ihren Ohren Drohnen jagen.
Die ZEIT hatte recht, ich bin Narzisst. Und erwarte, besser behandelt zu werden – und zwar von mir selbst. Raus hier!
Liste neu erfundener Wörter in der 248. Sonntagskind-Kolumne:
Babyfütterungsbanane
Bärtchenmann
Bedeutungsaura
Feelgoodsahne
Führungskrawatte
Geschäftshemd
Head of Hafermilch-Affairs
mützig
Poesieschaden
unbahnherzig
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Ich schreibe hier wöchentlich seit Sommer 2021 und bin damit ein Substack-Pionier. Ansonsten kann ich richtig gut Musik für Orchester komponieren und von der Bühne aus für gute Laune sorgen. Vielleicht sehen wir uns mal bei einer Show von mir?
Hat Dir diese Kolumne gefallen? Klick auf das Herz, bitte. Es ist in der Substack-Welt wichtiger als die Feelgoodsahne für den Egokrieger. Substack wird von Daten bewegt – jede kleine Herzregung von Euch ist ein Zoomcall in die Substack-Zentrale – und macht diese Kolumne sichtbar.
Wenn Ihr noch nicht abonniert habt: Tragt oben Eure E-Mail ein. Es ist keine Mitgliedschaft im Club der Chief Vision Officer mit BahnCard 100. Aber ein Bekenntnis zu guter Unterhaltung.
Wenn ich Euch mit meiner Kolumne so richtig begeistern konnte: Schließt Euch dem vornehmen Zirkel zahlender Unterstützerinnen und Unterstützer an. Werdet Mäzene. Aktionäre der Lebenskunst.
Wer diesen Text restackt, verhilft ihm zu Sichtbarkeit.
Und schreibt gern einen Kommentar, als offiziell geprüfter Narzisst darf ich jeden Kommentar mit Freude beantworten!
Herzlich
Euer Sonntagskind
Der Head of Hafermilch-Affairs zoomt noch. Das ist öde. Wir chatten!
PS: Morgen, am Montag, dem 6. Juli gehe ich auf Substack live (das sagt man so). Um 19 Uhr widme ich eine Viertelstunde dem Scheitern. Juhu! Das hat mit meiner letzten Kolumne zu tun und einigen Fragen, die sich daraus ergeben. Ich freu mich auf Euch! Schaut einfach am Montag, dem 6. Juli um 19 Uhr in die Substack-App.






