Du bist zu fett
Inspirationsquelle Dschungelcamp und das Echo von Nietzsche
Verehrte Gefolgschaft,
mit der 227. Sonntagskind-Kolumne stippen wir unser Lesebrot tief in die Marmelade der Selbstbezichtigung, inspiriert vom täglichen Beobachten der Jäger nach versteckten Sternen im Dschungelcamp auf RTL. Ich bekenne mich des Voyeurismus schuldig und gebe zu, dass mir die Beobachtung der gestrandeten Schein-Celebrities ein zoologisches Vergnügen bereitet.
Mich wundert allerdings, dass die Camp-Sternchen so wenig mit ihrer Zeit anzufangen wissen und sich oft zu langweilen scheinen. Wir hingegen, so meine These, sprudeln und blühen, lässt man uns aufeinander los! Heute (Sonntag) und morgen will ich mit Euch einen Song schreiben – dazu später mehr. Jetzt viel Vergnügen mit „Du bist zu fett!”
Mit 15 stand ich vorm Spiegel, zog die Gesichtsmuskeln zusammen, sodass die Nase schmal wurde. Durch die Verschiebung wanderte die Nasenmasse nach unten, was meine Oberlippe aufplusterte. Das gab mir etwas Französisches, fand ich, warum konnte ich nicht so aussehen! Ich mäkelte weiter an mir rum: die Augen – viel zu schlitzig. Wenn ich lachte, verschwanden sie. Also hob ich vorm Spiegel die Augenbrauen, bis ich aussah wie ein Kaninchen auf Speed. In einem Alter, in dem ich bei dem Wort nicht an das krankpeitschendes Psychopulver dachte, sondern an die kleine mexikanische Rennmaus Speedy Gonzales – auch wenn deren aufgerissenen Pupillen an einen massiven Verstoß gegens Betäubungsmittelgesetz denken ließen.

Selbst heute heißt es unter Models: Augenbrauen hoch, Mundwinkel runter. Der internationale arrogant-bitch-look ist der Reisepass derjenigen, die für schön gehalten werden wollen – und zwar unisex. Body-Selfshaming, eine Frauenspezialität? Viele von ihnen setzen ihre gepflegten und trainierten Körper der eigenen Geringschätzung aus, wenn sie in den Spiegel schauen. Wir Jungs ziehen mit einer punchigen Muskelbewegung den 25-Kilo-Bierbauch ein, drücken die Hühnerbrust raus und sagen: „Geht doch!“
Ich gehe hier allerdings als Gleichstellungsavantgardist voran, damit die neurotische Körperselbstzensur keine Frauensache bleibt: Jeden Morgen steige ich mit pathologischer Disziplin auf die Waage und achte darauf, dass die Zahl auf dem Display eine stabile Größe ist. In Zeiten, in denen ein Bitcoin heute hundert Riesen wert ist und morgen nur die Hälfte, ist ein stabiles Körpergewicht ein wirtschaftliches Statement: Meine Maßanzüge sind inflationsunabhängig.
Außerdem übe ich einen strengen Kalorienfaschismus aus, um nicht auszusehen wie ein Mann meines Alters. Es würde mich in unendliche Traurigkeit stürzen, schmalschultrig bebierbaucht dem Lebensabend entgegenzuschlurfen.
„Dorian Gray ist irgendwie okay, auf meinem Dachboden verschimmelt ein Bild.” (Ab 02:02)
Habe ich Übergewicht, leide ich. Bin ich schön schlank, fürchte ich, über Nacht wieder fett zu werden. Psychoterror hausgemacht. Das ist Selfmade-Sabotage: Reich sein und in Angst vor Armut leben. Was für ein dialektischer Unglücksway of Life. Waste of Happiness. Ich will das überwinden. Hier meine Methode, wie ich das Muss-Muster zu einem Darf-Dasein ändere:
Karussell der Komplimente
„Steig ein ins Komplimente-Karussell! Jetzt geht die Sause richtig los, bade in Bewunderung, bis du dich schämst vor Glück!“
Sagt jemand „Gut siehst du aus!“, pflege ich „Das täuscht!“ zu entgegnen. Das bringt natürlich immer einen Lacher, ist aber wahrscheinlich nicht gut für die eitle Seele. Mein Plan: Vorm Kompliment nicht mehr flüchten wie damals, als ich auf dem Fußballfeld vorm Ball weggelaufen bin, sondern ihm entgegenrauschen. Ich bin ab jetzt bereit für jede Form von Verehrung – und will sie genießen!
