Einsam ist wie Heimweh
Ein Soundtrack gegen das Verlorensein
Deep Talk auf dem Fahrrad
Als ich früher meine Tochter mit dem Fahrrad in den Kindergarten fuhr, hatten wir oft tiefsinnige Gespräche. Während die Stadt links und rechts an uns vorbeizog, wurde es existenziell: Sie wollte immer wieder wissen, warum ihr Großvater, mein Vater, nicht mehr lebt. Ich hatte eigentlich nicht vor, einer Dreijährigen zu erklären, was Selbstmord ist, aber sie hörte nicht auf zu fragen. Irgendwann sagte ich ihr, dass mein Vater nicht mehr leben wollte. Warum, wollte sie wissen. Ich sagte, wahrscheinlich war er einsam. Was ist einsam? Ich versuchte, es irgendwie zu erklären. Dann erklärte sie mir:
Einsam ist wie Heimweh, aber man weiß nicht, wo man wohnt.
Das hat gesessen. Damit hatte meine damals dreijährige Tochter einem Gefühl Worte geschenkt, das eigentlich in mir wohnt, warum auch immer. Ich hatte zum Glück irgendwann gelernt, mich mit Musik nach Hause zu bringen. Heute, auf meinem Hausboot, kann ich endlich zu jeder Zeit ganz frei am Flügel spielen und singen. Laut und ungefiltert! In jeder Wohnung hat sonst immer der People Pleaser in mir gespielt. Selbst beim Üben wollte ich den Nachbarn gefallen: Ich habe nur gespielt, was ich den anderen Mietern zumuten wollte. Das Paar nebenan mag bestimmt keinen Jazz, dachte ich. Wir trafen uns mal im Treppenhaus. Nette Leute, aber ganz bestimmt keine Fans von stressigem Rumgejucke auf dem Flügel. Wenn ich romantische Melodien improvisiere in Moll, mit so einem Flamencoswing und melancholischer Stimmführung, da lächeln sie, glaubte ich. Bebop-Akkorde durch alle 12 Tonarten zu jagen oder versuchen, so zu singen wie ein dramatischer Bariton in „Götterdämmerung“, das konnte ich ihnen nicht zumuten.
Zuhause im Glitzerlicht
Neulich spielte ich ein Konzert. Zwei Stunden Glück. Zwei Stunden angstfrei. Zwei Stunden Resonanz, zwei Stunden Gestaltung. Das Licht strahlt heller als die Mittagssonne auf Mauritius, ich bin aufgeregt wie vor dem ersten Kuss als Teenager. Ich blicke ins Dunkel, da sitzen hundert Leute, die mich ganz genau beobachten. Ich spreche zu ihnen, sie lachen oder applaudieren, manchmal rufen sie etwas oder murmeln. Alles in Bezug zu mir.
Das fehlende Konkurrenz-Gen
Als Kind in der Schule hat mir keiner zugehört. Im Rahmen der Vorgaben hatte ich auch nichts beizutragen. Aufgaben zu erfüllen wollte mir nie so richtig gelingen. Ich erinnere mich an das Gefühl in der ersten Klasse: Ich versank in Unlust. Ich spüre noch die Erwartung, dass ich in den Wettbewerb trete, mich mit den anderen vergleiche, versuche, besser vorzulesen als Mario und Nina. Den Finger beim Melden höher zu recken und flehend gucken, um dranzukommen. Der Klassenlehrer hatte mich bald auf dem Kieker. Da waren Thomas, Michael und Holger, die dem Lehrer gern seine Tasche nach oben ins Klassenzimmer trugen und sich so ein Stückchen Sicherheit erschleimten. Und die schlaue Gesa, die immer alles wusste, alles richtig machte und wunderschön war. Die stille Kerstin, deren kaputter Füller ihre Finger in Tinte tauchte. Ich war auch still. Es war ja schon so laut, so unerträglich laut im Klassenraum.
Guter Sound im falschen Film
Jetzt, auf der Bühne, ist es still, gerade habe ich einen massiven, hohen Ton gesungen und meinen Körper in einen vollgriffigen Klavierakkord geworfen, das Ganze hat ein paar ekstatische Rufe zur Folge – ich liebe das! Kommunikation! Ich bin im Flow. Von einer Sekunde zur anderen wechsele ich von superlaut zu superleise und spiele den intimsten Swing auf dem Klavier, streichele die Tasten eher, als dass ich sie drücke, die Leute kommen mit auf meine Reise. Der Song heißt „Heute Nacht wird sie fremdgehen“ und alles, was ich jetzt tue, steht unter dieser Überschrift. Jeder Schlenker in der Melodie wird vom Publikum gelesen, als Kommentar zu ihr, der rebellischen Heldin meines Songs, die der Langeweile ihrer Ehe entflieht. So macht Jazz für mich Sinn, als Filmmusik. Alles ist Filmmusik. Nur so kann ich Musik: Als Soundtrack zum Leben.
Pornopsychodeepfakehorror
Auf das, was dieser Tage die Schlagzeilen und Social-Media-Timelines dominiert, kann ich auch nur mit Soundtrack antworten. Eigentlich wollte ich das folgende Video erst zu Himmelfahrt, zum Vatertag veröffentlichen, wenn Männerbanden einen Bollerwagen mit Schnaps hinter sich herziehen, ihre heldenhaften Spitznamen auf die Motto-T-Shirts gedruckt. Wenn Fotzen-Karl, Anal-Anton und Ständer-Stefan schon um halb zwölf hackedicht durch die Sonne Brandenburgs lallen. Diese alljährliche Demonstration männlicher Brillanz wirkt im Vergleich zum digitalen Pornopsychodeepfakehorror der Gegenwart aber fast schon beruhigend romantisch.
