Chatti. Amerika.
Von großer Kunst, unbezahlten Assistentinnen und sehr guten Verbindungen
Verehrte Tausendschaft, wachsende!
Ihr prächtigen Menschen! Gestern las ich von einer Kollegin auf Substack, sie schämte sich dafür, beim Schreiben immer gefallen zu wollen, dass sie dabei immer an jemanden denkt. Ich schlug ihr vor, diese Vorstellung als Gabe zu betrachten, nicht als Bürde. Mir geht es genauso, ich denke bei jeder Kolumne an Euch, stelle mir vor, wie Ihr lest – beim Frühstück laut für Freund oder Liebhaberin – oder allein in der Hängematte, beim Warten auf die Pferdekutsche.
Auf dem Smartphone im Straßencafé in Wien oder ausgedruckt auf Büttenpapier. Innerlich werde ich zu einem Gastgeber, der jeden Sonntag eine literarische Champagnermatinée für Euch ausrichtet – die soll so leichtgängig, amüsant und trotzdem bewegend sein, wie ich es eben hinbekomme.
Herzlich willkommen an die neuen Abonnentinnen und Abonnenten, es ist richtig schön, dass Ihr den Weg zu mir gefunden habt. Besonderer Dank an diejenigen von Euch, die mein Schaffen mit einem bezahlten Abonnement unterstützen – das hilft beim Durchhalten und tut gut.
Sonntagskind erscheint seit Sommer 2021 zuverlässig jeden Sonntag um fünf Uhr fünf – so wird es auch bleiben. Mittlerweile ist Sonntagskind auf Platz #212 in Substacks internationaler Rangliste der Kategorie „Humor” – yeah!
Diese Kolumne bleibt gratis für alle, die das wollen. Darf ich darum bitten, bei Gefallen ein Like zu hinterlassen? Noch besser ist ein Kommentar, den ich auf jeden Fall beantworte – ein Kommentar schafft Sichtbarkeit. Richtig stark ist Restacken mit ein paar eigenen Sätzen. Restacken, das ist dieses Symbol da unten, die beiden Pfeile, die an das Logo vom Grünen Punkt erinnern:
Die eigenen Sätze könnten sein (einfach kopieren und einfügen):
„Himmel, ist das bescheuert. Lange nicht mehr so gelacht!”
oder
„Jetzt les sich einer den Mist von diesem arroganten Scheibe durch!”
oder
„Darf hier eigentlich jeder Spinner schreiben, was er will?”
– irgendwas Nettes halt. Aber nun wünsche ich gute Unterhaltung mit der zweihundertneunundvierzigsten Sonntagskindkolumne!
In letzter Zeit mache ich Titelbilder dieser Kolumne mit Chatti. Holger schrieb: „Diese Graphik ist große Kunst“, Rainer findet das auch. Es musste ja so kommen, die KI-Bilder stehlen meiner Kolumne die Show. Holger wollte mich aufbauen: „Aber dieses Ergebnis herbeizuprompten, das ist große Kunst!“
Prompt, Pomp und Pixelpoesie
Da hat er natürlich recht. Aus diesem Grund will ich heute einen Einblick in die Abteilung Graphik der Sonntagskind-GmbH ermöglichen. Ich mach das immer so mit der großen Kunst: Der Salon wird verdunkelt, ich baue eine ausgeleuchtete Bühne auf, darauf mein Macbook auf einem Stuhl mit einem Samtkissen. Es muss erstmal auf mich ein Weilchen warten, denn ich habe Wichtigeres zu tun. ChatGPT ist mit eingeschaltetem Mikrophon bereits in Standby. Das kostet, aber mir egal.
Großkünstler mit Gefolge
Dann komme ich. Ganz in schwarz, mache abfällige Gesten in alle Richtungen und fluche murmelnd. Zwei Assistentinnen laufen lautlos mit und trauen sich nicht zu atmen. Die beiden habe ich von theaterjobs.de – wenn man ein kleines bisschen bekannt ist, kommen die Praktikantinnen von selbst. Sie stehen gerne rund um die Uhr zur Verfügung und ihnen ist klar, dass jede Form von Bezahlung nur ihre künstlerische Entwicklung verwässern würde.
Der Design-Diktator
In die ehrfürchtige Stille spreche ich meine Anweisungen Richtung Macbook, die Assistentinnen schreiben mit. „Querformat. Nimm irgendwas von dem Quatsch, den ich geschrieben habe und hau es so zusammen, dass es aussieht, wie sich urbane Neohippies so ein bescheuertes Retroplakat aus dem Berlin der 1920er vorstellen, die Leute flippen aus bei diesem Babylon-Berlin-Scheiß. Mach mir zwölf Versionen, ich nehme dann die erste Fassung.
Feierabendverbot für Freiwillige
Dann fauche ich noch mal die Assistentinnen an, ob sie denn zu gar nichts ein Talent haben und mache ein Nickerchen auf der Bugterrasse, während sie die Aufzeichnungen abtippen, die elf anderen Fassungen mit der Feder abzeichnen und mit größter Akkuratesse in einem Produktionshefter ablegen, den ich sofort in den Biomüll pfeffere. Du siehst, Holger, es stimmt: Große Kunst!
