Leinen los und lächeln
Ein kleiner Kulturvergleich zwischen Renaissance und Yachthafen
Verehrte Sonntagskindlesende, geliebte wachsende Gemeinschaft,
mit Euren Reaktionen und Kommentaren auf meine letzte Kolumne habt Ihr mich überwältigt. Danke für diese schöne Anteilnahme, dieses geistig-seelische Mitreisen. Den vielen neuen Abonnierenden will ich mich kurz vorstellen:
Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken. Ansonsten kann ich richtig gut Musik für Orchester komponieren und von der Bühne aus für hervorragende Laune sorgen.
Weltkarriere auf einem Kinderinstrument
Meine Freundin Elisabeth Champollion ist Blockflötenvirtuosin. Ja, so etwas gibt es. Die Blockflöte ist das geringstgeschätzte Musikinstrument der Welt. Das kümmert die Blockflöte nicht, die Elisabeth in der ganzen Welt spielt und die ihr ein ganzes Regal voller internationaler Preise eingebracht hat.
Brennende Finger, lächelnde Miene
Von ihr lernte ich, dass es in der italienischen Renaissance den Begriff der Sprezzatura gibt; das ist eine entschiedene Lässigkeit im Umgang mit Anstrengung. Wenn Elisabeth auf ihrer kleinen Sopraninoblockflöte Vivaldi spielt, brennt das Mundstück, fliegen die Finger über die Grifflöcher – und es sieht aus, als könnte das jeder. So geht Sprezzatura.
Stil schlägt Schweiß
Eine Darbietung, der man die Verzweiflung im Kampf mit dem Instrument ansieht, die jahrelangen Entbehrungen durch gnadenloses Üben, fiel im Italien des 16. Jahrhunderts durch. Das galt für die Musik, den Kleidungsstil, den Umgang – Sprezzatura war die Leitlinie der Lebensführung.
Was hat diesen prächtigen Lifestyle davon abgehalten, bei uns in Deutschland anzukommen?
Neue Koordinaten, alte Fragen
Ich liege mit meinem Hausboot seit einer Woche an einem neuen Liegeplatz, siehe diese Kolumne.
Tanz der Temperamente
Toddy kommt auf meinen Steg und weist mich ziemlich selbstbewusst an, mein Stromkabel anders zu legen, damit niemand drüber stolpert. Ich halte ihn sofort für den Sicherheitswart der Hafenanlage, weil er mich so amtlich anbellt. Meine Verstörtheit verberge ich und versuche eine Art Sprezzatura: „Schön, dich kennenzulernen, ich bin Mark” – strecke ich ihm die Hand entgegen. Er enthält mir seine vor: Erkältung. Wenigstens rückt er seinen Namen raus.
Slate Bleu Fumée gegen Pottenhässlich
Er fragt nach meinem Schiff, wieviel PS, wann ich die Motoren zuletzt gewartet habe, wo ich das Boot herhabe, könne er sich schon denken, meint er. „Und? Lenkt sich scheiße, oder?“ – erklärt er mehr, als dass er fragt. Dass ich gut zurechtkomme und gerade vom Stettiner Haff bis hierher gelenkt habe, erzähle ich. „Aber nich wenn Wind is.“ – weiß er, da kann ich nicht widersprechen, ein starker Wind macht jedes Hausboot manövrierunfähig. „Sa’ i’ doch, lenkt sich scheiße. Außerdem die Farbe: Pottenhässlich.“ Jetzt reicht es mir langsam. „Falsch”, kläre ich ihn auf, „das ist Slate Bleu Fumée, eine der schönsten Farben der Welt.” – „Nä. Pottenhässlich. Sa’en alle hier. Ich muss dann.“ Weg ist er, der Charmeur.
Die Côte d’Azur in Ost-Berlin?
Gerade hatte ich gelernt, Schmöckwitz mit langem Ö zu sprechen, Schmööckwitz, das klingt nach Helmut Schmidt, nach Contenance, nach Côte d’Azur an der Grenze zu Brandenburg. Schmööckwitz ist schmondän. Der Farbenrichter mit Lenkungsfaible sorgt dafür, dass es hier nicht überhand nimmt mit der Feingeisterei.
Ein zorniger Cäsar
Er kämpft nicht allein gegen die Evolution. Als ich vor einer Woche nach viertägiger Fahrt in der Morgensonne einlief, fand ich meinen Liegeplatz belegt vor. Hafenmitarbeiter lotsten mich an einen anderen Steg und erklärten mir das Durcheinander mit Bauarbeiten. Wann ich an meinem eigentlichen Liegeplatz festmachen kann, würde mir Herr T. demnächst mitteilen.
Nach zwei Tagen erkundigte ich mich, traf ihn nicht an, eine Mitarbeiterin im Hafenbüro wusste nicht Bescheid. Ob sie Herrn T. bittet, mich anzurufen, wenn sie ihn sieht, damit ich weiß, wann ich umziehen kann?
Hat sie wohl getan, Herr T. rief an. Was dann passierte, war skurril. Und sehr laut. Ob ich keine Augen im Kopf hätte und den Bagger nicht sehen würde und dass er 700 Leute hat und keine Zeit, sich um meinen Scheiß zu kümmern. Mein Handylautsprecher verzerrte. Ich musste an den zornigen Cäsar bei Asterix denken, wenn der mit rotem Kopf und wackelnder Schrift seine Legionäre anschrie, die von der Wucht seiner Wut hintenüber fallen.
Zeit, mich anzuschreien, haben Sie aber? – fragte ich. Ich schreie an, wen ich will, brüllte es aus dem Hafenbesitzer und am Besten nehmen Sie Ihr Boot und verschwinden wieder.
Leinen los nach einer Woche
Ich werde kein Transparent ans Dach hängen, auf dem „Ich lasse mich nicht vertreiben!” steht. Heute traf ich Carmen, die Malerin, die ein Boot hat, das einer Lokomotive gleicht. Sie grüßte freundlich, fragte: „Sind Sie der Pianist?” – und freute sich über meine Musik. Wie sie wohl die Farbe meines Boots einschätzt? Ich werde ihre freundliche Ansprache vermissen, wenn ich heute wieder weiterziehe. Ein Grund für mich, auf dem Hausboot zu leben, ist die Freiheit, die Leinen los zu machen, wenn es mir nicht passt. Ich werde mit einem Lächeln reisen und dafür sorgen, dass es ganz unangestrengt aussieht.
Liebe Leserinnen und Leser,
bitte drückt auf das Herz. Es fühlt sich nicht nur gut an, es ist in der digitalen Welt so wichtig wie Slate Bleu Fumée für die elegante Farbpalette. Substack wird von Daten bewegt – jede kleine Herzregung von Euch ist eine Revolution gegen die Bedeutungslosigkeit.
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Wenn ich Euch mit meiner Kolumne so richtig begeistern konnte: Schließt Euch dem vornehmen Zirkel zahlender Unterstützerinnen und Unterstützer an. Werdet Mäzene der milden Ironie. Förderer des gepflegten Gedankens. Aktionäre der Lebenskunst.
Wer diesen Text restackt, verhilft ihm zu Sichtbarkeit.
Und schreibt gern einen Kommentar. Gemeinschaft entsteht durch Resonanz.
Herzlich, bis nächsten Sonntag,
Euer Sonntagskind




