Ihr wunderbaren Feingeister, Ästheten und Lebenslüstlinge,
habt einen herrlichen Sonntag. Wie schön, dass ich Euch heute meine 256. Sonntagskindkolumne auf den Frühstückstisch legen darf. Wenn sie Euch gefällt, tut mir einen Gefallen: Restackt sie, mit ein paar Worten von Euch, das hilft mir.
Zum Sonntagskind gehört seit einiger Zeit die Live-Zusammenkunft am Montag. Morgen (31. August) schon um 18 Uhr. Jetzt aber viel Spaß beim Lesen – oder auch Hören, ich habe die Kolumne für Euch eingesprochen.
Herzlich
Euer Mark
Problemzone Plural
Sobald Menschen in größeren Mengen auftreten, Parteien gründen, Eigentümerversammlungen bilden oder zum Fußball gehen, wird es schwierig. „Die Menschen“ sind eine Zumutung. Der einzelne Mensch dagegen: Immer eine komplette Party. Seht selbst.
Beauty und Breitbeinigkeit
1. Gestern in Bremen: In der Gesamtschule Bremen-Ost treffe ich Jugendliche, um mit ihnen Songs zu schreiben. Alina und Elif kreisen um die Frage, wie sie ihren Eltern klarmachen, dass nur eine Nasenkorrektur das richtige Geschenk zum fünfzehnten Geburtstag sein kann. Hamza, Elias und Joel sind mit Breitbeinigdasitzen und Gefährlichaussehen voll ausgelastet. Es kostet sie verdammt viel Kraft, sehr heterosexuell zu wirken.
Pubertät im Pianissimo
Nebenan probt die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Tschaikowskys Fünfte Symphonie. Ich locke die pubertätskontaminierten Menschenkinder in den Orchestersaal, wir setzen uns auf den Boden und hören. Die Beauty-Girls sitzen da wie hypnotisiert, die harten Jungs auch.
Homophonie
Ich frage nach zwanzig Minuten: Wollen wir gehen? Alle schütteln den Kopf. Sie wollen beim Klang sein. Danach: Wie findet Ihr die Musik? „Slay. Wild. Krank. Feier ich.“ Ich lächle. „Ist das Mozart oder so?“
Hat ein Schwuler komponiert, sage ich. Die Breitbeinigkeit wackelt, die Nasen sind kurz nicht so wichtig.
Der Queue zum Chor
2. Heute in Cottbus: Ich habe Musik fürs Staatstheater geschrieben. Die Männer des Herrengesangsensembles sind chorerprobte Laien im Rentenalter. Frank kommt niedergeschlagen zur Probe, er hat gerade ein Snookerturnier 1:2 verloren. Snooker? Ist das nicht lässig in der Kneipe mit Kippe im Mundwinkel ein paar Kugeln in die Ecke spielen? Nein. Snooker ist Billard mit Abitur. „Da geht es um Mikrometer“, erklärt Frank. „Nicht Milli-, Mikro!“ Jeder Stoß ist genau zu berechnen, im Kopf.
Frank war sein Leben lang Mathematiklehrer. Seine Augen leuchten, als wir über Zahlen sprechen: Die Sieben verdoppelt er in irrem Tempo bis in die Millionen. Sieben, vierzehn, achtundzwanzig, sechsundfünfzig. Ich folge ihm bis 3584, dann spielt mein Gehirn Carambolage und fällt in eine Ecktasche. „Die Sieben”, sagt er, „geht mir einmal diagonal durch den Körper. Das spüre ich richtig.“ Ich höre jetzt anders hin, wenn Frank eine Septime singt.
Der Charme der Chipkarte
3. Morgen habe ich einen Arzttermin in Bremen, meine Krankenkassenkarte ist abgelaufen und wer weiß, wo sie steckt, jedenfalls nicht in meiner Herrenclutch. Weder kann ich also nachweisen, dass ich versichert bin, noch dass ich es bis vor Kurzem noch war. Peinlich. In der Arztpraxis kennt man mich noch nicht, das führt garantiert zu problematischen Gesprächen mit der Sprechstundenhilfe, und der böse Satz wird fallen: „Da sind mir leider die Hände gebunden.“
Vermögen versichern
Ich könnte versuchen, lässig an der USM-Haller-Theke zu lehnen und einen reichen und verlässlichen Eindruck zu erzeugen. Privatpatientenbonität ausstrahlen, ohne meinen natürlichen Charme zu verraten, dann drücken die Damen vielleicht ein Auge zu – aber es ist mir zu riskant, ich rufe die Krankenkasse an:
Krankenschein mit Lieferservice
Frau Blume hätte jedes Recht, zu fragen: Warum melden Sie sich erst jetzt, wir haben schon im Februar versucht, Sie zu erreichen, da habe ich keinen Ermessensspielraum. Stattdessen: „Wir kriegen das hin.“ Für den Postweg ist es zu spät, schließlich ist mein Termin schon in weniger als 24 Stunden. Sie fragt, wo ich in Bremen übernachte, dann: Das liegt auf meinem Nachhauseweg, ich schmeiße Ihnen eine vorläufige Bescheinigung heute Abend in den Briefkasten, dann können Sie die morgen früh in der Praxis vorlegen. Ich werde sehr lässig an der USM-Haller-Theke lehnen, über die Schönheit meiner Nase nachdenken und Frau Blume sieben Rosen schicken.
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Zwischen ICE-Bordbistro, Abenteuern im Varieté und Hotelbegegnungen schreibe ich hier einmal in der Woche, seit 2021. Jeden Sonntag in der Früh: Eine Kolumne, die mittlerweile über tausend Mal gelesen wird – in der weltweiten Substack-Hitparade bin ich auf Platz 212 in der Kategorie “Humor” – und das als Deutscher!





Eine für Dich 🌹, eine zum guten Morgen 🌹 , eine für die Jugend 🌹 und den Rest für Frau Blume 🌹🌹🌹🌹.
Kann man mal machen.
Schön, wie es menschelt. Eigentlich gehören solche Nachrichten auf die Titelblätter der Zeitungen ... Gegen Hass und Verbohrtheit.