E bissle viel Natur
Randale im Seelenzoo
Dies ist die 254. Kolumne, wie schön, dass du sie liest. Eine schwäbische Touristin, die hier auf einem Boot Urlaub macht, wedelt die Mücken weg, rümpft die Nase übers Möwengezeter und das Froschgequake und klagt: „E bissle viel Natur!“ Sie hat ja keine Ahnung. Hier ein Einblick in meinen privaten Seelenzoo, die inneren Tiere und ihre Pendants rund um mein Hausboot:
1. Der gefräßige Kormoran.
Der Kormoran schwimmt entig umher. Er wirkt deutlich kräftiger als die berühmten Disney-Inspos, dann taucht er schnell und lautlos ab und treibt sich eine Weile unter Wasser rum. Kommt er wieder hoch, klemmt ein zappelnder Fisch in seinem Schnabel. Er dreht das Opfer mit schnellem Kopfgezucke, sodass er es längs runterschlucken kann. Ohne zu kauen und ohne jegliche Anmut. Dabei würgt er, denn der Fisch ist länger als sein Hals. Ich schaue mir das an und weiß: Das ist kein Zufall. Bin ich dieser Kormoran?
Zwar nehme ich nichts in den Mund, das mir bis zu den Schlüsselbeinen reicht, aber ich lasse mir beim Essen zu wenig Zeit. Ungefähr so:
Ich hocke, in einen lumpigen Leinensack gekleidet und mit verfilztem Bart auf einer abgestellten Müllkiste im Schatten und schaufele halbbewusst irgendeine ihren Sättigungszweck erfüllende Nahrung in mich rein, aus einer vergilbten Plastikschüssel.
Dabei grunze ich, damit die Fliegen verschwinden und starre in ein Handy, auf dem die vulgärsten Szenen von „Temptation Island VIP“ in Dauerschleife laufen.
Habe ich aber Besuch, dann prachtet eine gestärkte Tischdecke im Salon, an die sich das polierte Silberbesteck kuschelt. Aus den glänzenden Weinkelchen duftet der Bordeaux, als flüsterte er: Ein Leben ohne Überfluss und Eleganz ist würdelos.
In herrlich gestalteter Gesellschaft steht die Zeit still und alles schmeckt dann auch viel besser. Der Geschmacksverstärker heißt Inszenierung.
Erkenntnis: Weniger Kormoran, mehr Pfau.
2. Der erzogene Fuchs
Beim Laufen treffe ich auf einen streunenden Fuchs. Als wäre er ein pensionierter Studienrat, läuft er regelkonform am Rand des gepflasterten Wegs, darauf bedacht, alles richtig zu machen. Das soll ein Raubtier aus der Wildnis sein? Fuchs, bist du irr? Dir gehört der Wald, du kannst hier machen was du willst, man fürchtet dich – jetzt schleichst du hier entlang, als wärst du ein ortsfremder Tourist, der gleich fragt „Entschuldigung, wo kann man hier gratis Hühner reißen?“.
Bin ich es etwa selbst, der da mit seinem Schweif an der Grasnarbe entlangstreift und höflich anklopft, obwohl die Tür längst offensteht? Manchmal laufe ich Gefahr, mit meiner geradezu zwanghaften Höflichkeit das Leben überzukultivieren:
„Verzeihung, gnädige Frau, sehen Sie das Unfallopfer dort auf der Straße in seinem Todeskampf? Sie würden mir eine außerordentliche Freude machen, wenn Sie mir tatkräftig dabei hülfen, den Verwundeten zu retten. Schreiten wir in aller Ruhe dorthin, haken Sie sich gerne bei mir unter. Wissen Sie, dass Sie eine sehr angenehme Begleitung für einen Spaziergang zur Lebensrettung sind? Wie heißen Sie?”
Erkenntnis: Staube nicht, raube.
3. Der Aggroschwan
Ich sehe ihn schon von Weitem, er schwimmt geradewegs auf mein Hausboot zu. Mit seinem Schnabel hackt er auf die Holzterrasse ein, dann schaut er mich an und faucht. Ich habe ihn mit Haferflocken gefügig gemacht, seitdem kommt er freundlich angedackelt und schnurrt wie ein Perserkätzchen.
Bin ich auch so leicht ruhig zu stellen wie der mittlerweile devote Schnurrschwan? Neulich komme ich in Wilmersdorf aus dem Steinway-Haus, da winkt ein Mann aus einem BMW. Er fragt nach dem Weg, spricht Englisch mit italienischem Akzent. Der Akku seines Telephons sei aus und er müsse zum Flughafen, den Mietwagen abgeben und dann zur Modemesse nach LA. Er macht mir Komplimente für meinen petrolfarbenen Leinenanzug und bedankt sich überschwänglich für die Wegweisung.
