Ciao Bellis!
Seit drei Monaten komme ich montags eine halbe Stunde lang LIVE zu Euch. Morgen, am Montag,
dem 28. September
um 19 Uhr 07
Ich freue mich, wenn Ihr einschaltet. Wie das geht? Einfach auf substack.com gehen, sicherstellen, mich abonniert zu haben, dann kommt ein Hinweis, dass ich LIVE bin. Draufklicken – und wir sind zusammen.
Der Kormoran schießt pfeilschnell in die Tiefe, taucht mit einem Barsch im Schnabel wieder auf und schluckt ihn in einem Stück runter. Kein Reel auf Instagram, sondern die Realität, die sich mir auf der Bugterrasse meines Hausboots zeigt. Und ich kann nirgendwo „Gefällt mir“ klicken, nur lächeln.
Seit einem Jahr wohne ich schwimmend, mit einem Steinway, der mit den Wellen schwingt. Ich habe gut zu tun: Komponiere für einen Spielmannszug und ein Herrengesangsensemble im Staatstheater Cottbus, bespielte neulich wieder Deutschlands höchste Bühne bei den Singenden Balkonen in Bremen und feiere mit meinen Freunden von der Deutschen Kammerphilharmonie zwanzig Jahre gemeinsames Schaffen mit der „Melodie des Lebens“.
Ich mache einfach, wozu ich Lust habe und nenne das Arbeit. Andersrum funktioniert es bei mir nicht.
Ich war früher mal Ballettrepititor im Theater. Da habe ich jeden Morgen 90 Minuten die Tänzerinnen und Tänzer am Klavier begleitet. Die Balletmeisterin kam aus London, vom Royal Ballet, sie war streng. Nach meinem ersten Arbeitstag knallte sie mir einen Stapel Noten auf den Flügel und sagte: „Übe dies!“. Ihr missfiel, dass ich die ganze Musik improvisiert hatte, sie wollte ihr vertrautes Repertoire hören: Tschaikowsky, etc. Den Tänzern gefiel zum Glück, wie ich spielte. Ich habe das geliebt: den hochkonzentrierten Körpern durch Musik bei ihrer komplexen Routine ein Begleiter sein, das war wie ein Traum. Sie sagten, ich würde Kontakt zu ihnen aufnehmen und freuten sich, nicht immer dieselben Melodien zu hören. Die Meisterin aber schlug während des Trainings auf den Flügeldeckel und verlangte: „Weniger Moll!“
Handtaschenbrandzeichen
Das Schlimmste aber waren die Handtaschen. Manche Damen der Compagnie parkten ihre Handtaschen einfach auf dem Flügeldeckel. Sie wollten ihre portablen Schatzkammern wohl nicht in der Garderobe lassen, und sonst gab es keinen Platz für ihre Bags und Täschchen. Frauen markieren mit einer Handtasche ihr Revier. Ich ging mal mit einer Dame aus, die mich bat, dass ich ihre Handtasche halte, wenn sie sich frischmachen ging. Dann stand ich im Foyer des Berliner Ensembles oder des Wintergarten Varieté, in meinem schönen Smoking, das Haar schmuck frisiert und mit romantischem Blick. Und mit dem internationalen Handtaschenbrandzeichen als Fremdbesitz gekennzeichnet.
Textile Eiterbeulen
Heute, eineinhalb Jahrzehnte später, beneide ich Frauen um ihre Handtaschen. Eine Handtasche, Purse oder Clutch ist ein geniales Tool! Es nimmt alles auf, was ansonsten die Hosentaschen ausbeult und jeden eigentlich gut angezogenen Mann in einen stillosen Kretin verwandelt. Wer will schon den Abdruck eines taschenrechnergroßen Telephons neben seinem Körperzentrum? Während auf der anderen Seite eine textile Eiterbeule in Form eines faustgroßen Schlüsselbund prangt. Wohin mit dem Füllfederhalter, dem Notizbuch und der Notzahnbürste?
Männern bietet der freie Markt Rucksäcke, Aktenkoffer, Cargohosen oder Drogenhändlerbauchtäschchen an. Ich habe genug von dieser genderischen Engstirnigkeit. Im Secondhandshop schnappe ich mir eine sehr fancy Handbagtasche. Den Riemen nehme ich ab und trage das Objekt mit modernem Stolz. Ich nenne das Ding „Herrenclutch“ und stelle mir schon einen Werbeclip dafür vor: Eine Stimme, die nach unbestechlicher Rohheit klingt, raunt:
„Herrenclutch. Männlich. Urban. Geil. Für die große Hand.“
Dazu Zeitlupenbilder, wie das schwarze Objekt aus Leder in der sanft knetenden Hand bebt, während auf dem Handrücken unnachgiebige Männervenen Lebenskraft und Aufgeschlossenheit symbolisieren. Sollte ich mit dieser genialen Geschäftsidee reich werden, kaufe ich mir ein Ballettstudio. Dort spiele ich gelegentlich am Konzertflügel und stelle einen Concierge an, dessen einzige Aufgabe es ist, Handtaschen zu bewachen.
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Zwischen ICE-Bordbistro, Abenteuern im Varieté und Hotelbegegnungen schreibe ich hier einmal in der Woche, seit 2021. Jeden Sonntag in der Früh: Eine Kolumne, die mittlerweile über tausend Mal gelesen wird – in der weltweiten Substack-Hitparade bin ich auf Platz 212 in der Kategorie “Humor” – und das als Deutscher!
Übrigens:
ChatGPT und Claude sind mir tolle Assistenten geworden, die beiden sind auf zack. Ich nutze sie für Recherche und Lektoratsaufgaben, manchmal als Synonymwörterbuch, für strukturelles Feedback, aber niemals, um Ideen zu generieren, „in meinem Stil“ zu schreiben oder Sätze für mich zu entwerfen.
Und nicht vergessen: Am Montag, dem 28. September komme ich in der Substack-App um 19 Uhr 07 live zu Euch. <3
Euer






Das mit der Herren Clutch hattest Du schon mal erwähnt und sogar ein Bild gepostet. Aber das mit dem "Weniger Moll!" beim Balletunterricht finde ich einfach eine viel zu lustige Szene die sich mir bildlich wie ein Loriot Sketch ausbreitet in meinem noch leicht vormorgendlichen Lesen Deiner Kolumne. Ich hoffe Du inspirierst weiterhin mit Deiner Arbeit, die kein zu sein scheint - zumindest nicht in der DUDEN Definition. Und das mag ich sehr!