Die Ermittlungen laufen auf Hochsitzen
Für Spaß mit der Sprache
Wundervolle Lesende,
ich sitze auf dem Hausbootsofa und freue mich, für Euch die 223. Sonntagskindkolumne fertig zu haben. Ich sage es mit Trump: Die Kolumne ist sehr gut, nur mein eigener Geist kann mich stoppen. Im Hintergrund seht Ihr die pastellgrüne Moccamaster, sie ist leer. Ich liebe Kaffee. Und Euch – gerade dieser einsamen Tage an der verschneiten Ostseeküste erfreue ich mich über viel Resonanz zu meinen Kolumnen, viele neue Abos, die hoffentlich Eure Sonntage unterhaltsam bereichern. Wenn die Kolumne gefällt, klick aufs Herz, bitte. Das macht mich auch für andere sichtbar.
Ganz besonders danken möchte ich denjenigen von Euch, die mir mit einem bezahlten Abo eine Freude machen. Für Euch will ich im Sommer eine Live-Show auf dem fahrenden Hausboot machen. In Berlin, denn im April mache ich mich mit meinem Traumschiff auf den Weg nach Schmöckwitz. Nun aber zum Inhalt – viel Vergnügen mit Die Ermittlungen laufen auf Hochsitzen.
Euer
Die Maschine faselt volksnah
Meine Tochter machte mich bei einer gemeinsamen Autofahrt darauf aufmerksam, dass ich mit ChatGPT nicht nur schreiben, sondern auch reden kann. Ich habe diese sonderbare App dann also mündlich in einer juristischen Angelegenheit um Rat gefragt. Zu hören bekam ich, wie ich auf der sicheren Seite bin, wenn etwas Bestimmtes noch nicht in trockenen Tüchern ist und dann wollen wir mal gleich die Sache angehen – und noch viel mir zeitvergeudende Laberware. Was ist das für eine Zeit, in der die Maschinen das einfallslose Blabla uninspirierter Phrasenplauderer übernehmen, anstatt sich am Sprachniveau von Virtuosen zu orientieren?
Wahrscheinlich soll es volksnah wirken, wenn die KI so vertraut daherfaselt we eine Call-Center-Agentin, die dir am Telephon ein dringend benötigtes Tarif-Upgrade auf den Wunschzettel quatscht.
Gegen ChatGPT, seinen Kollegen Claude und die anderen Alleswisserprogramme wirkt Fritz Langs Mensch-Maschine in „Metropolis“ von 1927 erstrebenswert.
Was Theologen für sich behalten
Aber der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild, wie es Theologen uns verschweigen – und so dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Roboter sich eher an Erika Mustermann orientieren als an Hannah Arendt oder Winnetou Kowalski1.
Alma Mahler gegen das Mittelmaß
Diese Durchschnittlichkeit macht mich traurig. Die verhinderte Komponistin und geniale Salonlady Alma Mahler soll ihren Chauffeur genötigt haben, Gedichte zu schreiben – sie konnte es nicht leiden, von unkünstlerischen Menschen umgeben zu sein. Ich verstehe Almas Schmerz:
Texte der Traurigkeit
Wenn die Nachrichtensprecherin mal wieder sagt, dass für einen Verunglückten jede Hilfe zu spät kam, fühle ich mich vom Rundfunk in meiner Sprachliebe alleingelassen. Wenn ein komplett unsportlicher CSU-Politiker plötzlich irgendwohin zurückrudert, muss ich auch weinen.
Wenn bei Juristen die Kasse klingelt
Heulend auf dem Boden liege ich bei diesem semantischen Totalschaden: „Das Verfassungsgericht hat das Klimaschutzgesetz kassiert“. Ich stelle mir vor, wie die Richterin in roter Robe an der Kasse bei JUSTI - der Paragraphendiscounter sitzt und das Gesetz über den Scanner zieht.
Hegel goes Bagel
Das Verfassungsgericht kassiert ein Gesetz, um es loszuwerden. Das ist, als würde die Bäckerin den Bagel kassieren und nach der Bezahlung in den Müll werfen. Dialektische Wirtschaft – Hegel goes Bagel!
