Keine Chance für Größenwahn
Konzertbericht von Deutschlands kleinster Bühne
Die 226. Sonntagskindkolumne, geliebte Lesende, ist ein Konzertbericht. Im Mietauto (Renault Clio) kutsche ich nach Bergneustadt, einem rheinländischen Städtchen an der Grenze zum Sauerland. Tonight Showtime im Schauspielhaus, einem winzigen Theater mit Geschichte, alle waren schon hier: Kenny Wheeler, Dieter Hildebrandt, Charlie Mariano, Anna Mateur.
Axel Krieger, der Chef des Hauses, berichtet vom Besuch des Akustikers der Elbphilharmonie. Das Schauspielhaus Bergneustadt klänge noch besser, meinte der. Gewiss keine Übertreibung, das kleine Klavier füllt den Raum, als wäre es ein riesiger Konzertflügel. Die Elbphilharmonie klingt nicht schlecht, ich weiß es: 2020 spielte ich mit dem Orchester Germania meine Deutschland-Symphonie in der Elbphi, drei Tage später kam die Pandemie.
Eine der spektakulärsten Backstage-Erfahrungen schenkt dir ein Aufenthalt in der Solistengarderobe des Hamburger Konzerttempels: Von der Decke bis zum Fußboden verglast residierst du direkt über der Elbe, ein Steinwayflügel steht lässig auf dem Parkett – und eine Badewanne. Die Hamburger wissen, wie sie Künstlerseelen aufplustern. Drei Abende Elbphi und du brauchst eine Therapeutin, die dich wieder unter den Teppich bringt.
Im Schauspielhaus Bergneustadt droht in dieser Hinsicht keine Gefahr: Die Garderobe ist ein Quadratmeterchen, das gleichzeitig als Durchgangsflur zwischen Bistro und Küche dient – keine Chance, hier zwischen Pilsduft und Suppendunst abzuheben oder eine Badewanne auch nur hochkant unterzubringen.
Bevor ich aber in der größenwahnbeungünstigenden Garderobe von Deutschlands vermutlich kleinstem Theater meinen Las-Vegas-Smoking anziehe, parke ich neben dem Musentempel und erfreue mich an der regionalen Experimentierfreudigkeit bei der Umsetzung der Rechtschreibreform:
Mit hochprofisionell polierter Vorfreude warte ich also hinter der Bühne auf meinen Auftritt. Songs und Sonntagskindkolumnen habe ich dabei. Von Hunger Games im Bord Bistro werde ich berichten, Geschichten vom Hausboot erzählen und „Heute nacht wird sie fremdgehen” am Klavier singen, immer darauf bedacht, die Leute mitsingen zu lassen, ihnen Resonanzen abzuringen, mit ihnen gemeinsam ins große Gefühl zu kommen. Vor der Pause bitte ich das Kleinstpublikum um den Zuruf bildstarker Wörter, aus denen ich in der Pause ein Lied entwerfe. Die Begriffe können sich sehen lassen, sie bilden ja auf gewisse Weise auch immer ein Psychogramm des Publikums:
Dinosaurierbraten
Gänseblümchencreme
entnervend
Blockflötenquartett
quietschen
stolpern
hyperventilieren
orgeln
pupsen
gelbstichig
Langeweile
beschwingt
Tannenspitzenduft
Nach der Erfassung dieses leicht bizarren Textkörpers frage ich nach dem gewünschten musikalischen Stil –„Blues” ruft es mir rasch entgegen. Nun gut. Es hätte ja auch Triphop, Grindcore, Zwölftonfuge oder Opernarie, Feelgood-Reggae, Moritat oder Nörgelpop sein können. Oder Problemschlager, Minimal-Electro, Gangstarap.
Ich habe fünfzehn Minuten Zeit, den folgenden Blues zu schreiben:
Du gehst durch die Straße,
bist beschwingt am Flanieren,
willst deine Liebe spendieren,
doch fragst dich, wem.
Plötzlich weißt du es
beim Pupsen und beim Hyperventilieren:
Jemandem mit Gänseblümchencreme.
Jetzt quietscht du vor Glück,
stolperst jede Langeweile weg,
hast keinen Bock auf ödes Parkett.
Deine gelbstichige Psyche orgelt sich einen weg,
mit einem ganz und gar nicht
entnervenden Blockflötenquartett.
Am Ende deines Lebens
willst du noch einmal richtig schlemmen,
in Lukullus-Rausch geraten
vorm letzten Gang in die Gruft.
Du träumst von einem fetten Dinosaurierbraten
mit exquisitem Tannenspitzenduft!
Ich finde, wenn sie Bob Dylan den Literaturnobelpreis hinterherwerfen, könnte für mich wenigstens die Ingeborg Bachmann-Medaille drin sein. Aber hören Sie selbst:
Ich liebe den Glamourvibe dieser Schaufensterdekoration:
Nach drei Zugaben schenkt mir der Hausherr noch ein Pikkolöchen alkoholfreien Sekt ein. Ich habe eine CD verkauft und eine Schallplatte verschenkt. Jetzt starre ich schon seit einer halben Stunde auf die Wand im Hotelzimmer und mache eine Pro-und-Contra-Liste angesichts der Idee, den Fernseher auf die Straße zu werfen oder das Waschbecken aus der Wand zu reißen. Die Reflektion über den Rock ‘n Roll-Lifestyle ist allerdings so ermüdend, dass ich beschließe, über den Randale-Impuls erstmal eine Nacht zu schlafen. Morgen beim Frühstück frage ich, ob es veganen Dinosaurierbraten gibt.
Herzlich aus Bergneustadt
Euer






Mein altes Grafikerherz blutet so sehr bei der Neonreklame. Ich will nicht einmal ansatzweise vermuten, wie teuer diese individuelle Anfertigung war … 🙈
Und: Ja krass cool, wie schnell Du aus ein paar zusammenhangslosen Wörtern einen kompletten Song schreibst!
Wo finde ich den Tourneeplan????