Aus gegebenem Anlass also, falls Ihr im gegenwärtigen Sturm des Entsetzens und in der Flut von Wahnsinn und Verzweiflung Heimweh habt – vielleicht darf ich Euch diese dreieinhalb aufrichtig empfundenen Minuten Soundtrack anbieten, hier ist das garantiert KI-freie Video zu meinem Song „Der Mann”:
Liebe Leserinnen und Leser,
drückt unten auf das Herz, bitte. Wirklich. Es fühlt sich nicht nur gut an, es ist in der digitalen Welt so wichtig wie der Swing beim Jazz. Substack wird von Zahlen regiert – jede kleine Herzregung von Euch ist eine Revolution gegen die Bedeutungslosigkeit.
Wenn Ihr noch nicht abonniert habt: Tragt oben Eure E-Mail ein. Es ist keine Mitgliedschaft in einer Psychosekte. Nur ein kleines Bekenntnis zur gepflegten Zuversicht.
Wenn ich Euch mit meiner Kolumne und dem Video so richtig begeistern konnte: Schließt Euch dem vornehmen Zirkel zahlender Unterstützerinnen und Unterstützer an. Werdet Mäzene der milden Ironie. Förderer des gepflegten Gedankens. Aktionäre der Lebenskunst.
Wer diesen Text restackt, verhilft ihm zu Sichtbarkeit.
Und schreibt gern einen Kommentar. Gemeinschaft entsteht durch Resonanz.
Herzlich
Euer Sonntagskind
PS:
Vor drei Wochen habe ich Euch um Abstimmung für Titelvorschläge meines neuen Bühnenprogramms gebeten. Danke, dass Ihr so zahlreich mitgemacht habt! Euer Favorit war „Grandezza statt Gemaule” – diesem Motto will ich nacheifern, wenn auch nur in Form eines geheimen Subtextes. Die Abstimmung hat mich zu neuen Erkenntnissen gebracht.
Auch nach der Erfahrung im Bremer Packhaus-Theater neulich, wo ich die Show spielte, die noch den Titel “Songs & Stories” trug, weiß ich: Der Titel muss Gemeinschaft und Begegnung in sich tragen. Darum bin ich froh, nun mit dem folgenden Programmtitel auf die Bühne zu gehen:
TONIGHT GEHEN WIR ZU WEIT
Gute Unterhaltung
Allen, die hier mitgemacht haben, will ich etwas schenken. Bitte schreibt mir unter mark@sonntagskind.blog
Danke
Noch ein PS:
Dem Thema Männlichkeit habe ich mich vor ein paar Jahren schon einmal schreibend genähert:




Es spielt in mir so viel Gleichzeitigkeit mit deinen Gedanken und danke für diese wundersame Reise an der ich teilnehmen durfte und von Dir diese Freiheit des Friedens durch Kreativität in jeder Form damals am Piano lernen durfte und mich das jetzt immer wieder retten kann weil auch ich kein zu Hause habe und mich nur meine Erinnerungen mit der grausamen Gegenwart erden bzw. Hoch wie Giraffen blicken lässt. Anders aber wie Brüder im Geiste so fühlt sich das für mich an. Und dieser Spruch von deiner Tochter mit drei Jahren ist so traurigschön das ich wünschte es würden unsere nachkommen alle viel mehr Zeit zum Gedanken spielen haben ohne dabei andere Länder und Menschen und naja dieser großen kleinen Kugel im Weltall mental den Strand wo wir nur Sandkörner sind zu versauen! Auf das uns heute und bis zur Sonnenwende jeder Tag etwas mehr Lux statt Luxus bringt! Und so einen eigene Insel wie Du mit deinem Hausboot wünsche ich mir auch um nicht als Stiftjunge in der Residenz für schon resignierte designierte (so wie momentan) am Graubrot mit Halbfettmargarine an Mukkefuq zu enden! Bitte mehr davon. Und fun facto: ich habe erst vor kurzem das Lied über den Mann von Dir gehört als ich in alten E-Mails ein Lied von mir gesucht habe auf einer alten Plattform so was wie MySpace oder so? Also es ist noch online und als ich es gehört habe dachte ich noch; krasse Musik ohne KI - Du bist sie selbst gedreht (so habe ich Dich ja kennengelernt immer unter nicotin und Take 5 in der bunten Wohnung der Freidenker in Bremen. Und mit sowas bin ich dann für ein Jahr an die high(!)school in Aurora gegangen und damit 0,43% Amerikaner. Das war noch kurz vor Y2K und den Türmen. Dort war ich Pianist in der Jazz Band immer mit deinen mir prägensten Worten von Herrn Scheibe: Es gibt keine falschen Noten : wenn es Deine sind, dann steh dazu! Der Rhythmus ist viel wichtiger und der Spaß an den Schwingungen ~~~°~~~ Danke dafür!*
Mir gefällt, was ich hier jeden Sonntag zu lesen bekomme. Nicht nur zu lesen! Meine Grundeinstellung heißt nicht nur heute Melancholie. Sie hat durch den wunderbaren Satz deines Kindes einen anderen Sound an diesem Morgen. Ich denke an mein Motto: Unterwegs zu einer wunderbaren Bestimmung in der Zukunft, und verstehe, es braucht Sehnsucht, damit Kunst entsteht. Du hast Deine Bestimmung gefunden, zu unserem und Deinem Glück. Mehr Gemeinschaft geht fast nicht. Merci 🙏 .