Dass er ein Schneider aus Milano ist, der für Brioni und Armani arbeitet, erklärt er und gibt mir seine Karte. Wenn ich in Italien bin, soll ich ihn unbedingt besuchen. Zwischendurch immer wieder Komplimente für den Anzug und meinen Stil. Alessandro und ich verstehen uns.
Zu seinem Vergnügen bringe ich meine wenigen italienischen Phrasen und Vokabeln unter und sehe mich schon mit Alessandro in Mailand auf der Piazza beim Vino sitzen, Freundinnen von ihm kommen vorbei und sind begeistert von seinem nuovo amico tedesco: Was für eine kultivierte Erscheinung, was für ein eleganter Mann, sind sie sich einig.
Kurz vor dem Abschied besteht mein Armanischneider darauf, mir seine Anzüge zu zeigen, die er selbst gefertigt hat. Vom Rücksitz holt er ein paar Einreiher, zufällig in meiner Größe. Die könne er wegen der Zölle nicht mit ins Flugzeug nach Amerika nehmen und würde sie mir für einen symbolischen Preis überlassen. Dieses nachtblaue Seidensakko soll ich doch mal anziehen.
Ich erkalte. Mein neuer Freund ist ein Betrüger. Ich verabschiede mich, er ruft mir hinterher, sichtlich geschockt von meiner Abfuhr und ich frage mich: Tu ich Alessandro unrecht?
Google weiß alles: Alessandro hat eine Masche drauf, aber Schneider ist er nicht. Typen wie er fahren umher und verramschen mies zusammengetackerte Billigklamotten aus asiatischen Fabriken unter dem Etikett italienischer Luxusmode.
Erkenntnis: Ja, ich bin ein Schwan. Empfänglich für Schmeicheleien, aber dienen sie einer Absicht, verdampfen sie wie Regentropfen auf der ledrigen Haut eines in der Sonne schlummernden Alligators.
Mist. Jetzt hackt der Schwan wieder an der Terrasse rum, ich hol schnell die Haferflocken.
Der Beweis: Meine Tierchen:
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Zwischen ICE-Bordbistro, Abenteuern im Varieté und Hotelbegegnungen schreibe ich hier einmal in der Woche, seit 2021. Jeden Sonntag in der Früh: Eine Kolumne, die mittlerweile über tausend Mal gelesen wird – in der weltweiten Substack-Hitparade bin ich auf Platz 212 in der Kategorie “Humor” – und das als Deutscher!
Letzte Woche haben wir live einen Substacksong zu schreiben begonnen. Montag machen wir damit weiter und sprechen natürlich auch über diese Kolumne und was Euch dazu einfällt. Ob Ihr Euch als Tierchen seht und eher Kormoran, Schwan oder Fuchs seid. Ich schicke dazu keine Extramail, kommt einfach am Montag um 19 Uhr auf diesen Link:
Wenn du bis hier gelesen hast, gibt es zur Belohnung noch etwas leichte Kost zur Ablenkung vom tierisch anstrengenden Alltag. Leicht verdauliches Geflügel (vegan). Es ist nämlich so:
Ich habe eine gewisse Schwanaffinität. Lange war ein Schwan mein Profilbild auf Whatsapp, dann wohnte ich ein Jahr lang in einem Hotel mit einem Jugendstilschwan im Logo. Als ich dort einzog, drehte ich einen Hotelfilm und erfand dafür eine Szene, in der ein Coach mit dem „Schwan-Prinzip“ einen Haufen Kohle macht. Sei wie der Schwan, sagt er:
Sinnlichkeit
Charisma
Harmonie
Wohlgestalt
Anmut
Nonchalance
Ab Minute 4:40 erklärt Coachinglegende Dan Cigno das Schwan-Prinzip:





Ein Vorteil zu früh wach zu sein? Man kann zu ungewöhnlichen Uhrzeiten: Erster!
Unter deine Kolumne schreiben 😅
Vielen Dank, Mark Schwan, selten so unterhalten gewesen um diese Uhrzeit :)
Dritte 🥳 Schade, daß Alessandro ein Betrüger war. Was lernen wir daraus? Halten wir uns an ehrliche Aggro-Schwäne, neugierige Enten und pedantische Füchse!