Geh arbeiten!
Über den merkwürdigen Tonumfang eines deutschen Wortes
Fremdwort im eigenen Land
Langsam schippert die Yacht an meinem Hausboot vorbei. „Einen wunderschönen Tag der Arbeit wünsche ich!“ ruft der gutgelaunte Schiffsnachbar auf meinen Open-Air-Frühstückstisch. „Ich habe keine Ahnung, wovon Du sprichst!“ – rufe ich zurück.
Mehr Netto vom leeren Regal
Arbeit, das ist bei Netto die Regale einräumen, Säcke schleppen im Hafen und im Kühlhaus gefrorene Hühnerteile sortieren. Ich schaue auf die Fische in der Havel und kritzele irgendwelche Gedanken in mein Büchlein, aus denen später Kolumnen und Songs werden. Mich können die Gewerkschaften Ende des 19. Jahrhunderts nicht gemeint haben, als sie den 1. Mai als internationalen Kampftag der Arbeiterbewegung ausriefen.
Vom Steinbruch zum Champagner
Ist es nicht sonderbar, dass wir dem Wort „Arbeit“ einen so riesigen Tonumfang gestatten? Die semantische Breite reicht vom versklavten Steinekloppen mit Kette am Bein bis zum Millionen-Daytrading per Handyapp zwischen zwei Gläschen Dom Perignon.
Ein Wort verliert seine Unschuld
Die Nazis haben so viel verdorben: Sie haben die Sprache vergiftet. „Arbeit macht frei” schmiedeten sie über das Tor zur Hölle in Auschwitz.
Handeln statt Hadern
Außerhalb des Horrors stimmt es. Schmettert mich die Melancholie nieder, ziehe ich mich wieder aus dem Sumpf, indem ich mich an den Flügel setze. Eine Idee zu Papier bringe. Die Fenster putze, ein Regal anbringe. Nur durch Gestaltung überwinde ich die Bürde der Realität.
Was stehlen eigentlich Tagediebe?
In Bremen leitete Yaşar Koçaş viele Jahre ein alkoholfreies Jugendcafé. Sein Sohn Mervan hat dort ein Tonstudio aufgebaut. Jugendliche aus dem Stadtteil lernten da, ihre persönliche Realität zu überwinden – manchmal zwischen abgebrochener Hauptschule und der Aussicht auf Arbeitslosigkeit. Sie rappten, produzierten Tracks, schrieben Texte, drehten Videos, lernten ihren Frust in Freude zu verwandeln. Gemeinsam. Jetzt wurde das Café geschlossen, Geld ist alle. Und die Jungs? Werden vorm Einkaufszentrum rumlungern und einen schlechten Eindruck machen. „Geht arbeiten!“ – zischten die alten Leute früher denen ins Gesicht, die sie für Tagediebe hielten.
Crack statt Brotkrumen
Stadtbild. Ach, Kanzler. Beim Joggen in den Bremer Wallanlagen denke ich: Du hattest recht. Auf den Bänken hier am Wasser saß früher meine Oma und fütterte Enten. Heute hängen hier arabische Drogenhändler ab – und mit ihnen ihre verwahrloste Klientel, die alten Leute trauen sich nicht mehr her. Und wenn doch, bringen sie sich besser einen Campingstuhl mit, die Stadt hat nämlich angefangen, Bänke abzumontieren. Bravo, Politik: Wer Bänke abschraubt, damit unerwünschte Personen sich nicht niederlassen, reibt am Thermometer, wenn es zu kalt ist.
Was ich alles nicht werden wollte
In meinen Zwanzigern hatte ich für ein paar Monate Sozialhilfe bezogen. Das war eine tolle Sache: Die Miete war bezahlt, das Geld war nicht knapper als sonst auch und ich musste mein kostbares Leben nicht mit damit vergeuden, in ausgebrannten Häusern mit einem Hammer den Putz abzuklopfen. Oder als Kaufhausdetektiv bei Woolworth so zu tun, als würde ich mich für Kurzwaren und Geschenkpapierrollen interessieren. Oder in einem blauen Kittel an einem Stand im Einkaufszentrum zu posieren, als ob ich etwas von Wintergärten verstünde.
Die Jobs sind gelutscht
Die Yacht meines Nachbarn ist nur noch ein Punkt am Horizont. Da hinten wohnt auch die Weisheit, dass es im Leben nicht nur um Jobs gehen kann, sondern darum, zu lernen, sich die Welt mit eigenem Geist und eigenen Händen bewohnbar zu machen.
Den Jungs aus dem Tonstudio hat das jemand gezeigt. Jetzt nicht mehr. Die Dealer im Park haben sich auch in dieser Welt eingerichtet. Nur eben auf Kosten aller anderen.
Die eigentliche Arbeit
Wie wäre es, wenn wir das Solidarsystem persönlich nehmen? Wenn jeder von uns, der die Realität überwindet, Sehnsucht in Nahrung verwandeln kann, aus Verzweiflung Einheit schaffen und Einsamkeit in Verbindung überführen kann, den anderen hilft, genau das zu lernen?
Wir sind Menschen, wir können so was.
Liebe Leserinnen und Leser,
klickt da unten auf das Herz, bitte. Es fühlt sich nicht nur gut an, es ist in der digitalen Welt so wichtig wie Yasar für die Bremer Jungs. Substack wird von Daten bewegt – jede kleine Herzregung von Euch ist eine Revolution gegen die Bedeutungslosigkeit.
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Herzlich
Euer Sonntagskind



