Mit dem Hausboot nach Berlin
Captain's Dinner in der Zeitgeistschleuse
Verehrte liebe Lesende,
erlebt Ihr Reisen auch als Abenteuer? Mit jedem Trip spüre ich die Chance auf Veränderung. Das geht soweit, dass ich aufpassen muss, nicht „Transformation” zu denken, wenn ich drei Stationen mit der Tram fahre. Aber dieser Törn brachte mich nicht nur von A nach B, sondern auch zu Erkenntnis und Vertrauen. Wo sollte man besser darüber berichten als hier auf Substack, dem Foyer für Social-Media-Müde, dem Podium für Suchende, dem Atelier für Lebenskunst? Herzlich willkommen zur 236. Sonntagskindkolumne.
Berlin als Generalprobe der Freiheit
Kurz nach der Wende, Anfang der Neunziger, habe ich bei Freunden in Berlin gelebt. In einem besetzten Haus in der Gormannstraße, in der Nähe vom Hackeschen Markt. Jede Nacht wurde irgendwo eine neue Bar improvisiert. Wir waren vertraut mit unserem Kiez, den wir alle ständig veränderten – als wäre die Stadt ein Kuchenteig, an dem wir alle herumkneteten, nicht wissend, ob wir ein Paradies schaffen oder ein Moloch. Wir trafen Leute aus der ganzen Welt, alle wollten mehr als sich mit den Versprechungen ihrer Heimat zufriedengeben. Und dachten: Dieses Mehr, das gibt es vielleicht in Berlin. Man konnte prima Künstlerleben üben: Mit wenig Geld maximal feiern, mit anderen Realitätsflüchtlingen über durchgeknallte Ideen philosophieren, ohne dass sich daraus etwas ergeben musste. Für Skeptiker war das alles nur Gelaber, wir aber erfanden unsere Leben und hielten es für normal, wenn Leute in einsturzgefährdenden Ruinen Konzerte gaben, in denen es nur elektronische Störgeräusche zu hören gab. Oder wenn jemand zusammengeknäuelte Stromkabel zu Kunst erklärte und in einem verlassenen Ost-Berliner Verwaltungsgebäude ausstellte.
Als Außerirdische noch im Asphalt wohnten
Wir badeten in einer freistehenden Wanne mit Blick auf dem Fernsehturm, das Wasser wurde mit Kohle auf Temperatur gebracht und in einem Kassettenrekorder lief John Cage. Wo die nächste Party war, erfuhr man auf der Straße, im Gespräch. Wenn jemand vornüber gebeugt durch die Straßen schlurfte, dann nicht, weil er von seinem Handy so fasziniert war, sondern weil er glaubte, in der steinernen Maserung des Bürgersteigs Botschaften von Außerirdischen zu lesen.
Eleganz als Fremdkörper
Ich finde, das war eine gute Zeit. Auch wenn ich nie so richtig dazugehörte mit meinen Anzügen und der Sehnsucht nach Stil und Eleganz.
Zuhause in Bewegung
Seit ein paar Tagen befinde ich mich in der höchsten Daseinsform der Eleganz: einer Schiffsreise. Allerdings bin ich Passagier und Kapitän zugleich. Mein Zuhause, eine Wohnung auf einem Schiffsrumpf, fahre ich inklusive Flügel und dem gesamten Hausstand von Ueckermünde nach Berlin.
Der Ort, der mich nicht mehr vertreibt
Als ich im Morgengrauen die Motoren anlasse und aufs morgenbesonnt schimmernde Stettiner Haff fahre, laufen Glückstränen. Wo ich zuhause bin, war mir immer ein Rätsel. Jede Wohnung wurde nach anfänglicher Einzugseuphorie ein Kompromiss, dann musste ich wieder weg. Mein Hausboot ist meine 35. Adresse und ich spüre: Diese ist mein Zuhause. Der Wellenschlag der Tanker, die auf der Oder Richtung Stettin an mir vorbei vibrieren, entspricht dem Auf und Ab meiner eigenen Gefühle. Ich habe meine vertraute Umgebung dabei und sehe trotzdem eine immer neue Welt durchs Fenster.
Mal begleiten mich Möwen, mal schwirren Schwalben ums Haus, gelegentlich hebt ein Reiher seine Schwingen über mein Dach und vorgestern schaute mir vom Ufer ein Adler in den Salon.
Architektur mit Größenwahn
Das Schiffshebewerk Niederfinow ist ein gigantisches Industriegebilde, das so aussieht, als hätte ein von geraden Linien besessener Riese den Eiffelturm in die Form einer rechteckigen Kommode gebogen. Dieses Monsterwerk hebt mein Zuhause in fünf Minuten fast vierzig Meter hoch in den Oder-Havelkanal – und mit ihm meine Freude über die Wunder, die Menschen zu verbringen imstande sind.
