Ein Walzer gegen den Lärm
Vom Luxus, nicht dagegen zu sein
Verehrte Leserin, lieber Leser,
das mit uns sehe ich so: Eine Kolumne ist ein Rendez-Vous. Ein gedeckter Tisch für zwei mit Kerzenlicht und Silberbesteck, mitten auf einer Kreuzung in der großen Stress-Stadt. Der Krach der wunden Kampfhamster, ihr Motorengeheul, das rituelle Röhren, verschwindet allmählich, wir sitzen wie unter einer Glocke und schaffen gemeinsam einen Raum aus Langsamkeit und Genuss. Egokrieger in gepanzerten Lärmautos kutschieren ihre Kollisionseelen über die hässlichste Bühne der Welt, den Asphalt für alle – aber uns umschmeicheln Walzermelodien und der Klang kristallener Weinkelche beim Anstoßen auf das Schönste, was es gibt: das Abenteuer Leben.
Schreiben heißt Lieben. Bin ich zu romantisch? Hier ist die 224. Sonntagskind-Kolumne, im Nachklang einer gelungenen Premiere, von der ich später für Euch berichte. Viel Freude beim Lesen!
1. Trumpistopheles
Ich hoffe, der Clown im Weißen Haus ist ein Glücksfall für die Welt.
Mit seiner unsensiblen und respektlosen Art, die alle Konventionen und Abmachungen unterläuft, lässt er jede Schwachstelle als solche erscheinen. Und hat er eine gefunden, will er sie auch kaputtmachen.
Das führt vielleicht bei uns in Europa zu mehr Verantwortung und Eigenständigkeit. Dass Merz „unser Trumpf bei Trump” sei, wie es wurstig södert, zeigt allerdings wie hinterm Berg manche noch leben, wenn sie denken, es sei damit getan, dem Klassenlehrer zu gefallen, um sich Vorteile zu verschaffen. Ob Putin genau das meint, wenn er von uns Europäern als servilen Missgeburten faselt?
Andererseits bringt einen so ein Diktatorenkidnapping wie das von Herrn Maduro auf Ideen: Geht das nicht auch bei Putin, Khameni, den anderen Schlächtern dieser Welt und am Ende bei sich selbst? Nur eine Anregung.
2. Kontra-Antigegenwehr
Nach dem Konzert kam eine Dame und sagte, besonders toll sei ja der Anti-Afd-Song gewesen, bravo! Es gab allerdings kein solches Lied und ich sagte, ich verschwende meine Kraft lieber nicht, um gegen etwas zu sein, ich will gestalten, nicht verhindern. Sie guckte enttäuscht und geht trotzdem auf die Demo, sagte sie. Ich denke, die Afd nährt sich nur aus Gegen, aus Anti und Kontra. Ohne Gegner, ohne Schuldige würde sie sich sofort selbst in die Existenzlosigkeit remigrieren. Der große Dagegenseinkult ist der Grund, warum sich so viele Menschen unter dem Logo einer Partei versammeln, das zwei Elemente kombiniert: Die Spießersehnsucht von TUI-Reisen und das atemberaubende Wachstumstempo von Amazon.
Man ist unter dieser Fahne gegen die Armen, gegen die Reichen, die Anderen, die Fremden, das Neue, das Alte und schließlich gegen sich selbst. Eine große Bewegung mit Therapiebedarf. Ich bin dafür, sie unnötig werden zu lassen – und dagegen, sie zu bekämpfen. Weil sie genau das in ihrem Dagegensein nährt und bestätigt.
3. Ich freue mich
auf die letzten Wochen am Stettiner Haff. In zwei Monaten werde ich wissen, ob die mir beim Sportbootführerschein alles richtig beigebracht haben, denn dann heißt es: Leinen los! Ab durch die Oder, die Havel, die Dahme, nach Berlin. Mein neuer sonniger Liegeplatz im schnuckeligen Schmöckwitz wartet auf mich. Im Mai gibt es das erste Hausbootkonzert: Riesenshow für ein Minipublikum, ein gedeckter Tisch auf der Kreuzung des Alltags – ich halte Euch auf dem Schwimmenden. Bis nächsten Sonntag
Euer
Aus der Kajüte der Erkenntnis
I. Man kann eine Ideologie nicht besiegen, indem man sie bestätigt.
II. Gegen etwas zu sein ist bequem – etwas zu gestalten ist anstrengend.
III. Dogmen schaffen Dämonen. Lebenskunst schafft Lösungen.
Ich bin Mark Scheibe, der freundliche Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt – ignorierter Künstler von Weltrang. Ein Geheimtipp bin ich als Opernkomponist und Jazzsänger. Auch als Schlagertexter, Astrologe und Marathonläufer halte ich mich aus Anstandsgründen dem Glitzerlicht der öffentlichen Bewunderung fern. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken.





