Verehrte Lesende,
heute nehme ich Euch auf meinen Abschied eines langjährigen Gefährten: Chris Barfly, den jazzliebenden Barmann, Atmosphärenmagier und Kettenraucher, der zeit seines Lebens einen Dreck darauf gegeben hat, was andere von ihm halten.
„Du kannst nicht immer rauchen, das bringt dich noch um.”
„Arschlecken”, hat er dann mit einem Grinsen gesagt, als wäre ihm selbst der Tod egal.
Wir lernten uns kennen, da waren wir noch nicht mal zwanzig Jahre alt. Beide standen wir im Bistro Brazil hinterm Tresen, Bremens legendärer Anlaufstelle für absturzlüsterne Nächtlinge. Der von allen „Knoxx” genannte Betreiber gab die Tonart vor. Die Wochenendschichten in diesem Tempel des Exzesses begannen um 23 Uhr und blühten in punkto Kontrollverlust oft am Folgetag gegen 16 Uhr erst richtig auf.
In dieser Schnittstelle zur Entgrenzung stand Chris am Rand. Für das beliebte Schneegestöber der 90er Jahre hatte er nur ein „Fuck you” übrig, der stumpfe Feierwille des Wochenendpublikums nervte ihn. Traf man ihn trotzdem manchmal am Samstag hinterm Tresen, ärgerte er das betäubungslüsterne Volk mit milieufremder Musik: Count Basie, Tony Bennett und Billie Holiday, das war für die Party People zu viel. Sie flehten: Leg House auf, Techno, irgendwas, aber nicht dieses Gejaule!
Einmal wedelte ein ultrakurzhaarig blondiertes Mädchen mit einem Hunderter, um den Mann hinterm Tresen von seiner Jazzmission abzubringen. Es dürfte mittlerweile klar geworden sein, in welche Wortschatzkiste er griff, damit die Ungläubige ihn in Ruhe ließ und den Schein wieder wegsteckte.
In dieser Zeit begann er, Konzerte zu veranstalten. Die Wüste Stätte im Altstadtviertel Schnoor, die Lemon Lounge, das Bürgerhaus Weserterrassen – alles wurde im Laufe der Jahre mal zur „Blue Moon Bar”, und die Orte waren nicht mehr wiederzuerkennen. Mit Tischdecken, Kerzen, Lilien, Rotlicht und einem Sound, der dich in den Arm nimmt und nicht wieder loslässt, zauberte Chris aus jedem Laden eine, seine Jazzbar.
Jahrelang hörte man, wenn man mit ihm alleine war, denselben versonnenen Monolog. Er sog an seiner Zigarette die Schrift weg, bis der Filter brannte, dann steckte er am Glutstummel die nächste an und nuschelte: „Will meine eigene Bar haben. Nicht so einfach. Klappt schon noch.”
Er bekam seine Bar. Genauer gesagt: einen bankrotten Swingerclub in der Humboldtstraße. Den verwandelte er am 1. September 2019 mit Kerzen, Lilien und Rotlicht in das, was er liebte.
Ein paarmal in der Woche schenkte er den Kunden an seinem Feelgood-Tresen ein Jazzkonzert: Dann zogen sich irre Beboplinien durch seinen rauchvernebelten Club „Chameleon”, von nassgeschwitzten Musikfreaks auf der kleinen Bühne in den Raum geblasen, und Chris lächelte: Alles lebt, alles swingt, alles fliegt. Keine Angst, aber Atmosphäre.
Chris, der sich irgendwann nach dem Bukowski-Film „Barfly” „Barfly” nannte, weil da zwei schöne Dinge zusammenkamen: Die Bar und „Come, fly with me”, von Sinatra gesungen eines der schönsten Versprechen des Swing.
Kam ich aus seinem Chameleon, war mir nicht nach Fliegen zumute, eher nach reptilienartigem Kriechen infolge der Gratisvergiftung in seiner Kettenraucherhöhle. „Irgendeine Chance, dass das hier irgendwann rauchfrei wird? Ist ja auch für die Sängerinnen und Bläser besser, wenn sie auf der kleinen Bühne nicht den Übeldampf der Nacht inhalieren müssen.” „Fick dich”, hieß es erwartbarerweise. Einen von einem herzlichen Lachen begleiteten ausgestreckten Mittelfinger gab es dazu.
Nur einmal, im Laufe einer durchzechten Nacht ließ er mich kurz in seine Geschichte blicken: Pflegeeltern, Kinderheim, Schulabbruch, immer alleine. Analphabet. Das erzählte er, als wir im 6. Polizeirevier auf einer Holzbank warten mussten. Mittags. Stundenlang. Nackt. Die Beamten hatten uns am Morgen mitgenommen, weil wir mit Gin Tonics in der Hand über parkende Autos auf dem Ostertorsteinweg spaziert sind. Im Keller der Wache mussten wir uns ausziehen, warum auch immer. Im Laufe der Jahre fragte ich immer mal, wie es ihm geht, ob er Kontakt zu seinen Pflegeeltern hat. Er schwieg.
In seinem Heim für gestrandete Nachtkinder wurde er der Barvater, die fürsorgliche Mama, der Schuldirektor des Lebens. An seinem Tresen umsorgte er alle, ob sie wollten oder nicht. Ohne viele Worte und mit unendlichem Feingefühl, das man ihm nicht zutraute, wenn er auf der Straße von weitem „Ey, du dumme Sau!” rief.
Manchmal habe ich ihn in seiner Bar besucht und beobachtet, wie er mit Musik die Leute zueinander geführt hat. Er erkannte, wann es Zeit für rasanten Uptempo-Swing war, der den Austausch elektrisiert. Wenn er spürte, dass Romance in der Luft lag, ließ er Shirley Horn „You’re My Thrill” singen. Manchmal tauchte er die einsamen Männer, die am Tresen in ihr Glas starrten, noch tiefer in den Strudel ihrer Tristesse, dann legte er Chet Baker auf. Und wenn ich gerade daran dachte, zu gehen, spielte er Ray Charles, damit ich blieb. Er spürte es einfach.
Ich habe ein paarmal versucht, ihm Komplimente für diese Gabe zu machen, aber er ließ mich nicht.
Schreiben und Lesen hat er sich irgendwie beigebracht, aber für sich selbst zu sorgen stand nicht auf seiner Liste, und in die ließ er sich nicht reinreden. Zum Arzt ging er erst, als die Schmerzen unerträglich wurden. Es war zu spät. Chris Barfly ist tot.
Arschlecken.
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Zwischen ICE-Bordbistro, Abenteuern im Varieté und Hotelbegegnungen schreibe ich hier einmal in der Woche, seit 2021. Jeden Sonntag in der Früh: Eine Kolumne, die mittlerweile über tausend Mal gelesen wird – in der weltweiten Substack-Hitparade bin ich auf Platz 212 in der Kategorie “Humor” – und das als Deutscher!
Morgen, am Montagabend, komme ich um 7 nach 7 live zu Euch, in der Substack-App. Wir sprechen eine halbe Stunde worüber Ihr wollt, außerdem lege ich Euch nach neuesten Erkenntnissen der Telepathie Bierdeckeltarot und beantworte alle Zukunftsfragen.
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