Keiner steigt in den Bus!
Last Exit Angermünde
Verehrte Sonntagskindlesende, geliebte Abonnentinnen und Geneigte, herzlich willkommen im neuen Jahr – und zur 222. Sonntagskindkolumne. Fünf Gedanken zuvor:
Ich stelle fest, dass ich schlecht träume, wenn ich vor dem Einschlafen Instagramvideos durchscrolle. Stattdessen wache ich mit einem Lächeln auf, wenn ich am Vortag ein nettes Pläuschchen mit der Edekaverkäuferin hatte und der Hafenmeister auf einen Tee an Bord war und wir über Schallplatten in der DDR gesprochen haben.
Arbeit ist gut gegen Blues. Die Freude über eine gelungene Gestaltung heilt manche Wunde. Ich will nicht sagen, sie heilt alle Wunden, weil mir dann die Psycho-Experten widersprechen. Und Widerspruch löst bei mir eine Niedergeschlagenheit aus, gegen die noch nicht mal Arbeit hilft.
Ich kaufe jede Woche die ZEIT. Meist „schaffe” ich es nicht, sie zu lesen. Eine Weile liegt sie auf meinem Bett, weil ich es mir schön vorstelle, beim Morgenkaffee zu lesen. Dann wandert sie ins Regal im Salon. Brauche ich Papier zum Anzündeln des Kamins, bringe ich es noch nicht mal übers Herz, die Stellenanzeigen zu verfeuern, weil ich fürchte, Lesenswertes zu vernichten. Ich stelle die Zeitung wieder ins Regal.
In diesem Jahr möchte ich mich noch mehr um meine zahlenden Sonntagskindler kümmern. Mit persönlichen Songs und dekadenten VIP-Partys auf dem Hausboot zum Beispiel.
Aber nun zur Sache. Letzte Woche habt Ihr das Thema dieser Kolumne entschieden:
Hier also die ganze Wahrheit über die Schicksalsgemeinschaft Angermünde:
Die Renaissance der Durchsage – Wenn Verwaltung Seele hat
Zweiter Weihnachtstag. Mit der Eisenbahn nach Bremen. Zwischen Pasewalk und Angermünde erfreue ich mich an den warmherzigen Durchsagen des Schaffners. Anstatt im Verwaltungstonfall verlegte Gleise und geänderte Abfahrtzeiten zu nennen, zeigt er Gefühl. Bittet für Verspätungen um Entschuldigung, wünscht einen schönen Feiertag – so, dass man es ihm glaubt. Ich bin begeistert – und beschämt: Die Bahn ist für mich in der letzten Zeit ein Angstfaktor geworden, der mich immer häufiger in die Arme von Enterprise, Sixt und den anderen Autovermietern treibt. Jetzt buttert der seelenvolle Bahnmann mit seiner Cremestimme Herzlichkeiten über den Bordlautsprecher – und ich fühle mich schlecht. Ist die Bahn vielleicht doch nicht das seelenlose Technokratenunternehmen, das auf meine Kosten von Dilettanten in die Funktionslosigkeit geführt wird? Jedes Jahr finanziere ich mit meiner BahnCard 50 für die erste Klasse schließlich einmal Champagner für alle in der DB Lounge.
Der fürsorgliche Untergang beginnt
Die nächste Ansprache des Zugbegleiters der Herzen betrifft meine Reise: Zwischen Angermünde und Eberswalde ist eine Oberleitung defekt , daher endet die Fahrt in Angermünde, aber für Ersatz ist gesorgt, auf dem Bahnhofsvorplatz warten Busse auf Sie. Ich bitte um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, wir tun alles, was wir können, um Sie sicher an Ihr Ziel zu bringen.
See you later, Navigator
Man kümmert sich! Die Bahn-App mit dem kernigen Baumarktnamen Navigator zeigt keinerlei Probleme an. Zwar sind ein paar Zeilen mit dem Hinweis auf die Störung rot, aber an den Anschlusszeiten hat sich nichts geändert. Top. Da sitzen Problemlöser. Nahverkehr-Nerds, Notordner, Navigatoren. Sie haben die Schiene im Griff.