Geheimagent für Größenwahnsinnige
Ansonsten kümmere ich mich um die meisten Angelegenheiten jetzt nicht mehr selbst, ich habe einen Agenten. Agent – empfindet Ihr auch so eine gänsehautige Faszination bei diesem Wort? Da schwingt James Bond mit, das klingt nach „Ich reiß im Hotelzimmer die Waschbecken aus der Verankerung und mein Agent regelt das dann alles“.
Côte d’Azur statt Künstlerqualen
Endlich kann ich meine hart antrainierte Arroganz mit Realität unterfüttern, aus der Hängematte rufe ich es in die Weltmeere: „Anfragen für Konzerte, Shows, etc. bitte direkt an die Agentur Reisinger!“ Mein Agent sieht aus wie der mitteljunge Leonard Bernstein und arbeitet gern von der Côte d’Azur aus.
Dicke Bäuche, dünne Versprechen
Einmal spielte ich ein Konzert in einem hanseatischen Club, wo Männer in Anzügen Zigarre rauchten. Einer der Herren, mit weit geschnittener Bundfaltenhose und einer Krawatte, die im Bauchbereich beinah waagerecht lag, gestikulierte mit dem Handrücken und der zwischen den Fingern festgewachsenen Coriba.
Weltkarriere aus dem Wurstfinger
Dabei versprühte er seine ganz eigene Art von mediterraner Grandezza. Er stach mit dem Stummel in die Luft, in Richtung meines Gesichts und sprach: „Herr Scheibe, mir gefällt, was Sie da machen. Und das ist jetzt für Sie vielleicht gar nicht so unwichtig, dass mir gefällt, was Sie da machen. Ich habe“, und hier verlangsamte er seinen ohnehin schon sehr raum- und zeiteinnehmenden Vortrag, „sehr gute Verbindungen nach Amerika.“
Dreißig Jahre Bedenkzeit
„Oho!“, sagte ich anerkennend. Dann schaute mir der Mann noch einmal tief unter meine Augen und gab mir mit zusätzlich zur aufragenden Zigarre erhobenem Zeigefinger mit: „Denken Sie mal darüber nach!“. Das ist jetzt schon über dreißig Jahre her und ich denke immer noch darüber nach.
Armbandfrei nach Amerika
Wo hab ich nur die Telephonnummer? Ich verdunkle den Salon. Die Bühne wird ausgeleuchtet, das Macbook liegt bereit, die Assistentinnen haben jetzt auch ihren Schmuck abgelegt, weil ich dieses affige Geklacker nicht ertragen kann, wenn ich arbeite. Und dann spreche ich in die ehrfürchtige Stille: „Chatti. Sag Amerika, es kann losgehen.”
Am Montag um 19 Uhr schalte ich die Kamera auf meinem Hausboot ein und „gehe live”, wie wir modernen Substacker sagen. Beim letzten Mal habe ich versehentlich eine E-Mail dazu versendet, dafür bitte ich um Verzeihung.
Mein Versprechen, dass von mir nur eine Mail pro Woche kommt, gilt. Die Live-Aufzeichnung findest Du, wenn Du die Substack-App auf dem Handy um 19 Uhr öffnest oder auf dem Computer einfach auf substack.com gehst.
PS: Ich habe meine Freundin Lucy van Kuhl besucht, die Klavierkabarettistin. Gemeinsam haben wir die letzte Kolumne „Die Diva-Diagnose” eingelesen, Lucy hat die Zwischenüberschriften gesprochen. Heute (Sonntag, 12.7.) im Laufe des Tages schneide ich das und lade es hoch, schaut doch gegen Abend mal hier rein, dann könnt Ihr es hören.
Bis morgen (Montag, 19 Uhr) und nächsten Sonntag, in großer Vorfreude auf die zweihundertfünfzigste Champagnermatinée mit Euch, Euer
Noch ein PS: Ich schreibe täglich Übungen, die dem Training des Kopfkino-Schreibmuskels dienen. Wenn Du die Übungen auch machen willst, steig ein. Fang unbedingt bei Tag 1 an – und schreibe mir, wie es Dir gefällt.








Danke, ich habe eben sehr gelacht als ich nach "meiner Chatea Nacht" mit einem neuen Song und viel Gedankenreflektion der AI-KI Deine Sonntagskind Kolumne las. Und über dieses restacken habe ich auch @MINDONTHELOOSE gefunden, das Du empfohlen hast - und zack, war ich in New York. Das war vor einigen Tagen und ich habe auch Tina geschrieben, dass ich sie über das "german Substack" gefunden habe, aber irgendwie nicht verstanden wie das mit dem restack funktioniert weil mir das über meine Smartphone App nicht angezeigt wird (oder ich habe es nur noch nicht entdeckt). Meine Weiterleitung dieser Kolumne per Nachricht wurde auch nicht abgeschickt wegen "Error". Anyways, your ticket is maybe waiting for you! Mit dem vielschichtig und absichtlich übertriebenen understatement Diva-Vibe bist Du dort bestimmt auch auf den Kleinkunst Varieté Bühnen gerne eingeladen (und findest vielleicht auch den Cohiba-Mann wieder von dem Du geschrieben hast..!?)... Ich lese gerne weiter, ob mit Agent oder ohne, zur Not frage ich Deine PraktikantInnen 🤔😊