Und wie geht's dir so?
Warum ich jeden Montag für eine halbe Stunde in eine Kamera spreche
Verehrte Lesende,
Ich habe hier auf Substack einen Artikel gefunden, der mir so schallend aus dem Herzen sprach, dass ich euch diesen klugen und frappierenden Text von Micky empfehlen muss – einer philosophierenden Marketingfachfrau mit Theatervergangenheit – am Ende kommt der Link.
Das schöne an Substack im Vergleich zur FAZ oder der BRAVO ist, dass man den Autoren schreiben kann. So konnte ich Micky gratulieren und sie sogar gewinnen, in der Hörfassung dieser 251. Sonntagskind-Kolumne die Zwischentitel einzulesen – was habe ich für ein Glück. Viel Freude!
Monolog-Marathon mit Minirückfrage
Wieder so ein Gespräch: Nach detaillierten Berichten über seine hartnäckige Nagelpilzinfektion, die Orgasmusschwierigkeiten mit Moni und seinen Suizidversuch fragt er mich: „Und wie geht’s dir so?“ Nur, um nach einem halben Satz von mir mit einem „Kenn ich“ die Kurve zum unlösbaren Erbstreit mit der bipolaren Hass-Schwester zu nehmen.
Klärwerks-Katharsis
Nach zwei dickflüssigen Stunden als Industrietaucher im Klärwerk der Fremdpsyche höre ich dann „War richtig schön, mal mit dir über alles zu reden!“
Fragephobie und Fernfühlen
Ich weiß, ich bin selbst schuld, ich frage immer genau nach. Ich liebe es, mich im Leben meiner Leute auszukennen. Manchmal denke ich „Du könntest mich ja auch mal etwas fragen“ – aber das spreche ich nicht aus, schließlich erwarte ich von meinen Mitmenschen zumindest Grundkenntnisse in Telepathie – und da hapert es bei allen.
Frühstücksfanfaren
Ungefragt im persönlichen Gespräch von mir erzählen? Dafür bin ich zu arrogant. Ohne, dass jemand sagt: „And now. Ladies and Gentlemen, erzählt Ihnen Mark Scheibe, was er gefrühstückt hat!“, bleibe ich stumm.Keine Fanfare? Noch nicht mal ein kleiner Jingle? Ich halte den Mund. Und sublimiere: Was ich für mich behalte, wird Komposition, Kolumne oder Kalauer.
Montagsmonolog mit medizinischem Mandat
Als zusätzliches psychologisches Heilungsventil habe ich vor ein paar Wochen die Montagskamera installiert, das ist bestimmt im Sinne meiner Krankenversicherung: Meine letzte Therapeutin ist nach den Sitzungen mit mir verrückt geworden. Sie randalierte während eines Achtsamkeits-Retreats im Schweigekloster.
Meistermund mit Monumentalanspruch
Leider ist sie nicht mehr dazugekommen, meine Schweigsamkeit als Schatten einer Grandiositätssucht auszumachen, als künstlerischen Cäsarenwahn: Wenn der Meister den Mund aufmacht, hat ein Jahrhundertwerk herauszukommen, so der innere Reichskulturminister.
Tauchertausch im Traumatümpel
Der Livetermin ist ein Ausgleich: Jetzt seid Ihr die Industrietaucher! In den ersten Montagsmonologen nahmt Ihr Anteil an meinem Kampf mit französischen Wespennestern, meinem Trauma als verkannter Komponist im postmodernen Theaterbetrieb und einem Telephonat mit Tom Waits. Ohne, dass jemand danach gefragt hätte. Eine halbe Stunde lang, mehr ist nicht zumutbar – nicht für euch, für den inneren Kulturminister.
Kulturkampf mit der Kalauerkommission
Der hat mit dieser Kolumne ohnehin zu kämpfen, schließlich wurde sie von der Hauptabteilung Humor ersonnen, und in Deutschland redet die Kultur prinzipiell nicht mit denen. Nur der Schatzmeister mischt sich überall ein – schließlich verfolge ich mit Sonntagskolumne und Montagsmonolog einen kaltblütig kommerziellen Zweck: Ich wünsche mir nämlich, euch bei meinen Shows und Konzerten zu sehen.
Flügel, Freundschaft, Funkstille
Denn viel besser als Monologe und andere Einbahnstraßentalks sind echte Begegnungen: ein Abend mit Flügel auf der Bühne, an dem wir zusammen über geerbte Nagelpilzorgasmen gelacht und die Hymne „War schön, mit dir zu reden” geschmettert haben. Und anschließend, mit einem Drink in der Hand, haben sämtliche Ministerien Sendepause.
Herzlich
Euer
PS: Das große Schweigen zwischen Kultur und Humor führte unlängst zu Aufregung im Zusammenhang mit einem gar nicht so lustigen Lied und einer Satiresendung im ZDF, hier sind meine zwanzig Sekunden dazu:
Abonniert Micky, die sich Lady Mickbeth nennt und ihren Newsletter nach der mörderischen Taktik der dunkelsten aller Shakespearedamen nennt.
Ich bin begeistert von der Klugheit, Dichte und Treffsicherheit ihres Schreibens. Hier ist der Artikel, mit dem sie mich zum Fan gemacht hat:
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken. Ansonsten kann ich richtig gut Musik für Orchester komponieren und von der Bühne aus am Klavier für hervorragende Laune sorgen.
Bitte, restackt diesen Post, wenn er Euch gefällt. Herzlicher Dank!






