Speedy Boarding in den Untergang
Vom Platinkunden zum Schwarzfahrer in nur zwölf Stunden
Verehrte Sonntagskindler, viel Freude mit der 250. Sonntagskindkolumne. Heute: Die Kunst des Reisens :-) Bis bald,
Euer Mark
PS: Ich lese Euch die Kolumne vor, mein Freund Malte Fischer war zu Besuch und hat die Titel und Zwischenüberschriften gelesen, oben auf “Artikel-Voiceover” klicken.
Noch ein PS: Morgen, Montag, 20.7., gehe ich um 19 Uhr für eine halbe Stunde live auf Substack, um übers Reisen zu sprechen. Kommt Ihr dazu?
Und noch eins: Wenn Ihr die Kolumne mögt und findet, dass sie gut unterhält, restackt sie doch bitte, dann finden sie noch mehr Leute. Danke! <3
Nennt mich Jetset-Jongleur. Check-in-Champion, Meilen-Mogul. Ich bin ein Profireisender. Seit Jahrzehnten mehr unterwegs als zuhause. Das Bordbistro ist mein Stammlokal, die Bahnsteigkante mein Vorgarten. Ich bin Platinkunde bei Europcar, Enterprise und Sixt und kenne jede europäische Airportlounge.
Côte d’Azur-Krimi im Kopfkino
Aber vorgestern reiste ich wie ein Anfänger auf seinem ersten Wandertag. Noch Mittelmeersalz vom Morgenschwimmen im Haar, hatte ich die ganze Bude auf links gedreht, um im Haus an der Côte d’Azur den Mietwagenschlüssel zu finden. Nachdem ich meine Gastgeber schon des Diebstahls verdächtigt, Dielenbretter gelöst und die Telephonnummer der örtlichen Polizeistation ergoogelt hatte, konnte der Schlüssel eigentlich nur noch im Auto stecken. Steckte er aber nicht.
Schlüsselerlebnis mit Schnapszahl
Also die Reisetasche auf den glühenden Asphalt entleeren: Alles raus, wieder rein. Erstaunlicherweise versteckte sich der Schlüssel plötzlich in meiner Hosentasche. Jetzt aber los! Nur noch dreieinhalb Stunden bis zum Flughafen in Lyon. Tanken geht in Frankreich nur am Automaten. Der verlangt statt ApplePay auf dem Telephon die physische Karte. Die PIN dafür steht in einer Notiz auf dem Handy. Die Notiz ist mit einem Code gesperrt. Mein mittlerweile tropisch gegrillter Kopf braucht in etwa die Zeit, in der bei Mister Minit ein Schlüssel nachgefeilt wird, dann sind die Ziffern im Sesam-Öffne-Dich-Schließzylinder zwischen meinen Ohren angekommen: 7733! (Nummer v. d. Red. geändert).
Stauway to Heaven
Jetzt aber Bleifuß! Leider wollen außer mir noch ein paar andere in meine Richtung. Stau. Storno meines Flugs nicht mehr möglich. Ich buche vom Handy aus in der sachte rollenden Blechlawine einen Ersatzflug: Easyjet nach Berlin um 19.20. Um kurz nach halb sieben gebe ich die Karre ab, hechte schwitzend zur Sicherheitskontrolle, ein Beamter hat viele Fragen zu meinem Haarshampoo. Dann renne ich. Bin nicht sicher, ob meine Würde mitjoggt oder ob sie mich schon längst kopfschüttelnd alleingelassen hat.
Easyjet, easy going
Gerade noch rechtzeitig an Gate 7. Am Schalter drei Easyjetmädchen mit Kaugummi. Dann verschwinden sie, eine nach der anderen. Sie bewegen sich in internationaler Reality-TV-Zeitlupe. Ich habe den Verdacht, hier wird nicht abgefertigt, sondern Content produziert.
Exklusiv erniedrigt
Eine Stunde lang schwitze ich in der Schlange mit der lächerlichen Bezeichnung „Speedy Boarding“: Die Premiumspur als Pranger für Anspruchsreisende, die fürs Gedemütigtwerden gern ein bisschen mehr bezahlen – und dafür vom gewöhnlichen Volk mit einem VIP-Band abgetrennt stehen.
Bärrlinö Bråndönbörrg
Nach genau einer Stunde Speed-Warten kommen die drei Grazien zurück und fummeln in aller Ruhe auf ihren Handys. Dann liest eine in atemberaubendem Tempo vor, ohne dabei die Lippen übermäßig zu bewegen:
„Güüd äftanünö, Ledis änd Dschentelmännö. Sies ies ö Boahding Ännounsmönt förr IesieDschett Fleit feif-wönn-sicks-srie tu Bärlinn Brandenbörrg.”
Endstation Menschenwürde
In Berlin hechte ich zur S-Bahn, die fährt schließlich in wenigen Minuten nach Spandau, das heißt, sie führe. Sie hat sich gerade entschlossen, den Halt hier am Flughafen entfallen zu lassen. Die nächste kommt schon in vierzig Minuten. Erstaunlicherweise ist die S-Bahn auch um kurz vor Mitternacht berstend voll von Reisenden mit Handytourette, schwerhörigen Testosteronjungs, die ganz laut Gangstarap hören müssen und heftig ausdünstenden Wodkatouristen.
Schwarzfahrt ins Glück
Kurz vor dem Ziel steigt eine Gruppe Jungs mit Muskeln und Drogenhändlertäschchen zu, die in freundlichem Neuköllner Befehlston nach Fahrausweisen fragen. Gelangweilt zücke ich mein Handy, um dem BVG-Schergen mit Clankriminellenaura mein Deutschlandticket zu zeigen — und siehe da: Ich bin hier der Kriminelle, ich habe keins. Natürlich können wir das nicht an Bord klären. Ich zahle sechzig Euro erhöhtes Beförderungsentgelt im idyllischen Neonlicht des Bahnhof Tiergarten. Die nächste S-Bahn kommt ja schon in fünfzig Minuten.
Irgendwann im Morgengrauen gehe ich durch den Wald hinunter zum Ufer. Da liegt mein Hausboot, still und dunkel auf dem Wasser. Endlich zuhause. Ich greife in die Hosentasche nach dem Schlüssel ….





Der Reisethriller zum Morgenkaffee! Mir stockt der Atem, ich schwitze mit und überlege mir so, daß Du vermutlich gedacht hast, von vornherein einfach mit dem Auto zurück nach Berlin zu fahren wäre auch nicht nervenaufreibender gewesen 😂 Aber das hätte keine so unterhaltsame Kolumne ergeben. Danke also, daß Du diese nervenzerfetzenden Abenteuer auf Dich nimmst, um uns gut zu unterhalten 🥳
Mein Beileid!