Warten als kollektive Disziplin
Mit ein paarhundert Weihnachtsreisenden eile ich auf den Bahnhofsvorplatz, schließlich warten dort Busse – und wir wollen ja unseren Anschlusszug in Eberswalde kriegen.
Kein Bus da. Wird sicher gleich kommen. Der Schaffner of Love steht etwas abseits. Ein bäriger Gefühlsmann, mit dem Telephon am Ohr. Nach zwanzig gefrorenen Minuten, in der ich in der Masse versinke, die gierig jeden anrollenden Bus scannt, gehe ich zum Bahnmann. Mache ihm Komplimente für seine liebenswürdigen Ansagen im Zug und dass man so eine Ansprache selten erlebt. Könnse sich ooch nüscht für koofen, bemerkt er zwar folgerichtig, aber die Geste, sage ich, zählt.
Ein Stresslid zuckt im Schaffnergesicht. Um zwölf, sagt er, kommen Busse. Noch zwanzig Minuten bis zwölf. Kommt kein Bus. Es müssten auch mindestens fünf Busse sein, denke ich, angesichts der vielen beladenen Leute. Immer wieder suchen die Menschen die Nähe des Fahrplanflüsterers, der zugibt, dass er nicht weiß, wann die Busse kommen. Er kennt aber den Schuldigen: So ein Amateur von der NEB hat die Oberleitung kaputtgefahren! Die NEB ist ein privater Dienstleister im Nahverkehr. Klar, zu so einer Blödheit sind nur die Bekloppten von der anderen Firma in der Lage.
Contenance? Keine Chance
Ein zweiter, etwas kleinerer Bärenmann ist jetzt an seiner Seite. Auch er weiß nichts. Jetzt brüllt sich mein Herzensbahnbeamter mit einem unzufriedenen Reisenden an. Er hat keine Ahnung, was er damit anrichtet. Ich gehe zu ihm und ersuche ihn, mein Bild von ihm nicht zu zerstören. Bewahren Sie die Fassung, schlage ich ihm vor, Sie repräsentieren doch das Unternehmen, in dessen Obhut wir alle uns begeben. Wir brauchen Ihre Zuversicht, um nicht zu verzweifeln, sage ich und bekomme seinen Frust ab.
Verantwortung hat Feierabend
Er sagt, der andere hat ihn zuerst angemault und er kann ja nichts dafür und außerdem hat er eigentlich um zwölf Uhr siemunfuffzich Feierabend, muss man auch mal so sehen! Das Bild des fürsorglichen Bahnbären verblasst.
Der diensthabende Gleisgeneral
Da, ein Bus kommt! Die Menge rührt sich. Jetzt wechselt der Feierabendnavigator in den Feldwebelmodus, formt mit seinen Händen einen Schallverstärker und ruft: Keiner steigt in den Bus! Erst die Frauen mit Kinderwagen und die Gebrechlichen, ich sage es zum letzten Mal: Keiner steigt in den Bus! Der Schaffner of Love zeigt sein Katastrophengesicht. Kein gutes Zeichen für die Bahn.
Während die Masse zum Bus drängt, kommt die Vorhut schon zurück. Falscher Bus. Der fährt nach Stettin, dahin will offenbar niemand heute. Keiner steigt in den Bus.
Taxi oder Menschlichkeit – Spontane Selbstorganisation
Seit einer Stunde in Angermünde. Zeit für den Taxigedanken. In der Not funktioniert nonverbale Kommunikation: Blitzschnell finden sich drei Augenpaare mit derselben Idee. Wir stehen zusammen und rufen sämtliche Taxiunternehmen in Angermünde an. Das Freizeichen der Ohnmacht. Ewig. Keiner geht ran. Wenn doch: keine Zeit oder in Neubrandenburg unterwegs. Ein Großraumtaxi erscheint um die Ecke. Ich eile ihm entgegen, frage die Fahrerin mit der roten Weihnachtsmannmütze nach einem Trip nach Eberswalde für mindestens uns drei, andere gesellen sich dazu, die restlichen paarhundert Leute bleiben stehen. Auf den dreißig Kilometern kommt uns kein einziger Bus entgegen, wahrscheinlich gibt es gar keinen. Im Taxi: Ausgelassene Zusammenkunft. Knut hat eine Gitarre dabei, Maria eine Geige – der pure Zufall, dass die letzte Rückbank im Taxibus von Musikern besetzt ist. „Last Exit Angermünde“ sei der beste Name für die Band, die wir jetzt gründen könnten, sagt Knut.