Captain’s Dinner als Lebenshaltung
In Stettin ist mein Freund Christoph von Sonnenburg zugestiegen. Ich bin froh, dass der erfahrene Skipper mich auf einem Teil meiner Reise begleitet. Auch, weil er so gut kocht, dass alles, was er auf den Teller bringt, Captain’s-Dinner-Niveau hat. Müsste man mit Christoph an Bord eine Fahne hissen, wäre das die rot-weiß-karierte Tischdecke italienischer Restaurants.
Zwischen Pasta und Polizeikontrolle
Wenn er am Abend kocht, erfinde ich am Steinway den Soundtrack zu Christophs Gourmet-Spaghetti am Lehnitz-See. Morgens geht es mit dem schwindenden Mondschein nach Berlin, auf der Spree hält uns die Wasserschutzpolizei an: „Machen Sie mal unter der Brücke fest“ – ruft es vom Deck der Staatsmacht und ob man mal an Bord kommen dürfe. Zwischen 10 Uhr 30 und 19 Uhr darf man im Innenstadtbereich auf der Spree nur mit Sprechfunk unterwegs sein. Wenigstens ist der Ort poetisch: Wann kollidiert man unter einer Brücke schon mit der Obrigkeit?
Substack gegen Staatskasse
Hoffentlich reichen die Einnahmen meiner zahlenden Abonnenten, um die Kosten für die unvergessliche Ordnungswidrigkeit zu decken. „Da kommt ein empfindliches Bußgeld auf Sie zu“ – weiß der Beamte und leitet uns an einen Strafanleger am Schiffbauerdamm, den mein Schiff bis 19 Uhr nicht verlassen darf.
Feuilleton trifft Mülltonne
Groteskerweise hatte ich davon phantasiert, mit dem festlich beleuchteten Salonschiff am Schiffbauerdamm zu liegen und mit einem Champagnerkelch von der Bugterrase das Treiben der Feuilleton-Elite vorm Berliner Ensemble zu beobachten. Jetzt ist es auch der Schiffbauerdamm, aber die Aussicht könnte keinen stärkeren Kontrast zum Theaterpublikum und den austernschlürfenden Gästen des Restaurant Ganymed bilden: Drei ganz und gar schlichte Mülltonnen glotzen mir mit ihren schmutzverschmierten Quadratmäulern aufs strafgeparkte Zuhause.
Mutprobe Mühlendammschleuse
Christoph rollt die Pomodorofahne ein und geht von Bord. Um 19 Uhr fahre ich Richtung Mühlendammschleuse. Mir ist etwas mulmig, das 15-Meter-Schiff alleine die Spree hochzuschleusen. Rufe vorsichtshalber bei der Schleuse an und erwarte eine berlintypische „Wennse denkn, Sie könn dit alleene, denn machen Sie’s ooch alleene, Sie Flitzpiepe“-Zurechtweisung, stattdessen hört mich die Schleusenwärterin an. Ich gestehe, dass dies mein erster Törn mit dem Hausboot ist und frage, ob jemand da ist, um mir beim Führen der Leinen behilflich zu sein. Ich soll noch mal anrufen, wenn ich vor der Schleuseneinfahrt stehe, schlägt sie vor.
Doch nicht an der Spundwand zerschellt
Eine halbe Stunde später: „Ich habe mir was für Sie überlegt, fahren sie mal in die linke Schleusenkammer und werfen mir an Steuerbord die Vorderleine zu.“ – Dann instruiert sie mich, wie ich das Heck an die Spundwand manövriere und nimmt die Achterleine entgegen, die sie um den Poller legt. „Ich lasse das Wasser langsamer reinlaufen, damit nicht so eine große Wellenbewegung entsteht und Sie können entspannt die Vorderleine führen, die hintere läuft einfach mit.“ – Menschen können toll sein. Wiebke ist die einzige Frau in der Schleuse, erzählt sie mir. Für mich ist sie eine Königin. Eine gütige Herrscherin über die innerstädtische Seefahrt, die mich davor beschützt, im Schwall zu havarieren, wenn das Stemmtor öffnet. Danke, Wiebke!
Eine Generation widerspricht ihrem Ruf
An der Jannowitzbrücke mache ich fest, denn die drei Stunden bis Schmöckwitz riskiere ich nicht in der Dunkelheit. Direkt am Anleger sitzen zwei süßlich behaschwolkte Ladies auf der Bank. Ein paar Meter weiter nähert sich eine neugierige Gruppe Jungs. Ich lade sie ein, an Bord zu kommen und zeige ihnen das Boot. Manuel, Jehad und Nathan gehen noch zur Schule oder sind schon in der Ausbildung. Sie lassen mich an ihrem Leben Anteil nehmen und interessieren sich, fragen nach dem Leben als Musiker auf dem Schiff. Dass sie einer Generation angehören, die angeblich abstumpft und verblödet, ignorieren sie einfach.