Komplimente genießen? Natürlich mit Niveau – nicht wie die tristen Gestalten, die ihre wunden Seelen in die Arena werfen wie die sogenannten Stars im Dschungelcamp. Die pflegen allerdings eine gesunde Euphemismus-Euphorie und missdeuten die Häme, die ihnen entgegengespuckt wird, als Applaus.
Ein beneidenswertes Kunststück, das am Ende vielleicht sogar gelingt – die Umwertung aller Werte schreitet voran, Nietzsche hatte recht! Aber, ob Schnurrbart-Friedrich an Hubert und Ariel gedacht hat, als er seinen Übermenschen im Sinn hatte? Ariel hält die Erde für eine Scheibe und lässt ihren gebotoxten Sündenmund unter blonder Teufelshornfrisur vernichtende Gehässigkeiten aus der Niedlichkeit ihrer Erscheinung abfeuern. Der Wille zur Macht ist ihr zwar zu eigen, aber für die gnadenlose Anruf-Jury war das sexualisierte Spülwasser der jenseits von Gut und Böse agierenden Schweizerin wohl zuviel von einem von Beidem: Sweet Ariel amüsierte sich darüber, dass am Frühstücksgeschirr der Gemeinschaft ihre nach der Intimrasur zurückgebliebenen Vulvastoppel kleben. Dieser Hygiene-Fauxpas kostete sie die Kronenchance.
Hubert hingegen reckt seine beneidenswerte Schlichtheit liebenswert in die Kamera, wenn er von einem Wahrsager erzählt, der durch Handaufhalten Heilung schafft. Auch sonst verrennt sich der blondierte Senior mit kindlicher Freude in Metaphern. Manchmal weint er, wenn ihm alles zuviel ist. Ofarimsohn Gil hingegen punktet mit Mangel. In stoischer Martyriumspose wertet er gelassen um, dass er nachweislich einen Hotelmitarbeiter zu Unrecht in den Beschuldigungshagel ekelhaften Antisemitismus gestellt hat – und kommt damit geschmeidig in die vergessliche Gunst der Masse, die keinen Bock auf anstrengende Moralpositionierung hat. Angesichts einer solchen Charakterschwäche freue ich mich über meine Nasensorgen.
Warum mir diese Form der Unterhaltung aber so gut gefällt, ist mir ebenso rätselhaft wie die Frage nach der inneren Führung der Prominentendarsteller. Was ist das für ein Leben, in dem man die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit an Instant-Resonanz knüpft? Hat man sein Warum im Leben, verträgt man sich fast mit jedem Wie, wusste Nietzsche, der Existenz-Influencer des 19. Jahrhunderts. Als ihm klar wurde, dass man Chaos in sich tragen muss, um einen tanzenden Stern gebären zu können, ahnte er nicht, wie sehr die aus stinkenden Essensabfällen und psychotisierenden Insektenfluten geborenen Sterne auf unserer Nase herumzutanzen verstehen.
Hoffnungsvoll wünsche ich einen herrlichen Sonntag
Euer
Neu erfundene Wörter im 227. Sonntagskind:
Lesebrot, Nasenmasse, krankpeitschend, Psychopulver, arrogant-bitch-look, Body-Selfshaming, punchig, Gleichstellungsavantgardist, Kalorienfaschismus, bebierbaucht, Selfmade-Sabotage, Unglücksway of Life, Muss-Muster, Darf-Dasein, Sündenmund, Vulvastoppel, Instant-Resonanz, psychotisierend.
Gemeinsam einen Song schreiben?
Nun meine Idee, liebe Freundinnen, Freunde! Ich will dieser Tage einen Song schreiben, mit Eurer Hilfe: Schreibt mir in die Kommentare Wörter, ich werde sie vertonen. Es können auch Phrasen oder halbe Sätze sein – spezifische Wörter sind hier stärker als gewöhnliche.
