Techtelmechtel mit dem Tingeltangel
Die Entertainerschule der Anarchisten
Freundinnen, Freunde!
Die letzten Abende habe ich im Scheinbar Varieté in Berlin verbracht, um ein paar neue Sachen auszuprobieren. Da erinnerte ich mich daran, wem ich zu verdanken habe, dass ich auf der Bühne nicht nur hinterm Klavier verschwinde, sondern auch spreche. Ob das eine gute Idee, müsst Ihr selber wissen, aber ich bin der ungewaschenen Theatertruppe von 1986 ewig dankbar – habt einen herrlichen Sonntag mit der 246. Ausgabe.
Skeptische Sketche
Mein Techtelmechtel mit dem Tingeltangel begann, als ich gerade achtzehn war, da reiste ich mit einer alternativen Theatertruppe im VW-Bus über die Lande, um am Klavier die Umbaupausen zu überbrücken. Die drei Jungs und eine Frau hatten Sketche im Programm, die von Monty Python inspiriert waren, begriffen sich aber auch als politische Stimme in einer skeptisch zu betrachtenden Welt.
Alle sind gleich, manche sind gleicher
Sie machten sich über Spießer und ihre Bausparverträge lustig, verhöhnten den nach Eigenheim strebenden Kleingeist und demonstrierten ihre Freiheit. Ich war mächtig stolz, bei dem Abenteuer dabei zu sein, es gab schließlich auch nach jedem Auftritt ein bisschen Geld. Sie teilten untereinander auf und gaben mir mal zehn, mal zwanzig Mark. Selbst nahmen sie sich mehr und murmelten etwas von „formalen Sachzwängen“ in einem kapitalistischen System, das erst auf die Spitze getrieben werden muss, bevor man es überwinden kann. Deswegen bekam ich weniger. Es gab auch ein Manifest der Gruppe, wo das noch komplizierter erklärt wurde.
Schweinchen Strip
Hygienisch war auch nicht immer alles einwandfrei, wir waren mal ein paar Wochen lang unterwegs. Einer der Darsteller strippte ironisch. Ihm plumpste ein mit Wasser gefüllter roter Luftballon unter dem Glitzerjäckchen auf den Boden, dann rief er unter Tränen: „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren!“. Anschließend zog er sich lasziv wie eine slawische Nachtclubkönigin aus, er senkte sich sogar unter heftigem Beifall in den Spagat ab, mit hängendem Geschlecht. Ich musste das vertonen.
Rebellion gegen den Reinheitswahn
Am Ende lag immer dieselbe Unterhose auf der Bühne, deren Farbe von ihrem ursprünglichen Hellblau über die Dauer der Tour ins Bernsteinfarbene lappte. Ich bin mir nicht sicher, ob im Manifest der Gruppe stand, dass Körperpflege eine Erfindung der herrschenden Klasse war, um über ihr faschistisches Reinheitsideal die Arbeiter zu unterdrücken.
Die vier waren auf jeden Fall überzeugte Antibürger, die nach dem Motto lebten: Was dein ist, ist auch mein.
Volkseigentum für den VW-Bus
Unterwegs hielten wir immer wieder an, um Straßen- und Verkehrsschilder abzuschrauben. „Die brauchen wir noch als Bühnenbild“.
Komfortzone? Kannst du vergessen
Einmal spielten wir in Hamburg, im Fool’s Garden, einem kleinen Theaterchen mit Sand statt Teppich und Strandkörben. Sie spielten ihr Programm, ich wartete hinter der Bühne auf meinen Einsatz. Bevor ich mein Stichwort hörte, kamen sie plötzlich alle zu mir nach hinten. Was soll das? Geh da raus, sagten sie. Spiel nicht immer nur Klavier, rede mit den Leuten, mach was, erzähl was. Ich zitterte. Los, raus jetzt.
Der Schubs ins Scheinwerferlicht
Die Anarchisten schubsten mich durch den Vorhang und ich stand da wie Hein Blöd. Irgendwie mussten die Leute im Publikum gedacht haben, das wäre lustig, sie lachten nämlich. Dann ging ich nach vorne ans Mikrophon und erzählte irgendwas von meiner Freundin und vom Komponieren. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich machte, aber man hielt das offenbar für Kunst. Oder Comedy, was weiß ich. Das ist heute noch ganz genau so und wenn ich mir einbilde, alles im Griff zu haben, erinnert mich das Publikum durch Lachen an der falschen Stelle, Schweigen an der noch falscheren und Applaus dort, wo ich nur Luft holen wollte, dass sich Zauber nicht berechnen lässt.
Ich mache zwar auch immer wieder der Hochkultur den Hof und flirte mit dem Feuilleton, habe Schäferstündchen mit Schauspielhäusern und Orgien mit Orchestern, aber Tingeltangel, das ist mein Tempel. Letztes Jahr machte ich Quatsch für eine Versicherung und bekam dafür mehr Geld als für jeden symphonischen Kompositionsauftrag bisher. Ich nahm es gerne. Es lindert schließlich die formalen Sachzwänge – ganz wie es im Manifest stand. Die Truppe kann stolz auf mich sein.
Verehrte Lesende, wenn Ihr mit meiner Kolumne Freude habt, drückt bitte unten auf das Herz. Das treibt das kapitalistische System auf die Spitze, das ist der Lauf der Dinge. Außerdem verhelft Ihr damit meiner kleinen Abenteuererzählung zu Sichtbarkeit. So ein „Like” ist in der digitalen Welt so wichtig wie saubere Unterwäsche in der Stripperszene.
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Euer
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