Gemeinschaft ist alles
Drei Literaten, ein alternder Clown und liebendes Publikum
Liebe Freundinnen, Leser, verehrte Gefolgschaft,
Gemeinschaft ist alles. Vor Kurzem spielte ich eine Show in einem kleinen Theater im Rheinland, vor einem fremden Publikum. Entsprechend erregt zitterte ich hinter der Bühne meinem Auftritt entgegen. Ein neues Publikum, das ist ein Rendez-Vous, ein Blind Date! Nichts ist gewiss. Ob die Mischung funktioniert? Am Klavier „Heute Nacht wird sie fremdgehen” zu singen ist das Eine, aber auf einer Theaterbühne Kolumnen über das Leben auf dem Hausboot vorlesen, haut das hin? Halten die Leute mich für einen alternden Clown, der seine Traurigkeit hinter vermeintlich lustigen Liedern versteckt? Für einen Möchtegernschriftsteller, der Internet-Texte vorliest, die kein Verlag drucken will?
Es kam anders. Das Publikum und ich, wir wurden für zwei Stunden ein Liebespaar.
In der zärtlichen Hoffnung, dass mit dieser Kolumne so etwas wie eine Umarmung gelingt: Viel Spaß beim Lesen von Sonntagskind Nr. 230.
Wenn Finsterlinge gute Laune haben
Mein Cousin Florian hat mich auf den Titel dieser Kolumne gebracht. „Familie ist alles”, sagte er einmal. Ob er es ironisch meinte? Schließlich hat er mal für die Titanic geschrieben. Außerdem war für die Familie, die uns hervorgebracht hat, Gemeinschaft eine schwitzige Angelegenheit, die nach Pöbel roch. Wir stammen von Leuten ab, die wären hervorragendes Personal eines Geisterbahnmusicals, bei dem Houllebecq und Kafka sich wie rheinische Frohnaturen fühlen.
Exzess-Askese
Florian und ich sind mit Eltern aufgewachsen, die mit lebenslangen Schuldzuweisungen zu tun hatten. Mit Gesprächsverweigerung bis ins Grab, Rudolf-Steiner-Verehrung und Sexualtabuisierung bei gleichzeitiger Exzessneigung und hartem Askesefetisch. Kein Wunder, dass die Freitodrate der Familie Scheibe in der Generation unserer Eltern bei fünfzig Prozent liegt.
Schicksal als Chance
Jetzt hat mein mutiger Vetter einen großen Familienroman geschrieben. Er heißt „Die Verluste“. Man darf sich von dem Titel nicht irreführen lassen: Das Alter Ego des Autors als viel zu alten Mitbewohner einer woken Groß-WG in Berlin-Neukölln zu erleben, ist die reinste Komödie. Am Ende musst du trotzdem weinen, und es bleibt nur eine Erkenntnis: Gemeinschaft ist alles.
Du bist gemeint
Vor ein paar Tagen besuchte ich die Premiere von Ildikó von Kürthys neuem Buch „Alt genug“. Ich bin geschockt, wie die Bestsellerautorin ihrem Publikum – also auch mir – das Gefühl gibt, von Herzen gemeint zu sein. Ich fühle mich erkannt, wenn sie von der „Do-it-yourself-Ego-Schrumpfung“ schreibt, den inneren Giftzwergen, die die Mängel ihres Charakters an die Oberfläche bringen als wären sie aufsteigende Wasserleichen in einem trüben Tümpel. Sie kann nur mich meinen, indem sie ausführt, dass sie sich selbst auf keine Party einladen würde, seit sie keinen Alkohol mehr trinkt.
Born this way – und genau richtig
Diese Identifikation fühlte ich zuletzt bei Lady Gaga, die in der Hamburger O2-World nur für mich „Born this Way“ gesungen hat. Ildikó von Kürthy ist die Lady Gaga des Gegenwartromans.
Genitalzeichnung im Gegenwartsroman
Als Mann gehöre ich im ausverkauften Theater zu einem wenig repräsentierten Geschlecht – vielleicht erklärt das die Heiterkeit, die von der Menge Besitz ergreift, als Ildikó darauf hinweist, dass sie beim Signieren auch kleine Zeichnungen ins Buch machen kann. Besonders gut gelängen ihr Penisse. Ich finde, sie übertreibt nicht:
Lebende Geschichte
Leute mit vielen Büchern im Regal hören bekanntlich oft „Wahnsinn! Und die hast du alle gelesen?” – Vorm Bücherregal des Philosophen Peter Prange ruft man: „Wahnsinn! Und die hast du alle geschrieben?” Zum riesigen Oeuvre des hardest working man im Literaturbusiness gehören fünf zusammenhängende Romane über die Geschichte Deutschlands von der Reichsgründung 1871 bis zur Einführung des Euro 2001.
Der Sound zwischen den Zeilen
Ich las sie alle und war gebannt. Konnte nicht anders, als dem Meister eine Fanmail zu schreiben – er schrieb zurück, wir wurden Freunde und erfanden ein gemeinsames Bühnenprogramm auf der Grundlage seiner Deutschlandromane: Peter liest uns von europäischer Zuversicht im Kaiserreich in den Charlestonrausch der Weimarer Republik hinein, durch die Verrohung der dunkelsten Jahre des Landes und die zerrissenen Jahrzehnte bis über die Euphorie des Mauersturzes in die mysteriöse Gegenwart hinein. Ich gehe die Strecken musikalisch mit – von Märschen und Walzern im Pickelhaubensound über symphonische Elegien und Filmschlager, Hippiefunk und Ostberliner Bunkertechno. Am Ende singen wir gemeinsam mit dem Publikum. Gemeinschaft ist alles.
Tränen der Tat
Vor ein paar Wochen in Bremen: Ich wohne zur Untermiete bei einer reizenden siebzigjährigen Dame. Morgens greife ich zur Schippe, um den Gehsteig vom Neuschnee freizuräumen. Als ich vor die Tür trete, der gedämpften Akustik gewahr werde, sehe ich, dass die Nachbarn links und rechts auch am Schaufeln sind. Ich lächle Tränen: Ohne Verabredung, ohne Aufforderung kommen alle zusammen und tun, was getan werden muss. Für die anderen, damit sie sicher des Weges gehen können. Gemeinschaft ist alles.
Bremen! Ihr wisst, dass das Leben manchmal einem Adagio von Mahler gleicht – und manchmal ein Ritt im Kinderkarrussell auf LSD ist. Dafür haben die wenigsten Mitmenschen Verständnis – aber ich. Kommt zu mir ins Packhaus-Theater, am Freitag, dem 6. März, schon um 19 Uhr. Ich freu mich auf Euch. <3