Ein Abend wie ein Neubeginn
Ich spiele für sie ein paar Akkorde auf dem Flügel, dann wird ein englisch sprechender großer junger Mann am Kai vorstellig. Er sei Pianist aus Norwegen, ob er etwas spielen dürfe. Rein mit ihm! Er ist richtig gut, spielt rhythmisch und kräftig, mit rauschhaftem Sinn für Melodie und Sound. Die Jungs verabschieden sich, August aus Trondheim ist auf einer Studienreise mit seiner Musikhochschule. Draußen stehen seine Kommilitonen: Bygge, Bjørn und Seba tragen die Berlin-Euphorie in den Augen, die ich aus meinen Nachwendejahren im besetzten Haus kenne. Ich spüre Ihren Drang, aufzubrechen, ihre fieberhafte Lust zu genießen und zu gestalten, die noch nicht trennt zwischen Rausch und Routine, zwischen Inspiration und Instinktbeherrschung. Ich fühle mich wohl in ihrer Gesellschaft. Seba, der von seiner Londoner Mutter einen farbenprächtigen britischen Akzent mitgenommen hat, beschreibt meinen Lebensstil als Komponist auf dem Hausboot so: größtmöglich frei. Ich erzähle ihm und den drei anderen von meinem Plan mit den exklusiven Hausbootshows. „It will bang like shit!“ sind sie sicher und freundlicherweise völlig begeistert. Ich bin verliebt in die Jungs und es kommt mir vor, als käme ich neugeboren nach Berlin zurück. Der Zauber des Neubeginns ist mir in der Hauptstadt zuletzt abhanden gekommen. Ihre Schwächen hatten mich schon lange genervt: Das Motzen, Lärm, der Müll, die miese Laune.
Durch die Adern der Stadt
Am kommendem Morgen fahre ich weiter Richtung Südost. An der Museumsinsel vorbei, durch die Oderbaumbrücke, vorbei an der metallenen Molecule-Man-Skulptur, an der wilden Hausbootkolonie in der Rummelsburger Bucht, der gefährlich niedrigen Langen Brücke in Köpenick bis zu meiner neuen Postadresse im Yachthafen Schmöckwitz.
Schaffen statt Schimpfen
Beim ersten Kaffee auf der Terrasse erkenne ich: Berlin, das bin auch ich. Das Gemotze, der Müll, der Lärm, die miese Laune – ich mache da nicht mit. Ein Captain’s Dinner mit Christoph ist ein Fest: Wer feiert, motzt nicht. Die Gespräche mit Jehad, Nathan und Manuel sind nichts, was man wegwirft: Miteinander statt Müll. August und seine Freunde sorgen für Klang, nicht für Lärm. Und wird man von Wiebke die Spree hochgehoben, gibt es sowieso keine miese Laune mehr.
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Herzlich
Euer Sonntagskind












So schön erzählt! Das hat heute wirklich gut gepasst, denn gestern habe ich mein Anfang des Jahres gestartetes Buch fast zum Abschluss bringen können! Es geht um eine Familie auf einem Hausboot - und nein, es hat nichts mit Deinem neuen zu Hause zu tun. Es ist ein kleines Märchen für Erwachsene und Kinder und dazwischen. Es handelt von einer Liebe zwischen Mischwesen: ein Mann mit Hirschgeweih aus dem Wald und einer Hippo-Pho Frau, halb Mensch halb Nilpferd die auf einem Hausboot in Asien aufgewachsen ist. Sie haben verschiedene magische Fähigkeiten die aber weit mehr sind als Harry Zaubertricks - mehr so in Verbindung mit der Natur und den Schwingungen zwischen den Welten. Sie bekommen drei Kinder und besiedeln eine Insel nah am Urwald und den Fluss der ins Meer fließt. Eine Traumwelt aber mit Hindernissen, denn sie sind auch "Outlaws" von den Menschen gemieden weil sie nicht ins schnelle und sortierte Leben der Angepassten passen. Dazu habe ich auch Bilder erstellt und das geschah alles vor fünf Monaten als ich lange im Krankenhaus war und mir die Chemie aus Schmerzmitteln und Antibiotika den Kopf verdreht haben. Und siehe da, das Netz der Technik hat mich gerettet. Obwohl ich meine Wohnung aufgeben musste, hatte ich mir die Rohfassung der Geschichte selbst als E-Mail geschickt. Und gestern im Anflug von Möhrenkuchen und Earl Grey alles zusammen gefasst und erweitert. So ist es eine schöne gute Nacht Geschichte mit lustigen, liebevollen aber auch Gesellschaftsforschenden Gedanken und der Message: nur unfertige und nicht perfekte Dinge sind echt und lebendig. Ich freue mich sehr, dass Du Deine Erinnerung so reflektiert hast und Dich wohl fühlst in Deiner eigenen Bunt- und nicht grau - Zone! Ich freue mich auf den Soundtrack zu dieser Reise, aber die beste Reise ist ja eh die, wo man nie ankommt. So habe ich es auf meinen Spurensuchen in der Welt erlebt und bis heute trage ich mein Jahr in Australien jeden Tag in der Innentasche mit mir. Wünsche weiterhin gutes Essen und schöne Ausblicke auf die Freiheit der Geborgenheit!