Vincent, du bist ein Kämpfer
Die Orgie fiel aus. Ich spielte trotzdem weiter.
Penthouse-Präludium im Martini-Milieu
Einmal spielte ich auf der Privatfeier eines jungen Immobilienmoguls: In seiner riesigen Berliner Dachgeschosswohnung empfängt der Unternehmer mit seiner Freundin ein anderes Paar zum Dinner. Ein Koch kümmert sich in der offenen Küche um Steaks vom Kobe-Rind, ein Barkeeper bewirtetet das Ensemble mit Martinis.
Mein Auftrag: Ich begleite den Abend am Flügel mit Barmusik. Allerdings wurde ich auch zum Filmmusikkomponisten, später zur Tanzband, dann zum musikalischen Hospizbegleiter eines sterbenden Festes. Aber der Reihe nach:
Broadwayklänge gegen Herzensenge
Ich spiele amerikanische Klassiker im romantischen Champagnerstil: Charlie Chaplins „Smile“, große musikalische Gesten aus dem Sinatra-Universum wie „I get a kick out of you“ und „That’s life“. Im Laufe des Dinners erhebt sich der Gastgeber und hält den drei anderen eine Rede, bedankt sich beim befreundeten Paar für Beistand in schwerer Zeit.
Der wunde Vincent
„Keiner hat mir geglaubt, alle haben mich beschuldigt, haben gesagt, Vincent, der Betrüger. Ihr wart die einzigen, die an meiner Seite blieben, als sich alle von mir abwendeten.”
Vincent redet sich in Rage und berührt immer häufiger mit der rechten Hand seine durchtrainierte Brust in Herzgegend. Tränen rollen, es wird applaudiert. Dass die Herrschaften ziemlich häufig einzeln im Bad verschwinden und anschließend schniefen, ist verdächtig. Aber klar, man pudert sich in diesen Kreisen diskret das Näschen.
Große Oper, große Gefühle
Barmusik reicht hier nicht mehr, ich werde zum Filmmusikkomponisten, zum Sound-Chronisten der High Society: Die Abgrenzungsworte über feindselige Neider statte ich mit dissonanten Richard-Wagner-Akkorden aus. Während des Lobgesangs auf die Gäste löse ich sie in erleichterte Feelgoodklänge auf. Es dauert nicht lang, da steht der andere Mann auf: „Vincent, du bist ein Kämpfer. Du gibst nicht auf, das bewundern wir an dir. Du hast das Herz am rechten Fleck und bist ein Stehaufmännchen.”
Diskretionsdämmerung
Tränen. Applaus. Umarmungen. Martinis. Die Diskretionsroutine hat sich mittlerweile erschöpft, die Lines werden direkt auf dem Tisch gehackt und gezogen, alles zu meiner atmosphärischen Filmmusik am Piano.
Die Freundin des Gastgebers öffnet ihr Haar und beginnt, sich lasziv zu bewegen. Sie lässt ihre Hände in Zeitlupe über ihre Oberschenkel gleiten, dabei lupft sie ihr Kleid, wirft den Kopf in den Nacken, beißt sich immer wieder auf die Unterlippe. Sofort nehme ich ihre Bewegungen auf und spiele schwüle, diskohafte Fummelmelodien und Flokatiakkorde zu trippigen Basslinien, die auch von Boney M sein könnten. Im Vorbeitänzeln am Flügel streifen ihre Fingerkuppen meine Schulter.
Beckenbodengeflüster
Das Quartett steht jetzt rhythmisch rum, die Männer deuten fickige Bewegungen an. Stumm schreit es aus ihnen allen: Wenn wir wollten, könnte das hier eine richtig geile Orgie werden, die in den Boden eingelassene Badewanne ist groß genug für uns alle.
Ich genieße das Privileg, in dieser hochpreisigen Welt den Soundtrack zu schaffen und die Wolllust anzufachen.
Swipe statt Sex
Doch wenig später, ich bin noch immer am Flügel, das Personal räumt schon leise in den Küchen herum, sitzen die vier wieder am Tisch. Jeder für sich starrt in sein Handy. Der Gastgeber ruft mir von seinem Platz überschwängliche Komplimente zu und applaudiert. Die anderen bleiben in trister Trance.
Er bringt mich zur Tür, lobt mich wortreich und steckt mir immer wieder große Scheine zu, obwohl ich schon ein Honorar bekommen hatte, mit dem ich ein paar Tage im Hotel Adlon wohnen könnte. Auf dem Heimweg denke ich: Vincent, du bist ein Kämpfer. Ich auch.
Ich weiß es, auch Ihr kämpft, verehrte Leserinnen und Leser,
ringt bitte den inneren Widerstand nieder, der Euch davon abhält, dieser 243. Sonntagskind-Kolumne ein Like zu spendieren. Das ist in der digitalen Welt so wichtig wie das Koks für Vincent.
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Herzlich
Euer Sonntagskind




Ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert. 😄
Vor allem die Vorstellung, wie du dich wandelst und eine Karriere an einem Abend durchgespielt hast, hat mich mehrfach lachen lassen.
Gleichzeitig hat der Text bei mir eine ganz andere Erkenntnis ausgelöst: Ich komme mir dabei unfassbar naiv vor. 😅
Vielleicht, weil ich mich ernsthaft frage, ob Menschen sich wirklich so vor ihren Angestellten, Musikern, Köchen oder Barkeepern verhalten. Irgendetwas in mir denkt immer noch, dass man sich zumindest ein kleines bisschen zusammenreißt, wenn andere Menschen im Raum sind.
Und dann frage ich mich automatisch: Wie viel Koks konsumiert man eigentlich? 😳 ich dachte einmal und der Abend gehört dir😅
Denn was bei mir am Ende hängen geblieben ist, war nicht der Exzess, sondern das Bild von vier Menschen in einer Luxuswohnung, mit allem, was man sich kaufen kann, die irgendwann doch wieder schweigend auf ihre Handys schauen.
Großartig beobachtet und sehr unterhaltsam geschrieben.
In einer Szene im Film "Pulp Fiction" fragt die Figur Jules (Sam L. Jackson) Vincent (John Travolta) "We happy?". Darauf antwortet Vincent "Yeah, we happy". Das deutet darauf hin, dass sie mit dem Inhalt des Aktenkoffers zufrieden sind. Was darin genau enthalten ist, wird nie aufgeklärt. Könnte es eine goldene Schallscheibe Musik von diesem Tag aus Berlin sein?