Kuchen, Angstzustände und etwas Besseres als Spotify
Von Zucker und Dingen, die man zum ersten Mal tut
Sehr verehrte Gemeinschaft, geliebte Lesende,
einmal in der Woche setze ich mich für ein paar Stunden hin und denke an Euch. An Regine und Rainer, die die aktuelle Kolumne Sonntag morgens im Bett zelebrieren, an Herwart, der während einer langen Autofahrt seiner Frau Brigitte gleich eine ganze Sammlung Sonntagskinder vorliest, an Uschi und an Cora, die mir manchmal schreiben, wenn sie eine Formulierung oder ein Thema ermuntert oder belustigt. An Antje, die diese Kolumne eine mentale Schwimmweste genannt hat. Und an die neuen, an Euch, verbunden mit der Aufregung eines Rendezvous. Eigentlich habe ich in der Pandemie zu schreiben begonnen, weil ich die Konzerte so vermisst habe. Heute kommt das Konzert in die Kolumne – später dazu mehr. Jetzt viel Freude mit dem 234. Sonntagskind!
Kokain für Genießer
Vor zwei Wochen in Venedig. Ich komm nicht drüber weg. Dolci nach der Pasta, Tartufo, Torta della Nonna, Tiramisu. Tiramisu heißt „Zieh mich hoch“ – ein teuflischer Euphemismus für eine Süßspeise. Eierschokolade mit fingerdick aufgelegten Kakaopulver oben drauf, dem Kokain für Genussmenschen.
Leider ballert einen die Zuckerwucht nach dem ersten Phantomkick geradewegs ins Sofa. Nach dem rasch eingelösten Hochziehversprechen folgt augenblicklich der Preis für den versüßten Espressomascarponekick: Du willst, dass Dein matter Körper nur noch von einem flauschigen Designersofa verschluckt wird. Statt Tiramisu sollte es Portamisulsofa heißen – streck mich nieder, Süßspeise!
Falscher Alarm
Die Schriftstellerin Ildikó von Kürthy spricht in Jörg Thadeusz’ Podcast auf WDR 2 über das, was sie niederstreckt: Ihre Ängste. Im neuen Buch „Alt genug“ beschreibt sie, wie sie sich ihren Ängsten stellt und erzählt, wie sie Ängste als zu empfindlich eingestellte Warnanlagen der Persönlichkeit zu betrachten gelernt hat. Ich kriege sofort multiples Warnglockengeschaller: Angst, mich meinen Ängsten zu stellen, Angst vor Spinnen und Angst, durch Nachspeisen fett zu werden.
Selbsthilfe eines Süßspeisenjunkies
Zucker macht fett, Weizenmehl macht fett. Handys machen süchtig, zufällig habe ich gerade eins in der Hand:
„ChatGPT, Venedig hat mich gierig gemacht: Ich will Backwaren und zwar pronto. Aber ich habe Angst, fett zu werden. Kann man backen ohne Zucker und Weizenmehl?“
Das sei eine klassische Sonntagskindfrage, behauptet die devote KI und schmiert mir auf unangenehm servile Weise ein leider geiles Rezept ums honiglüsterne Maul. Andiamo, Schokoladenkuchen: Mandelmehl, pürierte Datteln, das oben erwähnte Genussmenschenkokain, ein paar Eier sowie etwas Backpulver. Aus reinem Überschwang breche ich noch eine Handvoll Pekannüsse in den Teig und streue Sesam oben drauf, bevor ich das runde Leckerding bei 180 Grad eine halbe Stunde sich selbst überlasse – und den ersten Kuchen meines Lebens backe.
Naschware für Narzissten
In einen Ofen schauen hat etwas Meditatives: Drin heizt sie sich auf, die leckere Nachspeise. Snellami will ich das venezianisch inspirierte Drogensubstitut heißen. Wörtlich: Schlanke mich. Oder: Ich verschlinge dich ganz und behalte trotzdem meine Bikinifigur. Es ist wirklich verflucht lecker, vielleicht wechsle ich ins zuckerfreie Konditorei-Business, in Berlin-Mitte lässt sich damit bestimmt ein Vermögen machen. Die vielen Selbstoptimierungsanorektiker-Narzissten brauchen teures Futter, um ihren infantilen Egos Exklusivität und Wellness vorzugaukeln. Ich wäre jedenfalls zu 100% die Zielgruppe für die sugarfree luxury patisseria. Bambino della domenica würde die Edelkuchenschmiede heißen. 100 Gramm Snellami und ein Espresso: Neunzehn Euro.
Sweet Spotify
Zucker, dieser kurzkettige Kohlenhydrat-Diabolo, ist die Ur-Idee jeder Droge: Du kannst jetzt sofort alles haben, zahl später irgendwann. Am Besten mit deinem Leben. So ähnlich dachte auch der CEO von Spotify, als er es Millionen von Musikern ermöglichte, ohne lästige Plattenfirmen oder andere Zwischenhändler die eigenen Kompositionen per Mausklick der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen und dabei kein Geld zu verdienen. Süß!
Geduldet im Niemandsland der Buchhaltung
Auch ich dachte damals: Hui! Ich lade alle meine Platten hoch, dann erfreuen sich ganz viele Menschen an meinen mit viel Liebe und oft teuer produzierten Songs, Chansons und Orchesterkompositionen. Das funktioniert ja auch. Ich frage mich: Wer sind wohl diese geschmackvollen, überaus kultivierten und bestimmt sehr gutaussehenden Leute, in deren Playlists meine Lieder einen Platz haben dürfen? Ich werde es nicht herausfinden, es sind Spotifys Kunden, nicht meine. Ich will das nicht. Wenn ein Song von mir tausend Mal gespielt wird, überweist mir Spotify drei Euro vierzig. Unter tausend Plays bemüht das Unternehmen seine Buchhaltung erst gar nicht. Aus diesen und anderen Gründen nehme ich allmählich meine Alben und Songs von Spotify wieder runter. Wer sie hören will, kriegt sie nur hier, auf Substack. Nach und nach. Mit meinem Album „Haus aus Liebe“ von 2010 fange ich heute an. Goodbye Spotify1, es ist ab heute nur hier.
