Hey Leute, ich schreibe ja irgendwie diese Kolumne jede Woche und da gehe ich auch ein Stück weit in die Tiefe, wenn ich mich zum Beispiel wirklich ein bisschen mit dem Zeitgeist beschäftige. Meine Leserinnen und Leser kennen das von mir: Total geschliffene Sätze, die ohne überflüssiges Blabla gleich auf den Punkt kommen. Das ist der Vorteil, wenn man tatsächlich pointiert und verdichtet schreibt: Genauigkeit ist auf gewisse Weise der Schlüssel zu einem mehr oder weniger packenden Text, der eigentlich den Kern einer Sache trifft. Genau.
So kann es nicht weitergehen. Ich kann mich dank meines Alters daran erinnern, dass Leute sich im Radio und Fernsehen Mühe geben und nicht einfach drauflosbrabbeln. Darum habe ich in den letzten Jahren den Deutschlandfunk als sicheren Hafen im Rundfunklärm betrachtet – dort fühlte ich mich vor dem allgemeinen Gequatsche sicher. Aber Sicherheit ist nur ein Gefühl, es bröckelt. Ich höre auf meinem Lieblingssender immer mehr „Tatsächlich“-Sager und Satzaufblaser, Sprachaufweicher und Inhaltsvernebler. Expertinnen faseln in Interviews unwidersprochen hochsubventionierte Sendezeit weg, auch die hochgeschätzten Mitarbeitenden der Anstalt des öffentlichen Rechts polstern mit Wortwatte, anstatt kernig zu texten. Das macht mich traurig. Zwar ziehe ich den DLF immer noch JamFM vor, wo mir der Moderator mein sensibles Morgenkaffeegemüt mit der Aufforderung zerfranst, erstmal schön die Nippel zu chillen. Aber im Ernst: Ich wünsche mir mehr klare Worte, weniger Gelaber.
Es nützt nichts, wir brauchen Regeln: Wie wäre es zum Beispiel, nicht an alle Menschen die gleiche Menge Wortschatz zu verteilen? Mal drüber nachdenken – hier der Entwurf für eine
Neue Sprachordnung fürs Sprechen in der Öffentlichkeit
§1
Fürs Sprechen in der Öffentlichkeit muss eine Wortschatznutzungsberechtigungsgenehmigung beantragt werden. Solange sind Bühnen und öffentliche Räume (Radio, Fernsehen, Internet) denjenigen vorbehalten, die mit Sprache umzugehen verstehen – und das nachweisen.
Der von Bodo Ramelow als Nationalhymnendichter favorisierte Bertolt Brecht hätte es damit schwer: „Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand“ dichtete der fleißige Brecht 1950. Da mag dem freundlichen Linken aus Osterholz-Scharmbeck die Nelke im Knopfloch aufblühen, aber aus professioneller Sicht fallen diese Lyrics durch: Zuviel Verneinung, unnötig komplizierte Formulierungen zugunsten einer Bedeutung vortäuschenden Grammatik, die kein Mensch benutzt, dazu sinnverwischende Betonung von Funktionswörtern – so nicht, Bodo & Bertolt.
Bürokratieabbau – auch beim Schreiben und Sprechen. Zwar habe ich meiner Schule das vorgesehene Finale der gemeinsamen Zeit vorenthalten – ich bin kurz vorm Abitur in die Freiheit abgebogen – sollte ich nicht trotzdem schlau genug sein, um einen Brief vom Finanzamt zu verstehen? Stattdessen staune ich über offizielle Post mit einer kafkaesken Botschaft – in ihr eine Summe. Ich begreife nicht, ob ich diese Summe bezahlen muss oder ob sie mir zusteht. Wer so etwas schreibt, gehört nicht in den öffentlichen Dienst. Diese Erkenntnis führt zum nächsten Gesetz der Neuen Sprachordnung fürs Sprechen in der Öffentlichkeit:
§2
Wer im Namen eines Amtes Schriftstücke verfasst, muss so schreiben, dass eine Jury, die den geistigen Gesellschaftsdurchnitt repräsentiert, sie beim ersten Lesen versteht. Zuwiderhandlungen führen zu einem lebenslangen Zwangspraktikum in der Dramaturgie eines beliebigen deutschen Stadttheaters.
Die wichtigste Regel wird sein, beim Befolgen der Paragraphen 1 und 2 nicht zu erstarren. Es ist die Kreativitätsverpflichtung. Sprache muss klar sein, aber auch lebendig. Wer sich nicht an der Weiterentwicklung der Kommunikationsmittel beteiligt, gräbt den Worten ihr Grab – und sollte seine Brötchen gleich auf Latein bestellen:
„Velim duo panes papaveris, unum croissantum et unum panem gallicum.”
(„Ich hätte gerne zwei Mohnbrötchen, ein Croissant und ein Baguette.“)
Damit kommen wir zum dritten Gesetz der NSOSidÖ:
§3
Wer Sprache vernachlässigt und sich nachweislich Klischees bedient, kann wegen Kommunikationsevolutionsbehinderung zu einer Schweigestrafe verurteilt werden. Die Strafe kann zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn der Verurteilte mit einem selbstgeschriebenen und -vorgetragenen Text aus mindestens 50% neuerfundenen Wörtern das Hohe Gericht zum Lachen bringt.
Verehrte Leserin, verehrter Leser – danke für Deine Aufmerksamkeit. Ich habe mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, diese Zeit unterhaltsam zu füllen, mit Leichtigkeit und Tiefe. Ist es gelungen? Empfiehl mich gern weiter – die reine Zahl derjenigen, die meine wöchentliche Kolumne per Mail im Abo beziehen, ebnet den Weg dafür, dass es irgendwann man Geld dafür gibt. Jedes Abo, jede Empfehlung, jeder Like, jeder Kommentar sind wohltuende Wertschätzung und Währung zugleich – danke!
Helge spricht es aus:
In der aktuellen Ausgabe der ZEIT schreibt Jens Jessen: “Der Kampf zwischen links und rechts wird so nicht als Wahlkampf um die Mitte ausgetragen, die man je zu sich hinüberziehen will, sondern als rhetorischer Kampf gegen die Mitte, der man unterstellt, jeweils schon heimlich dem anderen Lager anzugehören.” – Ich sage: alter Hut, mein Freund! Dass die Mitte zugunsten der Extreme verloren gehen wird, wusste ich schon 2009 – und drückte es mit dieser geschmackvollen Postkarte aus, die ich auf Konzerten unters Volk brachte:
Psychologisch feinfühlige Sonntagskindler haben es schon längst gespürt: Zwischen meinen die Nationalhymne betreffenden Zeilen wohnt der blanke Neid: Ich selbst habe im letzten Jahr eine Neubetextung der Nationalhymne geschaffen, die natürlich viel mehr kann als das oberschlaue Rumgebrechte – einige Elemente des Originaltextes gefielen mir so gut, die habe ich behalten, aber an anderer Stelle auf die Melodie gesetzt. Bitte laut singen:
Jedem Menschen gleiche Rechte von Geburt bis Lebensend,
danach lasst uns alle streben, jeder hat fürs Glück Talent.
Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Element,
weil uns alle, weil uns alle mehr verbindet als uns trennt,
weil uns alle, weil uns alle mehr verbindet als uns trennt!
Mehr über dieses Projekt und ein Video zur Hymne hier:
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Genau.
Bei diesem Wattepolster verwelkt meine Knopflochnelke übrigens auf der Stelle.