Moralischer Sieg im Großraumtaxi
Im Glücksrausch unserer Rettung singen wir mit den anderen Leuten im Taxi Weihnachtslieder, laut und feierlich. Wir freuen uns, dass wir nicht zu den Miesepetern gehören, die sich die Rettungsfahrt mit Schimpfen über die Bahn und „Das ist ja wohl die Höhe!“-Rufen verfinstern. In Eberswalde steigen wir gemeinsam in den RE nach Berlin und finden mit Moni aus dem Taxi einen Vierer. Erst dort stellen wir einander vor und ich erfahre, mit was für spannenden Leuten ich hier reise: einer Islamwissenschaftlerin, die in London als Coach im Medizinbereich arbeitet, einer Improtheaterperformerin und einem Gefängnispsychologen. In nur wenigen Minuten beschäftigt uns ein smalltalkfernes Gespräch über Humor, Abenteuer, Schicksale und das Freilegen von erfreulichen Eigenschaften. Die kurze gemeinsame Fahrt lässt mich den Bahnkummer vergessen.
Tragisches Versäumnis der Popgeschichte
Leider haben wir versäumt, Nummern auszutauschen, um unsere Band „Last Exit Angermünde” auf das Konzert am 16. Januar im Bremer Sendesaal vorzubereiten.
Hochkultur als Anschlusslösung
Wie gut, dass mein Freund Peter Prange am 16. Januar Zeit hat. Gemeinsam bringen wir im Sendesaal die Premiere unseres literarisch-symphonischen Abends auf die Bühne, auf der Grundlage von Peters historischen Romanen über Deutsche Geschichte. PS: Die Bahn kommt auch vor.
Im Endspurt der finalen Komposition, mit ordentlich Strom auf der Oberleitung
Euer
PPS: Hier gibt’s Tickets zu Deutschland, mon amour – eine literarisch-symphonische Liebeserklärung.
PPS: Maria, Moni, Knut: Solltet Ihr hier lesen, schreibt mir bitte. Habe Sehnsucht nach Bahnhofsvorplätzen.
Aus der Kajüte der Erkenntnis
I. Schuldige finden sich schneller als Lösungen
II. Wenn Logistik kapituliert, wird Kultur geboren
III. Der Schienenersatzbus ist ein modernes Glaubensangebot
Ich bin Mark Scheibe, der freundliche Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt – ignorierter Künstler von Weltrang. Ein Geheimtipp bin ich als Opernkomponist und Jazzsänger. Auch als Schlagertexter, Astrologe und Marathonläufer halte ich mich aus Anstandsgründen dem Glitzerlicht der öffentlichen Bewunderung fern. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken.







Moin und ein gutes Jahr für dich. Partys auf dem Schiff ist ja schon ein Reiz, auch Mitglied zu werden. Ich denke mal und rede mal mit Helga. Gruß Ute
Herzlichen Dank für das Teilen dieses schönen Erlebnisses; gerne mehr davon! Es inspiriert hoffentlich einige Bahnreisende, sich weniger über die unvermeidlichen Kalamitäten unterwegs aufzuregen, sondern sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und gemeinsam spannende Erlebnisse zu kreieren. Das macht doch viel mehr Spaß als das ganze Bahnbashing und hinterlässt bleibende Eindrücke!
Toll fand ich auch deinen Auftritt mit der wunderbaren Bettina Rust und Andreja Schneider in der großen Toast Hawaii Weihnachtsshow.