Wer dem Weltschmerz einer verlorenen Gesellschaft, die sich selbst ein bisschen zu chic findet, Unterhaltung abgewinnen kann und auf orchestrale Jazz-Rock-Arrangements im Stil der späten 1960er steht, erfreut sich bestimmt an BERLIN.
SCHEINE ist der Versuch, einer Lebensphase, in der dem Bankomaten kein buntes Papier zu entlocken war, Optimismus abzugewinnen. Mit üppigem Orchestersound, herrlich jazzigen Chören und einer virtuosen Rhythmusgruppe. Gute Laune en gros!
WEBDESIGNER ist eine gefährlich swingende Reminiszenz an den Trendberuf der Nullerjahre, mit einem Streicherarrangement für Wahnsinnige. Die Zeile mit Lörrach erkläre ich ein anderes Mal. Bitte mitsingen! Ich bin ja nun mal Web-, Web-, Web-, Webdesigner …
Inspiriert von tantrischem Lustrausch und Wagners Tannhäuse-Ouvertüre hatte ich den Vorsatz, das langsamste Lied der Welt zu schreiben: BITTE KEINE EILE – bei 28 bpm hat man zwischen den Takten genügend Zeit, selbst einen sehr niedrigen Blutdruck als rasend zu erleben.
Die Geschichte von HEY, SCHICKES HÖSCHEN ist so grotesk und schön, die bedarf einer eigenen Kolumne. Beste Zeile: „Dorian Gray ist irgendwie okay, auf meinem Dachboden verschimmelt ein Bild.” Warum empfiehlt das eigentlich niemand für den Eurovision Song Contest?
ABER MANCHMAL ist eine Reise in den Abgrund des Nicht-mehr-weiter-Wissens und der Entscheidung im Angesicht des Abgrunds, das Leben zu umarmen und die Teufel der Finsternis niederzulachen. Ein orchestraler Schrei aus Lebenslust!
Irgendwie kenn ich dich gar nicht und irgendwie ganz genau.
Für die Dauer eines Rausches warst du oft schon meine Frau.
Diese zwei Zeilen müssen DU BIST SO SCHÖN voranstehen. Ein ambivalentes Chanson, das die eigene Unfähigkeit, erkennend zu lieben im gleichen Maße anprangert wie es den alkoholisierten Begegnungsrausch des Augenblicks zelebriert.
Als ich meinem Großvater einmal meinen Liebeskummer offenbarte, schaute er mir tief in die Augen und sagte: EIN ENDE KANN EIN ANFANG SEIN. Im Klang seiner Worte und der Entschlossenheit schwang der Geist der Weimarer Republik. Vielleicht habe ich den Song deswegen so komponiert und getextet, als könnte er von Zarah Leander sein.
DANKESCHÖN ist eigentlich ein Live-Song. Am Ende der Shows im Wintergarten sang ich das Lied auf dem Flügel stehend, das Orchester spielte sich wund, es war ein großes, das Publikum mitreißendes Finale. Vielleicht kommt das bei der Aufnahme aus dem Studio trotzdem ein bisschen rüber.
Das letzte Lied EINEN NOCH schenke ich uns allen, die wir, wenn es schön ist, nicht loslassen können. Oder nicht wollen?
SONNTAGSKIND RECORDS präsentiert
Leute, ich bin ein bisschen aufgeregt. Irgendwo im Netz Musik zu parken geht fast ohne Emotionen. Aber hier, das ist wie auf einer Privatparty den Löffel ans Glas zu schlagen, alle gucken und dann trägt man ein Gedicht vor. Ich möchte gerne wissen, ob Ihr das gerne habt und zum Beispiel auf dem Weg zum Yoga / in den Millionärsclub / zur Freimaurertagung / zu einem heimlichen Techtelmechtel gern unter Kopfhörern von meiner Musik begleitet werden wollt – oder ob Ihr vielleicht sogar das Album bei einem Glas Champagner durchhört oder das ganz unpassend findet, dass jetzt hier auch noch gesungen wird. Jeder Kommentar dazu macht mir Freude und wird selbstverständlich beantwortet.
Und noch etwas:
Klickt Ihr unten auf das Herz, bitte? Es fühlt sich nicht nur gut an, es ist für meine Sichtbarkeit auf Substack wichtiger als die 0,3 Cent von Spotify. Substack wird von Zahlen regiert – jede kleine Herzregung von Euch ist eine Revolution gegen die Bedeutungslosigkeit.
Wenn Ihr noch nicht abonniert habt: Tragt oben Eure E-Mail ein. Es ist keine Mitgliedschaft in der Nachspeisen-Mafia. Nur ein kleines Bekenntnis zur gepflegten Zuversicht.
Wenn ich Euch mit meiner Kolumne und dem Album so richtig begeistern konnte: Schließt Euch dem vornehmen Zirkel zahlender Unterstützerinnen und Unterstützer an. Werdet Mäzene der milden Ironie. Förderer des gepflegten Gedankens. Aktionäre der Lebenskunst.
Wer diesen Text restackt, hilft mir enorm.
Und schreibt gern einen Kommentar. Gemeinschaft entsteht durch Resonanz.
Herzlich
Euer Sonntagskind
Christoph Klinger schenkt mit seinem Artikel„Goodbye, Spotify” einen tiefen Einblick.





