Möge der Strom noch lange fließen
Zum 80. Geburtstag von Udo Lindenberg – über Batterien, Bühnen und Realitätsverweigerer
Dialekt der Dringlichkeit
Håsbottrien men Güda? Der freundliche Sachse vom Nachbarboot schaut mich dringlich an. Håsbottrien? Wovon spricht er? Hausboot rien? Hausboot rein? Erst, als er mir die Fernbedienung mit dem leeren Akkuschacht unter der Nase hält, als wäre ich ein Außerirdischer, und noch mal wiederholt: „Håsbottrien?“, dechiffriert mein Gehirn und übersetzt: Hast du Batterien?
Lindenbergs Ladestation
Wir alle brauchen Batterien. Außer Udo Lindenberg, der feiert seinen achtzigsten Geburtstag und läuft wahrscheinlich auf Ufo-Power.
Zwei Udos, ein Überleber
Niemand hätte früher für möglich gehalten, dass Udo L. älter wird als Udo Jürgens, der ein paar Tage nach seinem Achtzigsten ohne Vorwarnung das ehrenwerte Haus dieses Lebens verlassen hat.
Benjamin von Stuckrad-Barre widmet seinem Freund mit dem Hut ein liebend geschriebenes Fanlexikon, die ARD versucht eine Doku, der man den Respekt anmerkt.
Zu Udo Jürgens’ rundem Geburtstag gab es eine unbeholfene Fernsehgala, die von Johannes B. Kerner wegmoderiert wurde, als handelte es sich um eine Autohauseröffnung. Udo Jürgens war der berühmteste deutsche Sänger, Udo Lindenberg ist ein Star.
Fieber im Finanzamt
Helene Fischer hat sich die Wertschätzung der Allgemeinheit angeeignet, weil sie so bodenständig geblieben ist. Die Figuren ihrer Songs sind zwar atemlos und wollen immer wieder dieses Fieber spüren, aber der Übermut ist maßvoll wie die Steuererklärung einer ehrlichen Fachangestellten. Sie ist eine von uns, man kann sie nach Batterien fragen. Udo Lindenberg, Schöpfer von Votan Wahnwitz, Gerhard Gösebrecht und Bodo Ballermann ist nicht von dieser Welt. Im Pool vom Hotel Atlantic schwamm er mir mal entgegen, er glitt durchs Nass wie ein Komet. Mit Mütze.
Kinder, die nicht aufhören
Er gehört zu den Realitätsverweigerern, den großen Weltenbauern. Künstler, denen ihre Songs, Opern, Filme nicht genügten, die eine ganze Welt um sich gebaut haben. Wie Kinder, deren Spiel keine Grenze kennt. Heute die Sandburg und morgen der ganze Strand. Richard Wagner, Klaus Kinski, Udo Lindenberg. Alles Gute, Udo. Möge der Strom noch lange fließen.
Schrankwand mit Anker
Vor meiner Terrasse liegt die Havel wie ein surreales Likörell. Hinterm Horizont erhebt sich die Sonne und knallt auf den Bug meines Schiffs. Kerstin, meine Bootsnachbarin lebt auf einer hundertjährigen Barkasse. Ein richtiges Schiff sei mein Hausboot ja nicht, eher ein schwimmendes Tiny House. Das sagt sie mit Charme, aber trotzdem so, dass mir die leichte Geringschätzung für „Schrankwände mit Anker“ nicht entgeht.
Das Parfum der Seefahrt
Als ich sie besuche, verstehe ich sofort. Ich gehe von Bord eines Ferienhauses und betrete ein Meereswesen. Beim Einsteigen ziehe ich den Kopf ein, der Geruch sehr alten Holzes umarmt hier das Parfum der Seefahrt: Ein Hauch von Schiffsdiesel zieht durch Kajüte, Koje und Kombüse.
Solarisches Blubbern
Das is n annern Schnack als mein Leben auf der Dauerterrasse, mit Wassertanks und Solaranlage. Nah dran am Raumschiff. Dass im Maiensonnenschein der Wäschetrockner meine Klamotten schrankwarm und nässefrei pustet, obwohl das Boot nicht an der Steckdose hängt, ist für mich ein kleines Wunder. Die Moccamaster blubbert solarisch und der Computer druckt die Noten für den Spielmannszug aus, dem ich gerade die Noten in die Pfeifen, Trommeln und Glocken komponiere.
Alte Bretter, neue Planken
Das Hausboot ist ein Drama, eine Bühne, eine Oper. Vielleicht ist das der Grund, warum ich kein Theater mehr für meine Arbeit brauche, hier geht jeden Tag der Vorhang auf, manchmal sogar in Mundart.
Nach mehreren Dutzend Theaterstücken, für die ich Musik komponiert habe, schmiss ich nach der letzten Psychohorror-Experience das Handtuch auf die Bretter, die nicht meine Welt bedeuten.
Wozu sind Kriege da?
Doch jetzt ruft Cottbus und ich öffne die Schrankwand der Endgültigkeit für eine neue Bühnenmusik. Die Cottbuser sind ein spannendes Völkchen: Das Theater wurde auf privatwirtschaftliche Initiative 1908 gebaut, Textilfabrikanten legten ihr Geld zusammen. Hitler und seine Bande nutzten das Jugendstilhaus dann als Munitionslager. Als klar war, dass es doch nichts wird mit dem Endsieg und der Weltherrschaft, sprach sich rum, dass die Nazis das schöne Theater in die Luft sprengen wollten, damit es nicht in Feindeshände fällt. Das haben Cottbuser Bürger verhindert. Wozu sind Kriege da? Mit dieser Frage an Bord freue ich mich, für dieses geschichtsglühende Haus zu komponieren. Auf der Havel lade ich meine Batterien dafür auf. Alles klar auf der Andrea Doria.
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Herzlich
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