Die Entwertung aller Werte
Ich habe recherchiert: „Cassare“ heißt: für ungültig erklären. Kassieren = entwerten. Ganz schön kompliziert. Wie bei U-Bahn-Tickets. In Berlin werden sie durch Stempeln entwertet, in der Pariser Metro werden sie durch Stempeln aufgewertet, validé. Aufwerten, Entwerten – beides dasselbe? Bevor ich dich traf, das war eine trübe Zeit! Dass die Jahre vor dir vergangen sind, aber unsere gemeinsamen Jahre vor mir in der Zukunft liegen, ist hingegen so durchgeknallt, dass ich sofort vor Freude schreie. Um diese Sprachsensation gehörig zu zelebrieren, habe ich sie sogar komponiert. Ungeduldige skippen auf ca. Minute 1.00:
Aus „Lieder für den späten Abend”, CD 2016
Komm, geh weg!
Manchmal werden Gesetze nicht kassiert, sondern sogar verabschiedet – und das bedeutet das Gegenteil. Ob uns die schlauen Nachrichtenleute daran erinnern wollen, dass die Welt nicht so einfach zu begreifen ist wie wir denken, wenn sie eine Floskel nutzen, die gleichzeitig Adé winkt und „willkommen!“ salutiert? Lebwohl, liebes Gesetz, endlich bist du da!
Sabotage für die Sprachfreude
Ich schlage einen Entgleisungsmechanismus für solche trainwrecks vor – allein, um Langeweile vorzubeugen.
Wenn ein Kritiker über eine gelungene Theateraufführung spricht, möge er ab jetzt den Schlussapplaus frenetischen BEISCHLAF nennen. Hat er sich vorher schlau gemacht, dann, um nicht die Katze im SACKGESICHT zu kaufen. Um sicherzugehen, dass er im Einklang mit seinen Überzeugungen schreibt, braucht er einen moralischen KOMPOST – auf dem kann er sich nach reiflicher ÜBERTREIBUNG ausruhen und den Unkenrufen zum TROTTEL lauschen, den die seltenen Amphibien extra für ihn anstimmen. Er sollte jetzt unbedingt klare Kante ZAUBERN, denn diese wurde schon viel zu oft nicht gezeigt. Tosender APPENZELLER für dieses Kunststück! Zeit für einen Sturm der ENTSPANNUNG – sollen die anderen sich abrackern, die Ermittlungen laufen auf HOCHSITZEN, aber das Vorgehen stößt auf KREDIT, wie es aus Sicherheitskreisen VERLAUBBLÄST. Ob das nur die Spitze des EISBECHERS ist? Dazu gibt es gegenwärtig noch keine belastbaren INFEKTIONEN.
Geschichte mit Gänsehaut
Zum Glück hat Deutschland mehr zu bieten als seine leicht zu entstellende Sprache. Wenn sich der Laberstyle von ChatGPT an den Sprachstil von Schriftsteller Peter Prange halten würde, wären trockene Tücher und sichere Seiten Schnee von gestern. Peter Prange erzählt die Zeit zwischen den ersten Telephonen und der Einführung des Euro in fünf Romanen.
Zusammen bringen wir ein Programm auf die Bühne, in dem Peter die Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt und ich dazu Musik mache – ich kann Euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich über diese Zusammenarbeit freue – und darauf, Euch nächsten Freitag in Bremen zu sehen. Wie wär’s? Geschichte mit Gänsehaut – nächste Woche im Bremer Sendesaal. Freitag, 16. Januar, 19 Uhr 30. Tickets hier, bei Klick aufs Plakat:
Aus der Kajüte der Erkenntnis:
I. Wenn Maschinen reden wie Menschen, sollten wir Menschen dann nicht wie Dichter sprechen?
II. Eine Phrase ist ein schlecht gekleideter Gedanke.
III. Wer volksnah ist, kann weltfremd sein.
Ich bin Mark Scheibe, der freundliche Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt – ignorierter Künstler von Weltrang. Ein Geheimtipp bin ich als Opernkomponist und Jazzsänger. Auch als Schlagertexter, Astrologe und Marathonläufer halte ich mich aus Anstandsgründen dem Glitzerlicht der öffentlichen Bewunderung fern. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken.
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