Schlurfe nicht! Der Lebensweg ist doch zu schade, um nur Bürgersteig zu sein – er ist der rote Teppich zum Olymp, es läuft sich besser, wenn man sich nicht durch den Tag schleppt, sondern führt. Manchmal stelle ich mir vor, ich habe einen röhrenden Motor am Steiß, der meinen langsamen Gang mit der Energie eines Panzers auflädt. Trotzdem: Gelassenheit ist Trumpf, es muss so wirken, als ob man nicht selbst geht, sondern sich gehen lässt.
Gedudel im Gleichschritt
Ich entscheide, wohin ich mich gehen lasse, nicht irgendein Termin –das ist in dieser Drama-Zeit besonders wichtig. Nachrichten wirken, als wären sie Texte eines Theaterstücks. Einer verarscht alle, alle tun dabei so, als hätte man alles im Griff. Vertrackte Sache.
Als ich zur Schule ging, waren Bundeswehrsoldaten arme Trottel. Mike Krüger sang 1975 in der Pose eines Politbarden das Lied vom Soldaten – einem feisten Puffgänger, der sich einbildet, wichtig fürs Vaterland zu sein. Andere Zeiten, andere Lieder. Wie das Militär, so die Musikindustrie: Heute flutet Spotify den Hör-Horizont mit KI-generiertem Gedudel und freut sich, dass die dummen Hörschweinchen für Musik-Exkremente den Preis kultureller Nahrung zahlen.
Sehe ich dieser Tage Uniformleute auf dem Bahnsteig, denke ich: Ich würde den Job nicht machen, aber bin froh, dass es euch gibt. Beim nächsten Mal fasse ich mir ein Herz und sage es einem der jungen Menschen in Camouflage. Ich salutiere aber erst, wenn das Heeresmusikkorps meine Melodien spielt.
Von Gärtnern, Clowns und Klempnern
Die Bundeswehrleute setzen ihr Leben aufs Spiel – das wirkte noch vor ein paar Jahren vorgestrig, leider ist es heutig. Es gehört zum Elend des Menschseins, dass kein Geistesblitz einen Mörder niederstrecken kann. Vorgestrig wird bald noch viel mehr sein, wenn Maschinen unsere Arbeit schneller und besser erledigen. Wer jetzt Klempner wird, kann Millionär werden. Meine Hoffnung in die Künstliche Intelligenz: dass sie uns Menschen diesen mittelalterlichen Mord- und Totschlag-Impuls wegrechnet. Instinkte aus einer Zeit, in der wir den Mammut fürchteten – können die nicht genetisch decodiert und entsorgt werden? Dann wäre der russische Diktator vielleicht Gärtner und dem Clown im Weißen Haus würde es genügen, weiterhin im Fernsehen Theater zu spielen und nicht auf der Weltbühne.
DNA = Drive, Nonchalance, Anmut
Ich tanke Zuversicht, ich brauche sie, ich ziehe sie mir aus allem, was ich finde. Problematisieren liegt mir nicht. Bedenken mögen andere tragen, ich habe gern die Hände frei, um den Dunst der Aussichtslosigkeit wegzufächern. Wenn mich etwas deprimiert, symptomiere ich augenblicklich. Blicke ich in einen Abgrund, hängen die Mundwinkel, die Augen werden grau, Tränensäcke füllen sich, ich schlurfe – ist das eine würdevolle Weise, sein Leben zu führen? Nein! Der Mensch ist zur Freude geboren.
Verstand verzocken im Dummcasino
Vielleicht wird ein Effekt der KI-Revolution sein, dass wir genau das erkennen. Roboter nehmen uns die Arbeit ab, wir werden zu inspirierenden Privatiers, die einander die Welt vergolden, in einem gigantischen Swimmingpool auf einer Dauerparty.
Vielleicht sind wir aber auch am Beginn einer Raubtier-Ära, in der putinierte und trumpöse Egoteufel die Macht an sich reißen, während der zuckerkranke Mob im virtuellen Dummcasino an seiner intellektuellen Rückbildung arbeitet.
Wir tanzen auf der Angst
Hoffnung spendet Hanna Heikenwälder: In ihrem neuen Buch „Krebs – das Ende einer Angst“ erklärt uns die Molekularbiologin, wie wir dafür sorgen, dass mutierte Zellen keine Chance gegen uns haben. Ich war mit der Anfrage von Dr. Schreygers Kunstpalast, die Buchpräsentation mit Songs am Klavier zu ergänzen, ethisch überfordert: Nach einem Exkurs über die häufigste Todesursache der Welt dem leichenblassen Publikum mit meinen Songs „Keine Angst, es wird gut“ oder „C’est la vie“ das Elend verhöhnen? Es erschien mir unangemessen. Also so: Während der Buchvorstellung schrieb ich einen Liedtext, am Ende wurde dieser an die Wand projiziert – in einem spektakulären Schwarmintelligenz-Experiment haben wir alle gemeinsam diese Worte vertont – mit meiner Hilfe am Klavier.
Als der ganze Saal plötzlich zum Chor wurde, fühlte ich mich wie der Kapitän eines Operettenschiffs mit Tiefgang: Alle Stimmen hoben an, zu einem Song, den es ein paar Minuten zuvor noch nicht gab. Ist das nicht wunderschön? Das Leben ist eine Revue für risikofreudige Romantiker.
AUS DER KAJÜTE DER ERKENNTNIS
I. Schlurfen ist kein Lebensstil. Wer geht, darf auch tanzen.
II. Auch wenn Du selbst lieber im Seidenpyjama flanierst: Schätze die Uniformierten nicht gering.
III. Die KI mag schneller rechnen als wir denken – aber sie bringt keinen Funken zum Überspringen.
IV. Zuversicht ist kein naives Glitzern, sondern eine Überlebensstrategie. Ohne sie ist selbst ein roter Teppich wie eine Schotterpiste.
V. Das Schönste entsteht, wenn Menschen gemeinsam gestalten – wenn sie dabei dem Krebs den Schrecken nehmen, umso besser.
Für Hanna Heikenwälder / WIR TANZEN AUF DER ANGST
Da kommen Studien ohne Ende,
alle Tage neu.
Heute aber trennst du uns
den Weizen von der Spreu.Dank dir wird jeder Hirntumor
zum ausgelad’nen Partygast.
Der Metastase fehlt Humor,
sie weint allein im Sterb-Palast,
wo der Tod ihr in die Zelle fasst.Schenk uns das Ende einer Angst!
Kill uns den kranken Krebs im Keim.
Partnerin in Lebens-Crime,
mit Dir gewinnen wir Lebens-Time
und tanzen auf der Angst,
wir tanzen auf der Angst!
Hier ein paar Bilder vom Abend in Dr. Schreygers Kunstpalast – danke für die Photos an Katja Bienert!


Und hier endlich der Song von Mike Krüger:
Bis nächsten Sonntag <3 Euer Mark
"Dumme Hörschweinchen" 🤣🤣😂
Einfach köstlich, ...deine Formulierungen🙏🏻👌🏻!
Inhaltlich: auf den Punkt getroffen.
Ich danke dir, für deine grandiosen Texte❤️