Sprengt die Wilhelm-Kaisen-Brücke
Ideen für Herrn Weimer und eine Titelsuche
Mit einem Kaffee aus Wien sitze ich auf einer Bank im Bremer Steintor, Vögelchen bezwitschern meine Laune. Ich habe noch Restlaune im Blut, von meinem Konzert gestern im Packhaustheater. Als Zugabe sang ich ein altes Bremen-Lied von mir am Klavier:
„Sprengt die Wilhelm-Kaisen-Brücke!“
Ursprünglich lief das unter Satire, heute kann man mit so etwas einen Kulturstaatsminister auf Ideen bringen.
Sporen zwischen den Ohren
Unser gegenwärtige Experte für das Wahre, Gute und Schöne veröffentlichte früher im Eigenverlag sein Lyrikdebut mit dem geschmackvollen Titel „Kopfpilz“. Augen auf bei der Titelwahl, Herr Minister! Nicht, dass ein cancelmutiger Satiriker noch vermutet, dass da eine mentale Infektion nicht richtig ausgeheilt wurde. Zur Zeit lotet der Staatsmann nämlich aus, welche Buchhändler nicht linientreu sind und handelt sich eine Menge Ärger ein.
Meinungsfreiheitsentzug
Ich muss allerdings sagen, ich verstehe die aktuellen Gedankensporen des Poesieministers: Das Geld vom Buchhandlungspreis will er natürlich nicht an verkiffte linke Zecken verballern, die das Kommunistische Manifest unter den Arbeitslosen verteilen. Aber aufgepasst, Ministerchen, so ein magic mushroom im Kopf kann ganz schön was durcheinanderbringen: Es sind nicht linksextremistische Kaderschmieden, denen du hier öffentliche Gelder vorenthältst, sondern Buchhandlungen. Die verkaufen ganz legal Bücher, mit Mehrwertsteuer. Dort trainiert niemand den bewaffneten Umsturz. Zwar stehen auf der Fassade der betroffenen Bremer Buchhandlung „Golden Shop“ Parolen wie „Heimat ist Aufruf zum Mord“ und „Blutsverwandtschaft ist eine Geisteskrankheit“, aber in unserer Demokratie gilt Meinungsfreiheit eben für alle, auch für Bekloppte.
Flammendes Gecancel
Ein viel wirkungsvolleres politisches Statement wäre doch, sich die Bücherregale mal genau anzuschauen, die unerwünschten Schriften vor der Tür aufzuhäufen und in einem symbolischen Staatsakt anzuzünden. Wahrscheinlich scheitert so ein Feuerwerk im politisierten Buchhandel aber an Personalmangel: Zuviele Staatsbedienstete sind schon damit beschäftigt, den Podcaster Jan Fleischhauer wegen nationalsozialistischer Phrasen dingfest zu machen, weil der die Afd-Jugend mit dem verbotenen Schlachtruf „Deutschland erwache“ in Verbindung gebracht hat, dabei sind die gar nicht so woke.
Ausgegrenzt im Spotlight
Die vom offiziellen Preis ausgeschlossene Bremer Buchhandlung dürfte sich allerdings über einen viel größeren Preis freuen, den ihr der kulturelle Schatzmeister beschert: Enorme Publicity! Bei diesem ganz realen Irrsinnsbefall in einem Deutschland, das keine dringlicheren Aufgaben kennt, steigen auch meine Chancen, mit einem flotten Spruch Schlagzeilen zu machen. Für meine Bookingagentur wäre ein Skandälchen ein Glücksfall! Mit etwas Radaupresse im Rücken lassen sich richtig gut Termine buchen. Ein Eklat wegen eines vermeintlichen Gewaltaufrufs käme als Publicity-Turbo sehr gelegen. Gil Ofarim musste für erhöhte Sichtbarkeit Kamel-Anus im Dschungelcamp essen, ich würde das über Content lösen:
Vom Pilz zum Putsch
„Sprengt die Wilhelm-Kaisen-Brücke“ ist nur der Anfang. Mit meiner Schmusesingle „Genitalfungus dem System“ beschere ich den Charts eine kulturelle Mykose, gefolgt von der Propagandahymne „Aus dem Boden schießen: Von Champignons Revolte lernen!“ Die Restlaune will nicht schwinden. Für die kommende Tournee suche ich immer noch einen Titel. Helft Ihr mir? Nur eine Bitte: „Kopf“ und „Pilz“ sollen nicht darin vorkommen.
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken. Ansonsten kann ich richtig gut Musik für Orchester komponieren und von der Bühne aus für hervorragende Laune sorgen.
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