Also, statt „tanzen” besser „schwofen” oder „bekifft Walzer tanzen”, statt „Sonnenschein” lieber „verblassendes Abendrot” – Ihr versteht die Idee, nicht wahr? Je spezifischer die Wörter, desto schärfer das Kopfkino im fertigen Song. Hier ist nun Platz für Eure Wörter, Phrasen, Kreationen – ich vertone sie, spätestens Dienstag ist der Song dann fertig. Ich bin gespannt auf Eure Wörter!
Schreibt sie hier in die Kommentare, Annahmestopp ist Montag, 12 Uhr mittags:
Aus der Kajüte der Erkenntnis
I. Schön sein aus Angst ist keine Ästhetik, sondern Erschöpfung.
II. Kalorienfaschismus macht schlank, aber nicht frei.
III. Dein Spiegel ist ein Satiretheater mit schlechter Regie.
Liebe Freundinnen, Freunde, nach dem Studium Eurer Kommentare, dem poetischen Verwertungsgenuss Eurer tollen Wörter freue ich mich über unser gemeinsames Werk: FURIENFETISCH heißt es, dieses Wort kommt von Anna Asconti, wie auch das schöne Verb VERTRÖDELN. Der Name der EssenzExpressionistin gehört an sich schon vertont, sie gab allerdings SELBSTFREUNDLICHKEIT in den großen Wortsalat. Rheese, vom Dschungel gestreift, erinnert uns an LÜGEN AM LAGERFEUER und ohne Saskia gäb es kein ABENTEUER auf der CHAISELONGUE, die uns Birgit Dohlien auf Florian Scheibe s BLITZEISATTACKE stellt und auch noch den ABGELIEBTEN HASEN ins Spiel bringt. Kein Wunder, dass das von diesen grotesken Vokabeln ausgelöste Desaster nur eine SUPERSEXY BLECHLAWINE sein kann, wie Marika Mettke weiß.
Nach dem gestrigen Live-Songwriting habe ich mich an die Produktion gesetzt, das erklärt das ausbleibende Photo, denn meine NACHTSCHICHTAUGENRÄNDER sind nicht präsentabel, was Jomial Weserkind offenbar schon vorher wusste. Live waren auch noch Timogenes, Julian Stiller und andere aktiv dabei, das ging alles so schnell, ich hätte es mir notieren sollen. Nun, hier ist der Song. Roh, schmutzig, schnell gemacht – und ohne Euch nicht möglich. Ich liebe das – noch gestern um die Zeit wusste keiner irgendwas, jetzt habt Ihr einen schönen Ohrwurm. Wenn Euch diese Art gemeinsamen Zeitvertreibs Freude macht, sagt es mir, tragt es in die Welt. Ich denke, das machen wir bald wieder.
Hier das zu 100 % KI-freie Lyricvideo:







VERTRÖDELST du wieder deine Zeit
mit nächtlichem Geflimmer?
Komm zur Räson.
Streichelst du dein Handy,
Runter vom Sofa,
doch hast für dich keine
SELBSTFREUNDLICHKEIT?
auf die CHAISELONGUE!
Nicht in diesem
Sei nicht Sport,
FREVELZIMMER.
sei Feuilleton!
Du redest wieder
SUPERSEXY BLECHLAWINEN,
aber
gegen jede seelische Macke,
jede innere schlimmere BLITZEISATTACKE,
ob Mann oder Frau, das ist Hose wie Jacke,
hilft nur die Furie in dir.
Auf der CHAISELONGUE
liegt ein MEER VOLL ABENTEUER
Auf der CHAISELONGUE
hörst du keine Lügen wie am Lagerfeuer.
Ein ABGELIEBTER HASE ist kein FREMDER.
Auf der CHAISELONGUE
verschwinden deine NACHTSCHICHTAUGENRÄNDER.
Die Furie sagt’s poetisch:
EINE VORLIEBE FÜR FURIOSE DAMEN
ist ein FURIENFETISCH,
ein FURIENFETISCH,
ein FURIENFETISCH!
Geniales Feuerwerk! Danke, you made my day!
Vorbei ist es mit meinem gemütlich VERTRÖDELTEN Sonntagmorgen. Ich schlüpfe in meinen FURIENFETISCH (Lederhose) und nehme Happy Boy an die Leine, dann schnüffeln wir im Park herum - er mit der Nase am Boden, ich halte sie in die Luft.