Wo ist der Bus?
Über Grandezza und Romantik
„Wo ist der Bus?“ – fragten sich die Werksangehörigen des ÖPNV in Wiesbaden. „Wo ist der Bus?“ fragen auch freshe people, wenn sie sich langweilen. Den trendenden Spruch bringst du, wenn du mit Blabla belästigst wirst, zum Beispiel so. Du hörst:
„ … und ich so dann zu ihr ey voll krass und sie dann ja boah ey nee, Alter, Wahnsinn …“,
du unterbrichst und fragst
„Wo ist der Bus?“,
woraufhin so etwas kommt wie
„Hä? Was für ein Bus?“,
und du dann schlagfertig ergänzt
„Der Bus mit den Leuten, die das interessiert.“
In Wiesbaden sind mehr als ein Bus voll Leute interessiert. Ein Linienbus fehlt – wegen Romantik:
15-jähriger Boy klaut Linienbus, um seine Freundin zur Schule zu bringen.
Dauer-Duckface und Telephontrieb
Währenddessen in in Venedig, Harry‘s Bar: Meine Tochter und ich beobachten einen reviersensiblen Rolexträger und seine von Bottega-Veneta-Bags umrahmte Begleiterin. Sie trägt den internationalen Arrogant-Bitch-Look modellierter U-30-Girls mit Hyaluronschnute, er den moppelig-nachlässigen Business-Style der Immobilienbranche.
Ein Mindset aus entstellten Umgangsformen, das signalisiert: Ich kann es mir leisten, keine Manieren zu haben. Er klebt am Handy, während die stumme Frau daneben sitzt und dank Botox noch nicht mal mehr mit den Augen rollen kann. Dass der Kellner, ein eleganter Herr in seinen Achtzigern, gerade Drinks bringt, ignoriert der Mann von Geld.
Besoffene Weltstars
Die legendäre Bar atmet so eine Stillosigkeit einfach weg. In diesen Sesseln tranken schon Hitchcock, Charlie Chaplin, Alice Schwarzer und die Queen ihren Bellini. Der Pfirsichcocktail wurde in Harry’s Bar erfunden. Früher hatte man Manieren, denkt der Kellner, denke ich.
Ob er schon servierte, als Hemingway und Scott Fitzgerald sich hier gegenseitig verprügelten? Nicht gerade Gentlemen alter Schule, die beiden früheren Stammgäste in Harry’s Bar.
Ich werd noch woke
Um meine Tochter zu unterhalten, versuche ich einen Witz. Wie nennt man einen kleinwüchsigen Restaurantbesitzer, frage ich, und ernte einen befremdeten GenZ-Blick. „Gastrognom“ freue ich mich über meine Kreation, leider nicht zur Belustigung meiner Tochter. Sie schlägt vor, die Frage in „Wie nennt man einen Gartenzwerg, der ein Restaurant betreibt“ abzuschärfen, ich protestiere: Der Zwerg schwächt die Pointe, weil er dem Gnom Synonym ist. Sie fragt, ob ich den Witz auch in Gegenwart kleinwüchsiger Menschen reißen würde. Natürlich nicht, schließlich habe ich Manieren. Wir geraten in Disput darüber. Ich werd noch woke in Harry‘s Bar.
Früher war alles krasser
In einer TV-Dokumentation aus dem Jahr 1970 erzählt Giuseppe Cipriani, der Gründer der Bar, von seiner Anfangszeit. „I worked like a Negro“ kommt es ihm da ganz flüssig über die venezianischen Lippen. Da zucke sogar ich zusammen. Eleganz muss immer neu erfunden werden, Nostalgie ist kein Garant für Glamour.
Würde trotz Wirtschaftskrise
Andererseits ist die Geschichte von Harry‘s Bar eine von Ehre und Anstand: Giuseppe Cipriani war Ende der 1920er Jahre Kellner im Grand Hotel Europa. Dort freundete er sich mit einem jungen Amerikaner an, der beim Börsencrash sein Vermögen verlor. Die Hotelrechnung und die Rückreise nach New York konnte er nicht mehr bezahlen. Giuseppe kratzte alles Ersparte zusammen und half dem Amerikaner aus. Der kam ein paar Monate später wieder, machte seine Schuld gerade und schenkte Giuseppe zum Dank 5.000 Dollar, das Startkapital für seine Bar, die er nach dem Amerikaner nannte, Harry Pickering. Das hat Grandezza.
Grandezza statt Gesinnung
Alice Schwarzer hat Grandezza, wenn sie eher amüsiert als genervt auf die Pöbler reagiert, die ihre Lesung im Schauspielhaus Hamburg zu verhindern versuchen. Dass eine Frau auf einer Bühne spricht, deren Anschauungen mit der Weltsicht einer selbstempfunden progressiven Gesinnungselite kollidiert, halten sie nicht aus. Vielleicht denkt Alice sogar: „Wo ist der Bus?“
Wer hier zum ersten Mal vorbeischaut: Ich bin Mark Scheibe, ein freundlicher Snob, der mit seinem Steinway-Flügel auf einem Hausboot lebt. Mit meiner wöchentlichen Kolumne „Sonntagskind” versuche ich mich vor dem natürlichen Andrang auf mein stetig wachsendes literarisches Oeuvre zu verstecken. Ansonsten kann ich richtig gut Musik für Orchester komponieren und von der Bühne aus am Klavier für hervorragende Laune sorgen.
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