Ahoi! Hoch die Tassen auf die Seefahrt! Mit einer Handbreit Rum über der Leber will ich Euch heute von meinem persönlichen Promille-Wellengang berichten. Schon lange bin ich nicht mehr der Koma-Kaleun. Eher ein Askese-Admiral. Nicht mehr der Martini-Matrose, eher der Matcha-Maat. Ob ich dadurch klarer sehe, müsst Ihr selbst entscheiden – viel Freude mit der 262. Sonntagskind-Kolumne:
1. Früher:
Auf Gin-Suche
Mit ein paar Drinks an Bord wurde aus mir, dem introvertierten Eckensteher Käpt’n Katastrophe – mit dem Traumschiff der Leidenschaft auf dem Romantischen Ozean. Nach der Euphorie meiner Jungfernfahrt mit dem Promilledampfer leuchteten bei meiner inneren Reederei die Bullaugen: Im Unterdeck knüpfte die Abteilung Marketing & Philosophie schon Parolen in die losgerissenen Leinen:

Damals machte jeder Schluck den Horizont auf, aber heute?
2. Heute
Kielholen statt Korkenknallen
Heute bringt mich spätestens das zweite Glas Crémant zum Kentern: Mit reichlich Schlagseite schlingert mein Dampfer im Wind und ich fühle mich wie der Fliegende Holländer: Der Verdammte, der nicht sterben darf.
Vorgestern ließ ich mich hinreißen: Crewversammlung im Dinnersalon zum Ende der Theaterproduktion, für die ich Lieder komponiere. Die Seemannsballaden sind fertig, nur der Sailor is not drunk. What shall we do? Während Choreographin, Regisseurin und Stagemanagerin nach mehreren geköpften Pullen noch immer aufrecht im Sturm sitzen und Haltung bewahren, lalle ich beim zweiten Gläschen, als hätte man mich beim Kielholen durch ein Fass mit Rum gezogen.
Diesen Seegang bin ich einfach nicht mehr gewohnt. Nach einer Nacht, in der migränige Unterseekater ihre fauchenden Wellen gegen die Außenhaut meines Schädels krachen lassen, weiß ich:
Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön – alle lachen, alle singen, aber ich werd blass und grün.
Ich bleibe lieber nüchtern wie ein Leuchtturm: Rund um die Uhr am Strahlen, aber keinen Tropfen Sprit im Kahn.
Reichlich Dispo auf der Sandbank
Die Gegenwart ist auch so maritim genug, ohne dass ich selbst dauernd Schlagseite hab. Führen sich unsere Politiker nicht manchmal wie Seeleute auf, die nach der Offizierstaufe im Vollrausch das Navigationsbesteck über Bord geworfen haben? Der Kanzler möchte gern in stürmischen Zeiten Kurs halten, aber der Finanzminister lieber einen Anker der Stabilität werfen.
Ein Linken-Abgeordneter sieht das Staatsschiff im Sturm der steigenden Spritpreise schon auf Grund. Wenn der Schnaps teuer wird, sinkt naturgemäß der Pegel – und die Fregatte steckt irgendwann im Schlick. Man kann ja bei der Sandbank mal fragen, ob sie die Vergnügungssteuer für Seeleute lockert, damit wieder Fusel untern Kiel kommt. Dann trocknet der Finanzfluss vielleicht nicht ganz so schnell aus.
Vernichtung mit Versmaß
Die See ist ein Sehnsuchtsort: Auf Hauptstadtdemos wird gern diese Hamas-Parole intoniert: „From the river to the sea, Palestine will be free“. In Berlin klingt das besonders pikant, weil der politische Wahlsieger immer wieder dabei erwischt wird, bei diesem bedeutungsbeladenen Vernichtungs-Shanty mitzusingen. Das klingt natürlich anders als die Europahymne „Freude, schöner Götterfunken”.
Ich will was tun gegen den Frust: Inspiriert von der Ankündigung, kriminelle Clans aus Rücksicht auf ihre Gefühle nicht „kriminelle Clans” zu nennen, schlage ich der künftigen Berliner Landesregierung den folgenden Slogan vor:

Ich würde mich bereit erklären, eine schöne Hymne daraus zu komponieren. Durch die Einsparungen bei Polizei und Verfassungsschutz werden doch genügend Mittel für ein anständiges Kompositionshonorar frei. Dann gönn ich mir auf meinem Hausboot auch noch mal ein richtig schönes Fläschchen Krimsekt.
Danke fürs Lesen und hoffentlich Amüsieren, verehrte Lesende.
Am 19. Oktober
um 20 Uhr 15
können wir gern miteinander ins Gespräch kommen, LIVE auf Substack. Wie das geht? Einfach auf substack.com gehen, sicherstellen, mich abonniert zu haben, dann kommt ein Hinweis, dass ich LIVE bin. Draufklicken – und wir sind zusammen.
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Zwischen ICE-Bordbistro, Abenteuern im Varieté und Hotelbegegnungen schreibe ich hier einmal in der Woche, seit 2021. Jeden Sonntag in der Früh: Eine Kolumne, die mittlerweile über tausend Mal gelesen wird – in der weltweiten Substack-Hitparade bin ich auf Platz 212 in der Kategorie “Humor” – und das als Deutscher!
Übrigens:
ChatGPT und Claude sind mir tolle Assistenten geworden, die beiden sind auf zack. Ich nutze sie für Recherche und Lektoratsaufgaben, für Suchen, die mit Google sehr aufwändig wären. Auch für Graphiken – dabei habe ich gemischte Gefühle, die ich gelegentlich ergründen werde. Manchmal als Synonymwörterbuch und für strukturelles Feedback, aber niemals, um „in meinem Stil“ zu schreiben oder Sätze für mich zu entwerfen.
Herzlicher Gruß und bis bald,
Euer





