Abschiednehmen fällt mir schwer. Nach meiner letzten Live-Montagssendung hier auf Substack schlug mir Its Pigzy vor, das Ende besser zu gestalten. Ihr ist aufgefallen, dass ich das Publikum imaginär in die Kamera hinein umarme, dann kommen noch beherzte Schlussworte, gefolgt von Dank und Komplimenten und ein Adieu. Mit einem Küsschen. Und guten Wünschen für einen schönen Abend. Nochmal Winken und ein letztes „Ich freu mich auf euch!“. Dann „bis nächste Woche“ und „ich hab Euch sehr gern“. Ihr Vorschlag: Eine eigene Signatur finden, abfeuern, zack aus. Etwas so Selbstverständliches wie das „Hallo, Ihr Lieben” von Mady Morrison zu Beginn ihrer Yoga-Videos. Nur halt am Ende: Wie der Satz „Alles wird gut” in der Boulevardsendung „Leute heute” oder Paulchen Panthers „Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder – keine Frage!”
Pigzy hat mich durchschaut: Im Zuendebringen bin ich etwa so gut wie ein Achtsamkeitscoach beim Wettsaufen.
Irgendwo ist wahrscheinlich ein „Du darfst nicht verlassen“ in meine Psyche geritzt. Da hätte meine Therapeutin aber auch mal von selbst drauf kommen können. Sicher hat das mit meiner Mutter zu tun. Hallo Mama, mach Dir keine Sorgen, mir geht es gut!
Dabei sollte ich mich auskennen mit dem Schlussmachen: Ich habe in meinem Leben schon vierunddreißig Behausungen verlassen und diverse Zukünfte beerdigt: Die Karriere als der neue Elvis habe ich mir ebenso abgeschminkt wie ein Luxusleben als weltweit gefeierter Opernkomponist. Auch die Idee vom Privatierdasein als Bitcoinmillionär habe ich nach ungeschicktem Trading mit einem feierlichen „Asche zu Asche“ ins Groschengrab der großen roten Zahlen entlassen, aber ein einfaches „Auf Wiedersehen” kriege ich nicht über die Lippen.
Abschiednehmen scheint bei mir Familienthema zu sein, mein Vater war in dieser Hinsicht sogar ein Extremist: In meiner Kindheit verschwand er im Knast, irgendwann hat er sich suizidal aus dem Spiel genommen – beides nicht die elegantesten Arten, goodbye zu sagen – aber immerhin konsequent. Es gibt unendlich viele Schlussfloskeln, aber einen Freitod hat man nur einmal im Leben.
Ein kleiner Tod lungert in jedem Abschied rum – allerdings nicht dieser kleine Tod, der petit mort, den wir bitte nicht abkürzen sondern gen Ewigkeit verlängern wollen. Womöglich erklärt das einen Kurzschluss in meiner Seele. Der lässt mein Unbewusstes glauben, Abschiednehmen wäre so etwas wie ein sinnlicher Höhepunkt. Nur Barbaren würden mitten im Orgasmus rufen: „So, jetzt ist hier aber Feierabend!”
Kein Wunder, dass Menschen versuchen, den Tod zu verscheuchen, zum Beispiel mit albernen Worten: „Tschüßikowski“ heißt es dann, oder „Bis dannemanski“. Nichts gegen ein melodramatisches „Lebewohl“, gehaucht von einer Geliebten mit aristokratischer Attitüde, die nur kurz Zigaretten holen geht.
In Bremen sagt man beim Aufbruch in regionalgrammatischer Extraklasse „Seh zu“. Mittelalten Herren entgleisen dort die Manieren, wenn sie nach dem Stammtisch die besten Wünsche an die Gattin übermitteln wollen und lallen: „Steck n Gruß mit rein“. Wobei Horst und Achim nach acht Hefe-Weizen und zwölf Kurzen schon beim Schlüsselloch an ihre Grenzen kommen.
Also, verehrte Lesende, bevor meine literarischen Umgangsformen zu Grabe stürzen: Habt Dank, dass Ihr mich auf dieser Reise in den Abschied begleitet. Sie endet hier. Dies sind die Zeilen, in denen ich „Servus, Freunde” sage und wir im Flur der Abgangskunst mit unseren Mänteln über den Arm gelegt die letzten Höflichkeiten austauschen.
Diese Kolumne ist nun vorbei. Also dann. Macht’s gut. Danke fürs Lesen. Es war wie immer sehr schön mit Euch. Fühlt Euch umarmt. Ein Küsschen noch.
Ciao Bellis.
Das Leben ist schön.
Bleibt verschwenderisch, bleibt unvernünftig, bleibt verführbar.
Bis nächste Woche.
Ich freu mich auf Euch.
Ich hab euch sehr gern.
Es tut mir leid, Pigzy.
Sehen wir uns Montag live? Diesemal aus technischen Gründen nicht um 19 Uhr, sondern um 20 Uhr – ich freue mich auf Euch!
PS: Als ich meinem Großvater auf einem Familienfest in den frühen 2000ern vom Ende meiner Liebe zu Lena erzählte, schaute er mich an und sprach mit dem Timbre des Mannes, der seine Jugend in den 1920ern verbracht hat: „Ein Ende kann ein Anfang sein“.
Der Satz hat mich damals so geflasht, dass ich ihn vertont habe. Mit Band und Orchester, damit er so klingt, als hätte er ein Rendezvous meines Großvaters auf dem Grammophon begleiten können.




Übung macht den Meister. Erst hatte ich gedacht, jetzt schafft er es, dann kam das Ende😂
Hallo Mark,
Abschiede sind auch immer ein wenig zurücklassen. Dabei nicht nur die Person, sondern auch etwas von sich, bei ihr.
Irgendwann habe ich das begriffen. Und zusätzlich noch etwas anderes, das sicherlich dir auch schon mal als Spruch begegnet ist: Nur wenn etwas geht und zurück kommt, weiß man wirklich, dass es bleiben will.
Hab einen wundervollen Sonntag.