Schöpfungshöhe
Das Ende einer deutschen Idee
Pädagogik des Portemonnaies
Ich schreibe Songs mit Mohammed, Hasan und Kilian, etwa zwölf Jahre alt, die Jungs. Sie haben Fragen: Wie lange dauert das, bis ich so Klavier spielen kann wie du? Wieviel machst du im Monat? Zehn K? Manchmal schon. Echt? Ja, oft aber auch viel weniger, je nach Auftragslage. In manchen Monaten kommt gar nichts rein.
Sie wollen später Kohle machen, sagen sie.
Das stille Geschäft der Schöpfer
Meine Kohle kommt zum Teil von der GEMA: Wo immer Musik von mir gespielt wird, ob Bühne, Radio, Fernsehen, zahlen die Veranstalter Gebühren an die GEMA – und die GEMA zahlt an mich.
Schubladendenken mit Steuernummer
Seit jeher unterscheidet die GEMA Musik nach ihrem Anspruch, ordnet sie in ernste Musik (E) und Unterhaltungsmusik (U).
Das Pferdchen und sein Publikum
Bisher war es so: Du spielst ein Konzert mit deinen Lieblingssongs: Udo Lindenberg, SXTN, Nena und Element of Crime. Hundert Leute freuen sich über die gute Unterhaltung und zahlen zwanzig Euro Eintritt. Der Veranstalter nimmt also zweitausend Euro ein, davon gibt er zehn Prozent an die GEMA. Die verteilt diese zweihundert Euro unter den Komponisten und Textdichtern der Songs, die gespielt wurden. So sorgt die GEMA dafür, dass jeder Song ein kleines Pferdchen ist, das immer was einbringt, wenn es läuft.
Mut zur Unzumutbarkeit
Spielst du allerdings mit deinem Cello ein Konzert mit Werken der E-Musik, ist es so: Eine befreundete Komponistin hat dir ein kompliziertes Solostück geschrieben, in dem du an die Grenzen der Virtuosität gehst. Du spielst Stockhausen, Ligeti und die Musik anderer Schöpfer, mit der nur die waghalsigsten Hörer etwas anfangen können. Musik von Leuten, die etwas suchen, das es vorher noch nicht gab. Pioniere, Avantgardisten, Revoluzzer.
Hebel der Hochkultur
Für dieses Konzert mit hundert Leuten, die zwanzig Euro für ein Ticket gezahlt haben, gibt der Veranstalter immer noch zweihundert Euro an die GEMA. Jetzt aber wirkt der Förderungshebel. Weil das Komponieren von vier Minuten Musik mit dem Anspruch, ein Jahrhundertwerk zu sein, als höher einzustufende künstlerische Leistung gilt als das Schreiben eines Ferienschlagers, bekommen die E-Musik-Schöpfer das Zehnfache für die Aufführung ihrer Werke – Kulturförderung.
Und damit ist jetzt Schluss.
Zwischen Avantgarde und Aprés-Ski
Ich bin beides: E und U. Als Entertainer am Flügel singe ich in Varietés, komponiere aber auch Orchestermusik. Und mit Orchestermusik meine ich nicht gefällige Neoklassik, wie sie eine langweilige Filmszene mit Pseudosymphonik auf bedeutungsschwangere Atmosphäre pimpt.
Der Werkausschuss und das schicke Höschen
Bei Tausendsassas wie mir, die zeitgenössische Klassik komponieren, aber auch Aprés-Ski-Schlager texten und Lieder singen, die „Hey, schickes Höschen“ heißen, war die GEMA verunsichert: Ich musste meine Partituren an den Werkausschuss schicken. Eine Kommission aus gestandenen E-Schöpfern suchte meine Noten nach Anzeichen musikalischen Populismus’ ab. Fand sie welche, verweigerte sie meiner Komposition den gewinnbringenden E-Rang. Wirkte alles schön ernst, kompliziert und humorlos, trug sie mein Werk über die vergoldete Türschwelle in den Salon der Hochkultur.
Zehnfache Gage durch Titelkosmetik
Man konnte versuchen, mit dem Titel schon mal einen Fuß in die Tür des E-Salons zu stellen: „Parallelen und Fragmente #21b“ war hilfreicher als „O wie geil ist denn der Spreewald“. Vermeiden von Melodien: auch gut. Bloß nichts zum Mitsingen! Dass Richard Strauß, Schostakowitsch, Gustav Mahler und selbst heutige Meister wie Jörg Widmann oder Olga Neuwirth immer wieder Musik komponierten, die sowohl unerhört als auch bewegend ist: geschenkt. Die GEMA sprach von Schöpfungshöhe, als besäße sie dafür ein Messgerät.
Elfenbeinturmsturm
Jetzt haben die Schlagertexterinnen, Technobastler und Indierockschrammler sich gegen die Dissonanzdesigner und posttonalen Fördermittelharmoniker durchgesetzt: Schluss mit der selbstverständlichen Besserstellung von Ernst gegenüber Unterhaltung! Refrainfacharbeiter und Tanzflächenversorger wollen nicht mehr einen Teil ihres Geldes für Melodieverweigerer und Elfenbeinturmwächter hergeben.
Präparierte Oboe sucht Geschäftsmodell
Der Beschluss zwingt diejenigen, die gern monatelang an einem Konzert für präparierte Oboe und Harfe tüfteln, zu neuen wirtschaftlichen Entscheidungen. Denn das 15-minütige Werk, das die beiden Instrumente in einer Weise erklingen lässt, wie das vorher noch nie jemand vermochte, gilt jetzt genausoviel wie die Viertelstunde, in der ein bekiffter Teenager auf seinem Synthesizer etwas zusammenfriemelt, das musikalisch banal sein mag – aber das Lebensgefühl seiner Generation trifft.
Verführung als Verpflichtung
Ob der Beschluss auch zu neuen künstlerischen Entscheidungen führt?
Eine der sinnvollsten Fragen, die man sich als künstlerischer Mensch stellen kann: Wie bringe ich mein Werk unter Leute, wie finde ich Publikum? Meiner Meinung ist Kunst wie Liebe. Kunst ist Verführung – und die ist so ernst wie unterhaltsam.
Karfreitag im Varieté
U und E ist eigentlich L und T: Leichtigkeit und Tiefe. Das will in Deutschland noch nicht so recht zusammenkommen. Im Varieté lacht das Publikum, aber es herrscht strikte Bedeutungsverweigerung. In der Oper ist alles bedeutend, aber die Stimmung ist immer Karfreitag: Amüsierverbot.
Ich bespiele seit Jahrzehnten Bühnen, auf denen meiner Unterhaltung nicht der Ernst abgesprochen wird – und merke jedes Mal, wie erleichtert die Leute sind, wenn beides gleichzeitig passiert.
Abschlusszeugnis mit offenem Ausgang
Mohammed & Co: Wenn Ihr es geschickt anstellt, könnt Ihr mit Musik richtig Kohle machen. Ein Instrument spielen oder Noten lesen ist dafür nicht nötig. Ob das eine gute Nachricht ist, bin ich mir noch nicht sicher.
Ich bin Mark Scheibe. Habe eine Symphonie komponiert und ein Jahr lang in einem Berliner Hotel gewohnt. Ich gebe gerne viel Geld aus, auch wenn ich es nicht habe und lebe mit meinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot. Im Mondschein tu ich so, als wäre ich Jazzsänger. Ich schreibe gegen die Tristesse der Gegenwart an und halte Ironie für eine Form der Notwehr.
Photo: © Jörg Sarbach
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