Für Euch werde ich schlechter
Charakterabbau als Service-Angebot
Ihr seid schuld, wenn ich ein schlechterer Mensch werde, liebe Damen und Herren, nehmt es bitte persönlich:
Seit fünf Jahren schreibe ich diese wöchentliche Kolumne und mache mich darin über mich selbst lustig: Meine Eitelkeit, der Snobismus, das abgebrochene Abitur. Die Unfähigkeit, bei einer Sache zu bleiben, meine Angst vor dem großen Erfolg, meine Empfänglichkeit für Schmeicheleien, das People-Geplease – anstatt wie ein Pfau dekorativ zu brillieren, mach ich mich für Euch zum Affen. Mein Leben ist das Material, das ich jede Woche in etwa 700 Wörter Frühstücksentertainment verwandle. Ein paar von Euch bezahlen mich dafür, somit komme ich auf einen Stundenlohn von etwa 4 Cent. Weinerlich bin ich also auch noch – prima: Selbstmitleid ist eine fabelhafte Comedy-Quelle.
Mittlerweile, nach heute 229 Texten, fürchte ich, dass der Brunnen leer ist. Jede Woche frage ich mich: Habe ich diese Kolumne nicht schon mal geschrieben? Bin ich so weit, dass ich mich nur noch wiederhole? Harald Martenstein hat genau für diesen Effekt länger gebraucht: Nach vierundzwanzig Jahren hat er in der ZEIT-Magazinkolumne alles gesagt und geht zur Bildzeitung. Ich aber bleibe beim Sonntagskind. Wer wäre ich, ließe ich Euch, meine Leser, allein und versorgte stattdessen ein neues Publikum, dessen IQ vermutlich geringer ist als mein eigener? Wem sollte ich dann noch Bildung und Intelligenz vortäuschen? Nein, ich arbeite weiter an meiner literarischen Bikinifigur für eine überdurchschnittlich kultivierte Leserschaft.
Ich habe nur eine Wahl, um für die in der sechsten Saison spielenden Show „Macht Euch über meine Mängel lustig“ neue Sketche und Songs zu schreiben: Für den inneren Broadway müssen neue Makel her. Da ich schon jede meiner Schwächen verkolumnisiert habe, muss ich frische Fehler züchten;
Andere Männer in meinem Alter machen einen Pilotenschein oder lernen Golf. Ich aber werde vorsätzlich schlechter. Euretwegen. Zu viele Jahre habe ich schon mit Persönlichkeitswachstum vergeudet, unnötigerweise meine Zeit mit Italienischlernen verplempert und die Gesangstechnik von Elvis und Frank Sinatra studiert. Jetzt heißt es: Charakterschwächen bilden, damit Ihr was zu lachen habt. Schließlich sind die Friseurbesuche des alternden Beaus mit der Silberfolie im Haar auserzählt. Auch der Zug des mit gerümpfter Nase S-Bahn fahrenden feine Pinkels ist dermaßen abgefahren, dass er Euch so normal vorkommt wie der pikierte Hotelgast, der das fressende Giervolk beim Breakfastbuffet mit Geringschätzung straft. Dafür muss er sich auch noch vorwerfen lassen, die goldene Comedyregel zu verletzen: nur nach oben lästern und sich nicht über den Pöbel erheben. Ihr kennt den Entertainer, der am wackeligen E-Piano in Autohäusern spielt und sich für eine Feuilleton-Ikone hält. Den hyperempfindlichen Dandy, der vor Rührung zu heulen anfängt, weil die besoffene Gartenlokalkellnerin aus Versehen zur Begrüßung gelächelt hat.
Um Euch nicht zu langweilen, heißt es jetzt für mich: Sei die miesesete Version deiner selbst – fische im düsteren Tümpel deines Abgrunds. Wenn der Markt nicht so klein wäre (ich bin der einzige Kunde) würde ich sagen: Coaches! Steigt ein, mit Tutorials zur Selbst-Deoptimierung lässt sich richtig Kohle machen. Personality-Downgrading-Workshop an einem Wochenende im Zelt auf einem Parkplatz mit WC an der A7. 4.800 Euro ohne das E-book „Die Kraft der Gedanken: Zweifeln, Schimpfen, Klagen – ein 12-Punkte-Programm für die innere Isolation.“
Entscheidet Ihr, welche unangemessenen Eigenschaften ich als Nächstes hervorbringe, damit Ihr beim Sonntagsfrühstück nicht vor Langeweile wieder einschlaft. Hier eine Auswahl:
Chronische Selbstreferenzialität
Sogar du erinnerst mich an mich selbst. Trump, Putin, Klimawandel, Islamismus, Heidi und Markus: Ich nehme sie alle persönlich und benutze sie als Vorwand, um mich selbst ins Licht zu setzen.
Ungefragtes Erklären und Belehren
Weil ich verstanden habe, wie alles ist, lasse ich Euch jede Woche an meiner universalen Weisheit teilhaben. Nur ein bisschen, für die ganze Wahrheit fehlt Euch die Kraft. Mit jedem vermeintlichen Fakt jubele ich noch den Vorwurf unter, dass Ihr nicht selbst draufgekommen seid.
Edelextremismus
Aus tief empfundener Überheblichkeit mache ich jede Woche eine neue, beliebige Gruppe für den Untergang der Gesellschaft verantwortlich. Vegane Kindergärtnerinnen, Poolbesitzer, Witwen, Transkinder. Stigmatisierung weekly.
Nächste Woche bin ich dann wieder ausgeglichen. Habt einen herrlichen Sonntag
Euer
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Ich bin Mark Scheibe, der freundliche Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt – ignorierter Künstler von Weltrang. Ein Geheimtipp bin ich als Opernkomponist und Jazzsänger. Auch als Schlagertexter, Astrologe und Marathonläufer halte ich mich aus Anstandsgründen dem Glitzerlicht der öffentlichen Bewunderung fern. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken.








Großartig! Ich möchte mich gerne zum Downgrading-Workshop anmelden! Hab aber nur 4,80 Euro, weil ich das Downgrading bei den Finanzen schon ganz gut kann.
Kolumne ist Kür. Aber dein Gefühl, das eine oder andere vielleicht schon mal gesagt zu haben, kenne ich nur zu gut. Ich hatte auch schon Kolumnen, für die ich richtig geblutet und alles gegeben habe. Und dann waren es plötzlich die aus dem Bauch halb rausgerotzten, bei denen ich dachte, das wird nichts - und ausgerechnet die wurden am liebsten gelesen.